Freitag, 14. August 2020
Navigation öffnen
Anzeige:

Medizin

25. April 2012 Alport-Syndrom: Blutdruckmedikament schützt vor frühem Nierenversagen

Bei Menschen mit dem erblichen Alport-Syndrom versagen die Nieren im frühen Erwachsenenalter ihren Dienst, das Blut zu reinigen. Betroffene sind lebenslang auf Blutwäsche angewiesen. Ein Medikament gegen Bluthochdruck kann den Nierenschaden oft um viele Jahre hinauszögern, und auch gesunde Träger des Erbleidens profitieren von einer vorbeugenden Behandlung. Dies zeigte Professor Dr. med. Oliver Gross vom Universitätsklinikum Göttingen in zwei europaweiten Studien. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) zeichnet ihn dafür mit dem Präventionspreis der Deutschen Stiftung Innere Medizin (DSIM) aus. Der Preis ist mit 10 000 Euro dotiert. DSIM-Vorsitzender Professor Dr. med. Manfred Weber aus Köln überreichte ihn am 15. April 2012 im Rahmen des 118. Internistenkongresses in Wiesbaden.
Anzeige:
Basistext
In Deutschland leben etwa 5000 Menschen in 1000 Familien mit Alport-Syndrom. Ursache sind verschiedene Veränderungen, Mutationen, auf einem Gen für das Typ-IV-Kollagen. Dieses Bindegewebseiweiß ist unter anderem im Innenohr, in der Augenlinse und in den Nieren vorhanden. Menschen mit Alport-Syndrom leiden an einer Innenohrschwerhörigkeit, Sehstörungen und einer fortschreitenden Nierenerkrankung. Mit durchschnittlich 22 Jahren sind sie – für den Rest ihres Lebens – auf wöchentliche Blutwäschen durch Dialyse angewiesen. Etwa einer von 100 Dialysepatienten in Deutschland hat ein Alport-Syndrom – viele ohne davon zu wissen.

In einer früheren Studie hatte Professor Gross dargestellt, wie genau sich die Schäden an den Nieren entwickeln: Die Mutation verändert den Aufbau einer Membran in den Filterkörperchen der Nieren. Beim Gesunden filtern etwa eine Million dieser Glomeruli Schadstoffe aus dem Blut. Patienten mit Alport-Syndrom dagegen verlieren über die Nieren Eiweiß, Blut tritt in den Urin über. Die Arbeiten von Gross legten nahe, dass ACE-Hemmer den Nierenschaden begrenzen. Viele Menschen mit Alport-Syndrom behandeln damit ihren Bluthochdruck.

Seit 2006 sammelt der Internist und Nierenexperte Gross deshalb in einem Europäischen Register Daten von Familien mit Alport-Syndrom aus ganz Europa. In der ersten ausgezeichneten Studie untersuchte er durch Vergleiche von Eltern und Kindern den Einfluss von blutdrucksenkenden ACE-Hemmern. Demnach verzögert ein früher Beginn der Hochdruck-Behandlung den Beginn der Dialyse vom 22. auf das 40. Lebensjahr.

Viele Menschen haben neben dem mutierten Alport-Gen auch ein gesundes Gen. Sie übertragen die Anlage zwar, diese prägt sich jedoch nicht in der Form aus. Die Überträger galten deshalb bisher als gesund. In der zweiten Studie konnte Professor Gross jedoch zeigen, dass auch sie im höheren Lebensalter ein Nierenversagen entwickeln können. Und auch bei ihnen kann die Einnahme von ACE-Hemmern das Fortschreiten der Erkrankung aufhalten. Experten schätzen, dass 0,5 bis 1 Prozent aller Menschen Träger einer Alport-Mutation sind.

Nach Ansicht der Juroren der Deutschen Stiftung Innere Medizin „belegen die beiden Studien überzeugend den Stellenwert einer medikamentösen Prävention beim Alport-Syndrom“, sagt DGIM-Generalsekretär Professor Dr. med. Ulrich R. Fölsch aus Kiel. Die Untersuchungen seien zudem von allgemein-internistischer Bedeutung, so die Jury. Denn sie zeigen, dass tendenziell die gleichen Aussagen auch für die vielen Merkmalsträger mit nur einem kranken Gen zutreffen.

