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Medizin

08. Dezember 2014 Chronische Obstipation: Prucaloprid in Alltag und Forschung

Das Prokinetikum Prucaloprid als Therapeutikum der chronischen Obstipation stand im Mittelpunkt eines Symposiums während der 22. UEGW (United European Gastroenterology Week) in Wien. Die Referenten gaben sowohl einen Einblick in den Alltag des Gastroenterologen beim Management der Erkrankung als auch einen Überblick über den Stand der Forschung zu Prucaloprid (Resolor®). Wird es bislang nur bei Frauen eingesetzt, bei denen Laxantien nicht den gewünschten Therapieerfolg erzielen, so zeigen neue Daten, dass das Prokinetikum auch bei Männern wirkt. Und auch die längerfristige Einnahme von Prucaloprid erwies sich als gut verträglich.

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"Prucaloprid hat die therapeutische Landschaft bei der chronischen Obstipation verändert", sagte Prof. Jan Tack von der Universität von Leuven, Belgien. Um die störenden Symptome wie starkes Pressen, harte oder klumpige Stühle, seltenen Stuhlgang und das Gefühl der inkompletten Entleerung wirksam zu bekämpfen, wird nach einem Stufenkonzept behandelt. Dabei steht die Änderung des Lebensstils am Anfang mit vermehrter Bewegung, ballaststoffreicher Ernährung und einer ausreichend hohen Trinkmenge. Reicht dies nicht aus, um die Verdauung zu normalisieren, folgt die Anwendung von Laxantien. Hier steht eine Fülle etablierter Substanzen zur Verfügung, die den Stuhl auflockern oder aufweichen können, teils auf einer osmotischen Wirkung basieren oder den Darm durch ihre Inhaltsstoffe stimulieren. Ungeachtet der Vielfalt der Laxativa und auch ihrer weit verbreiteten Anwendung, sind aber nicht wenige ihrer Nutzer unzufrieden. Begründet wird diese Unzufriedenheit mit begrenzter und unzuverlässiger Effektivität, ungenügender Besserung der Symptome und mangelnder Verträglichkeit. Und so bietet die zuverlässige Wirksamkeit des Prokinetikums Prucaloprid eine willkommene Therapieoption für diejenigen Frauen, bei denen Laxantien nicht wirken.
 
Prucaloprid ist ein oral anzuwendender selektiver 5-Hydroxytryptamin-Typ 4- (5-HT4) Rezeptor-Agonist. Positive Daten zu seiner Effektivität und Sicherheit wurden in drei 12-wöchigen, Plazebo kontrollierten Phase-III-Studien gewonnen, an denen 1974 Patienten mit chronischer Obstipation teilnahmen. In allen drei Studien erreichte von den Patienten, die täglich 2 mg Prucaloprid erhielten, eine signifikant größere Gruppe durchschnittlich > 3 Stuhlgänge pro Woche als die Plazebo-Empfänger (19,5-30,9% vs. 9,6-12,1%, p < 0,001). Diese Daten führten 2009 zur europäischen Zulassung für die symptomatische Behandlung der chronischen Obstipation bei Frauen, bei denen Laxantien keinen angemessenen Erfolg zeigen. Die Zulassung erfolgte zunächst nur für Frauen, da das Studienkollektiv zu 85% weiblich besetzt war. Bei den männlichen Patienten zeigte Prucaloprid zwar ebenfalls eine positive Wirkung, jedoch war ihre Anzahl zu gering, um eine wissenschaftlich überzeugende Aussage treffen zu können.
 
