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Medizin

20. September 2013 Chronische Obstipation - eine Volkskrankheit?

Die chronische Obstipation ist eine der häufigsten Be-schwerden in der Allgemeinbevölkerung, und sie wird mit der zunehmenden Alterung zukünftig eine noch größere Bedeutung gewinnen. Bereits heute haben Männer über die Lebenszeit gemittelt eine Prävalenz der Obstipation von 10% und Frauen von etwa 20%, diese Häufigkeit verdoppelt sich noch im Alter zwischen 70 und 90 Jahren. Dabei wirkt sich die Verstopfung deutlich negativ auf die Lebens-qualität der Betroffenen aus. Zudem entstehen der Gesellschaft hohe Kosten durch Arztbesuche, Verschreibungen, Krankenhausaufenthalte und Arbeitsausfälle. Eine sorgfältige Diagnostik ist erforderlich, um eventuelle Ursachen der Obstipation zu eruieren. Bei einem Teil der Betroffenen führt dies jedoch zu keinem Ergebnis, sie leiden unter einer primären chronischen Verstopfung. Für diese Patientinnen steht mit Prucaloprid (Resolor®) eine zuverlässige therapeutische Option zur Verfügung.

Epidemiologie der chronischen Obstipation in Deutschland

Angaben zur Häufigkeit der chronischen Obstipation in Deutschland beruhten bislang überwiegend auf Schätzungen. Mit ca. 5% lagen die Werte dabei deutlich unter den Angaben aus Europa und dem Rest der Welt. Mit der neuen Studie GECCO (German Chronic Constipation) sollten hier klarere Informationen gewonnen werden, wie der Studienleiter Prof. Dr. Dipl.-Psych. Paul Enck, Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Tübingen, in seinem Vortrag erläuterte. Gleichzeitig wollte man Einsicht in Ernährungsgewohnheiten, Medikamenteneinnahme, Arztkontakte und Lebensqualität von Menschen mit chronischer Verstopfung gewinnen.

In die zweistufige, repräsentative Bevölkerungsstudie wurden 15002 Erwachsene eingeschlossen. Von allen Befragten gaben 2240 (14,9%) an in den vergangenen 12 Monaten verstopft gewesen zu sein (805 Männer, 1435 Frauen). 863 Personen (5,8%) berichteten Obstipationssymptome in den vergangenen vier Wochen, wegen ihrer Obstipation hatten 692 (4,6%) Medikamente eingenommen, 430 (2,9%) waren deswegen beim Arzt und 386 Personen (2,6%) hatten aktuell eine Obstipation (jeweils Frauen und Männer im Verhältnis von etwa 2:1). Von allen Obstipierten berichteten 38% über eine oder mehrere organische Erkrankungen, die die Verstopfung erklären könnten. Hierunter waren vor allem Hypothyreose, Morbus Crohn, Colitis ulcerosa, Zustand nach Schlaganfall, Morbus Parkinson oder Multiple Sklerose. 49% der Betroffenen nahmen zudem regelmäßig Medikamente ein, die zum Teil obstipierende Wirkung haben. Insgesamt geht Enck davon aus dass in 60% der Fälle die Verstopfung durch eine Grunderkrankung oder durch Medikamente bedingt ist (sekundäre Obstipation) und vermutet bei den übrigen 40% eine funktionelle bzw. primäre Obstipation.

Ein Symptom - viele mögliche Ursachen

"Die chronische Obstipation kann viele Ursachen haben", erläuterte PD Dr. Christian Pehl, Chefarzt der Inneren Medizin und Ärztlicher Direktor am Krankenhaus Vilsbiburg in Landshut. Dabei müssen aus  pathophysiologischer Sicht zunächst sekundäre Obstipationsformen von der primären Obstipation abgegrenzt werden. Sekundäre Obstipationsformen kommen im Rahmen anderer, häufig neurologischer oder endokriner Erkrankungen vor oder als Nebenwirkung von Medikamenten. Sind diese beiden Ursachenkomplexe auszuschließen, spricht man von einer primären Verstopfung. Mit Hilfe spezialdiagnostischer Abklärungen (Röntgen-Transitzeitmessung, Defäkogramm, anorektale Manometrie) können bei der primären Obstipation folgende Subtypen unterschieden werden: die slow-transit-constipation, die anorektalen Entleerungsstörungen sowie die Gruppe der normal-transit-constipation. In spezialisierten Zentren kann der Anteil der Patienten mit slow-transit-constipation nahezu die Hälfte aller betreuten Patienten erreichen.

