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Medizin

05. Juni 2017 Cannabis als Therapie: Wirksamkeit oft unklar

Seit März ist es möglich, Cannabis zu verschreiben. Die Hoffnungen der Patienten sind hoch – zu hoch vielleicht. Behörden und Verbände halten sich mit einer Beurteilung zurück.
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Etwa 1.000 Patienten bundesweit durften bisher schon legal Cannabis nehmen. Sie hatten eine Sondergenehmigung des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM). Ob mit dem neuen Gesetz die Zahl der Cannabis-Patienten steigen wird, ist unklar. Das
Bundesgesundheitsministerium hat noch keine Informationen, wie vielen Menschen Cannabis bereits verordnet wurde.

In der Berliner Fachpraxis für Schmerztherapie des Klinikkonzerns Vivantes beobachtet die Medizinerin Corinna Schilling allerdings einen Ansturm von Patienten, die gerne Cannabis auf Rezept verordnet haben möchten. „Generell hatten wir vor der Gesetzesänderung keine
Anfragen zu Cannabis, obwohl es das Produkt ja schon gab“, sagt Schilling. Nun gebe es sehr viele Anfragen, denen man gar nicht gerecht werden könne. Die Menschen gäben an, sie litten unter chronischen Schmerzen und hofften auf eine Cannabis-Verordnung.

Nach Schillings Einschätzung wurde die Gesetzesänderung von Laien teils so aufgefasst, dass es massenhaft Anwendungsgebiete für Cannabis gebe - dabei sei das in den allermeisten Fällen „überhaupt keine Therapieoption“, betont die Ärztin. Sie sieht Risiken angesichts der Nachfrage, die aus ihrer Sicht aus teils irreführenden Medienberichten und gleichzeitig schwammiger gesetzlicher Formulierung resultiert.

Bei dem Cannabis-Gesetz gibt es Anlaufschwierigkeiten – mit Unklarheiten seitens der Ärzte, der Patienten und der Kassen. Einige Betroffene, die bereits eine Sondergenehmigung vom BfArM hatten, hätten von der Kasse nun eine Ablehnung erhalten. „Das ist unverständlich und sicher nicht im Sinne des Gesetzgebers“, sagt Michael Schäfer, Schmerzexperte von der Charité in Berlin. Die Ärzte wiederum betreten Neuland. Zwar sind die meisten potenziellen Cannabis-Empfänger lange in Behandlung. Doch man sieht niemandem die Stärke seiner Schmerzen an. „Die Ärzteschaft ist nicht vorbereitet, sie braucht noch Handlungsanweisung“, sagt Schäfer. Richtlinien der Fachgesellschaften seien noch in Arbeit.

Der Chef der Arbeitsgruppe Sucht und Drogen in der Bundesärztekammer, Josef Mischo, rechnet mit einer gewissen Ausweitung der Therapien, das Ausmaß sei aber offen. Die neue Cannabisagentur des Bundes will ab 2019 Marihuana in Deutschland anbauen lassen, die Mengen sollen gemäß der Ausschreibung jährlich steigen. 2021 und 2022 sollen demnach im staatlichen Auftrag je 2.000 Kilogramm Cannabis in Deutschland geerntet werden. Bei einem durchschnittlichen Tagesbedarf von einem Gramm wäre das rechnerisch die Jahresmenge für fast 5.500 Patienten.

Wie wirksam Cannabis jeweils sein kann, ist vielfach nicht klar. Die Studienlage zu den Anwendungsgebieten ist uneinheitlich und oft dünn. Untersuchungen beruhen häufig auf kleinen Gruppen von Patienten.

Bei chronischen Schmerzen, etwa bei Rückenschmerzen oder Rheuma, dürfen Ärzte nun testen, ob es den Menschen mit Cannabis besser geht. Als gesichert gilt, dass Cannabisblüten bei Spastiken helfen, die bei Multipler Sklerose und bei Nervenverletzungen auftreten. Cannabis soll darüber hinaus Übelkeit und Erbrechen bei Chemotherapien unterdrücken und den Appetit bei Aids anregen. Bei Epilepsie, Alzheimer, Juckreiz und Depressionen sind die Erkenntnisse über die Wirksamkeit bisher eher gering. Manche Patienten bekommen auch Nebenwirkungen zu spüren: Schwindel, Verwirrtheit, Müdigkeit.

„Zur Evidenz von Cannabis-Therapien gibt es bislang relativ wenig Daten“, sagt auch Samir Rabbata, Sprecher der Bundesärztekammer. Deshalb sei es gut, dass das neue Gesetz von einer entsprechenden Erhebung begleitet werde. „Durch sie lassen sich deutlich bessere
Daten darüber generieren, wofür Cannabis tatsächlich sinnvoll ist und für welche Krankheiten dies weniger der Fall ist.“

Quelle: dpa


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