Auch Männer könnten profitieren
 
Dass auch Männer mit chronischer Obstipation von einer Behandlung mit dem 5-HT4-Rezeptor-Agonisten profitieren, konnte Prof. Hubert Pissevaux von der Université Catholique aus Louvain mit neuen Daten belegen. Er berichtete zunächst von einer Plazebo kontrollierten Crossover-Studie an 24 gesunden Freiwilligen (jeweils 12 Frauen und Männer). Darin zeigte sich, dass Prucaloprid bei beiden Geschlechtern die Geschwindigkeit des Kolontransits gleich stark verkürzte. Diese Ergebnisse ermutigten zu einer weiteren Untersuchung an 370 Männern. In der 12-wöchigen, randomisierten, Plazebo kontrollierten Phase-III-Studie (SPD555-302; NTC01147926) wurden die Effektivität, Sicherheit und Verträglichkeit von 2 mg Prucaloprid einmal täglich bei chronischer Obstipation untersucht. Patienten älter als 65 Jahre erhielten als Anfangsdosis 1 mg Prucaloprid. Der primäre Endpunkt war die Überlegenheit des Verums gegenüber Plazebo darin, bei der Mehrheit der Patienten > 3 Stuhlgänge pro Woche zu erzielen. Dies wurde bei 37,9% der Patienten des Prucaloprid-Arms, aber nur bei 17,7% der Patienten im Placebo-Arm erreicht (p < 0,0001). Dabei wurde Prucaloprid generell von den Männern genauso gut vertragen wie zuvor in den weiblich dominierten Zulassungsstudien. Bislang ist Resolor allerdings nur für Frauen zugelassen. Die positiven Ergebnisse der Männerstudie wurden zur Indikationserweiterung auf männliche Patienten bei der Europäischen Zulassungsbehörde (EMA) eingereicht.

Pissevaux präsentierte überdies neue Daten einer Langzeitstudie mit Prucaloprid. 361 Patienten mit chronischer Obstipation erhielten im Rahmen einer randomisierten, Plazebo-kontrollierten Phase-IV-Studie (SPD555-401; NCT01424228) über 24 Wochen einmal täglich 2 mg Prucaloprid (1 mg Anfangsdosis bei Patienten < 65 Jahre) oder Plazebo. Hinsichtlich des Anteils der Patienten, die über die 24-wöchige Therapiephase im Durchschnitt ≥ 3 spontane vollständige Stuhlentleerungen pro Woche aufwiesen, gab es zwischen dem Prucaloprid- (25,1%) und dem Placebo- (20,7%) Therapiearm statistisch keinen Unterschied. Trotz des überraschenden Ergebnisses, das in Widerspruch zu den Ergebnissen der Phase-III-Studien steht, stellt Pissevaux die Wirksamkeit von Prucaloprid nicht in Frage.

Es wird viel eher deutlich, dass trotz Stufenplan die Behandlung der chronischen Obstipation ein gewisses Maß an individueller Therapie erfordert. Hierzu gehört auch das regelmäßige Überprüfen der gewählten Behandlungsmethode.
 
Alltagsmanagement der chronischen Obstipation
 
Anhand von drei Fallbeispielen gab Prof. Yan Yiannakou, Neurogastroenterologe und Consultant am Universitätskrankenhaus von North Durham, Einblick in die komplexen Erfordernisse des Alltagsmanagement bei der chronischen Obstipation. Er betonte, wie wichtig es ist, die häufig sehr variablen Symptome der chronischen Obstipation richtig zu deuten und daraus die richtigen therapeutischen Schlüsse zu ziehen. Denn der negative Einfluss der chronischen Verstopfung auf die Lebensqualität des Betroffenen ist vergleichbar mit anderen chronischen Problemen wie rheumatioder Arthritis oder chronischen Rückenschmerzen.

Mithilfe spezifischer Fragen zu Krankheitsgeschichte, Stuhlgewohnheiten, Beschwerdedauer, Medikation und Begleitkrankheiten sollte der Zugang zu der individuellen Problematik des Patienten gesucht werden. Zusätzlich zu Befragung und körperlicher Untersuchung können auch spezielle Untersuchungen wie die anorektale Manometrie, der Ballonexpulsionstest, die Bestimmung der Kolontransitzeit oder eine Defäkographie notwendig werden.

Die Behandlung der chronischen Obstipation erfordert häufig Geduld und einen multimodalen Ansatz, betonte Yiannakou. Die Effektivität der jeweiligen Therapie, speziell der Laxantien, sollte gut überwacht werden, um so herauszufinden, wer einer intensiveren Therapie bedarf. Diese kann zum Beispiel in einer Biofeedback-Behandlung bestehen, in der Anwendung eines Prokinetikums wie Prucaloprid oder womöglich in einem operativen Vorgehen.

Quelle: Shire


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