Verlangsamter Transport

Bei der slow-transit-constipation wird die Verstopfung durch einen verlangsamten Transport des Speisebreis durch den Darm hervorgerufen. Bei den Extremformen kommt es sogar nur alle paar Wochen zu einer Darmentleerung, ohne dass dabei ein Darmverschluss vorläge. Manometrisch kommt es hierbei im Colon zum Verlust der hochamplitudigen peristaltischen Wellen, die normalerweise täglich mehrfach über weite Strecken des Colons verlaufen und mit einer Defäkation oder mit einem Defäkationsreiz einhergehen. Histologisch finden sich bei den schweren Formen Hinweise auf eine enterische Neuropathie, vor allem eine Hypoganglionose des Plexus myentericus. Auch eine enterische Ganglionitis, ein veränderter Neurotransmitter-Status, eine enterische Myopathie sowie Veränderungen der interstitiellen Cajalzellen, der intestinalen Schrittmacherzellen, wurden bei der Slow-transit-Obstipation beschrieben.

Die Folge ist stets eine Störung des peristaltischen Reflexes, wie man den über das enterische Nervensystem gesteuerten Kontraktionsablauf des Dickdarmes auch nennt. Er gliedert sich in eine Kontraktion zum Vorwärtstransport und eine gleichzeitige Relaxation des folgenden Darmabschnittes zur Aufnahme des Darminhaltes. Neben den primär exzitatorischen Neurotransmittern wie z.B. Acetytcholin und den primär inhibitorischen Neurotransmittern wie z.B. VIP (vasoaktives intestinales Peptid) spielt der Botenstoff Serotonin im Bereich des peristaltischen Reflexes (einschließlich der sensorischen Komponente) eine entscheidende Rolle. Serotonin ist dabei über Interaktion mit verschiedenen Rezeptorsubtypen im Bereich der Motorik und Sensorik des Darmes funktionell wirksam. Die prokinetische Wirkung von Serotonin erfolgt dabei im Bereich des Colons vor allem über den Serotonin-Rezeptorsubtyp 4 (5-HT4-Rezeptor), an dem auch spezifische Serotonin-Rezeptor-Agonisten wie Prucaloprid (Resolor®) ansetzen.

"Eisberg-Erkrankung" Obstipation

Die Obstipation ist eine typische "Eisberg-Erkrankung", sagte Prof. Dr. Thomas Frieling, Chefarzt der Medizinischen Klinik II der Helios Klinik Krefeld und Vorsitzender des Symposiums. Bei ihr ist der Übergang vom normalen, physiologischen Zustand bis hin zur Krankheit fließend. Patienten können auch bei formal normaler Stuhlfrequenz ein Verstopfungsgefühl durch eine erschwerte Stuhlentleerung mit der Notwendigkeit des Pressens entwickeln und andererseits kommt es vor, dass Patienten mit über mehrere Tage ausbleibendem Stuhlgang beschwerdefrei und nicht verstopft sind. Nach einer kürzlich publizierten Internet-basierten Umfrage in Deutschland suchten obstipierte Patientinnen aufgrund ihrer Beschwerden in den letzten 12 Monaten im Durchschnitt 2,7 mal ihren Hausarzt auf. Knapp die Hälfte nahmen mehr als zwei Besuche vor und etwa 10% sogar mehr als 5 Besuche pro Jahr. Hierbei werden als besonders belastend harte Stühle (54%) und Pressen (53%), Bauchschmerzen (37%) und eine unregelmäßige Stuhlfrequenz (36%) empfunden Entscheidend ist es, bereits zu Beginn der Diagnostik durch eine genaue Anamnese, gegebenenfalls mit Anlage eines Stuhl- bzw. Ernährungstagebuches und durch die klinische Untersuchung inklusive Austastung des Rektums zwischen einer Obstipation mit verlangsamter Dickdarmpassage (slow transit constipation) und einer Obstipation bei anorektaler Entleerungsstörung (outlet obstruction) zu differenzieren.

Quelle: Shire


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