Die DGIM verleiht den Präventionspreis der Deutschen Stiftung für Innere Medizin jährlich für herausragende Publikationen aus dem deutschsprachigen Raum über Themen der Primär- und Sekundär-Prävention innerer Erkrankungen. Sowohl experimentelle Ergebnisse als auch epidemiologisch interessante Fragestellungen kommen für die Preisverleihung in Betracht.

Literaturhinweise:
Gross, O, et al.: Early angiotensin-converting enzyme inhibition in Alport syndrome delays renal failure and improves life expectancy.; Kidney Int. 2012 Mar;81(5):494–501. doi: 10.1038/ki.2011.407.

Gross, O et a.l: Incidence of renal failure and nephroprotection by RAAS inhibition in heterozygous carriers of X-chromosomal and autosomal recessive Alport mutations.
Kidney Int. 2012 Jan 11. doi: 10.1038/ki.2011.452.

Quelle: DGIM


Anzeige:

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr als heiße Luft - Bei Sommerhitze die Ozonwerte im Auge behalten

Mehr als heiße Luft - Bei Sommerhitze die Ozonwerte im Auge behalten
© Thaut Images / Fotolia.com

Bei anhaltend hohen Temperaturen steigt auch die Ozonkonzentration in der Luft. „Das schädliche Gas kann bei empfindlichen Menschen die Augen reizen, Hustenanfälle auslösen oder Kopfschmerzen verursachen“, sagt Dr. Ursula Marschall. Die leitende Medizinerin bei der BARMER empfiehlt deshalb insbesondere älteren Menschen und chronisch Kranken bei hohen Ozonwerten körperliche Anstrengungen zu reduzieren.

Mit achtsamer Lebensweise Burn-out vorbeugen

Mit achtsamer Lebensweise Burn-out vorbeugen
© natalialeb - stock.adobe.com

Nach einer Studie des Lebensversicherungskonzerns Swiss Life lag der Personalausfall im Jahr 2018 zu 37 Prozent an Krankheiten bedingt durch psychische Belastung am Arbeitsplatz. Zu den häufigsten Gründen der Krankmeldungen zählten Burn-out und Depressionen. „Menschen leben heute in einer Welt von stetiger Erreichbarkeit. Auch am späten Abend nach der eigentlichen Arbeitszeit, am Wochenende oder sogar im Urlaub erreichen sie E-Mails oder Anrufe, sodass sie nicht zur Ruhe kommen. Deshalb fühlen sich immer mehr Menschen körperlich sowie emotional...

Es ist mehr als nur eine Ausrede: Migräne am Arbeitsplatz

Es ist mehr als nur eine Ausrede: Migräne am Arbeitsplatz
© deagreez / fotolia.com

Mit starken Kopfschmerzen, Übelkeit, Licht- und Geräuschempfindlichkeit zur Arbeit? Für viele Migränepatienten ist das Alltag. Ein Großteil der 900.000 an Migräne leidenden Deutschen schleppt sich trotz starker Schmerzen zur Arbeit – aus Angst einen schlechten Eindruck bei Arbeitskollegen und Vorgesetzten zu hinterlassen. Denn wer über Kopfschmerzen klagt, trifft immer noch auf Vorurteile. Nicht selten wird Migräne belächelt und als Ausrede abgetan. Zum Tag der Arbeit berichten Migränepatienten und Nutzer der Kopfschmerz- und...

Röntgeninstitut plant Mammografie mit audiovisueller Erlebniswelt

Röntgeninstitut plant Mammografie mit audiovisueller Erlebniswelt
© serhiibobyk - stock.adobe.com

Brustkrebs ist mit etwa 70.000 Neuerkrankungen im Jahr die häufigste onkologische Erkrankung bei Frauen. Daher wird der einst von der „American Cancer Society“ ausgerufene Internationale Brustkrebstag am 1. Oktober weltweit zum Anlass genommen, anhand von Informations- und Aufklärungskampagnen Aufmerksamkeit auf die Erkrankung zu lenken und speziell das Thema Vorsorge ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. „Werden bösartige Tumoren frühzeitig entdeckt, sind die Heilungschancen von Brustkrebs äußerst gut“, weiß Dr....

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Alport-Syndrom: Blutdruckmedikament schützt vor frühem Nierenversagen"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • Italien verlängert Notstand bis Oktober (dpa, 29.07.2020).
  • Italien verlängert Notstand bis Oktober (dpa, 29.07.2020).