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13. Mai 2020
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Die „Corona“-App: Ein komplexes Unterfangen mit vielen Fragezeichen

Zunächst als Lungenerkrankung eingestuft, stellte sich die durch SARS-CoV-2 ausgelöste Krankheit COVID-19 schnell als Multisystemerkrankung heraus: Pneumonien, Fieber, Riech- und Schmeckstörungen, Muskel- und Kopfschmerzen, gastrointestinale Beschwerden, Konjunktivitis – COVID-19 kann vielfältige Symptome hervorrufen. Als ebenso divergent zeigt sich auch die Umsetzung der geplanten „Corona“-App – eine Tracing-App, die Listen über Geräte erstellt, die in der Nähe des eigenen Mobiltelefons waren. Die Idee ist simpel: War ein an COVID-19-Erkrankter in der Nähe, wird man gewarnt und kann sich testen lassen oder prophylaktisch in Quarantäne gehen. Die Umsetzung jedoch ist diffizil: Zentrale oder dezentrale Speicherung? Wer stellt die Technik zur Verfügung? Welche Aspekte des Datenschutzes gilt es zu beachten? Ist eine gesamteuropäische Lösung möglich u.v.m.? Journal Onkologie hat für Sie die technischen Hintergründe, datenschutzrechtliche Implikationen und mögliche Lösungsstrategien zusammengefasst – auch mit Blick auf unsere europäischen Nachbarn.
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Funktionsweise

Die „Corona“-App oder „Contact-Tracing-App“ soll auf der Basis von Proximity-Tracing das Nachverfolgen von Kontakten ermöglichen, nicht aber den Ort des Kontakts. Der Kontaktort könnte nur über Tracking erzielt werden, wobei Daten von Mobilfunkzellen, WLAN-Signale oder GPS-Daten ausgewertet würden, was bei der geplanten App nicht der Fall ist.
Für die Ermittlung anderer Smartphones in der Nähe wird Bluetooth Low Energy verwendet, eine Funktechnik, die über die Signalstärke die räumliche Nähe zweier Smartphones schätzen soll. Im Idealfall würden die Nahfunkwellen kugelförmig abgestrahlt, da die Abstrahlung aber der Nierencharakteristik unterliegt – d.h. dass der Schall keinen optimalen Eintrittswinkel bietet – kennzeichnet sich das Verfahren durch hohe Ungenauigkeit.

Zentral oder dezentral?

Die Verarbeitung der Daten ist sowohl zentral als auch dezentral möglich.

Zentrale Speicherung
Beim zentralen Matching werden die Nummern aller Kontakte der Infizierten sowie der Zeitpunkt des Kontakts in einer Zentrale gespeichert. Technisch basiert dieser Ansatz auf dem Pan European Privacy Preserving Proximity Tracing (PEPP-PT)-Konzept, bei dem die Daten zentral, aber anonymisiert gespeichert werden. Nach Installation der App sendet das Smartphone regelmäßig eine ID via Bluetooth und lauscht auf die ID-Signale anderer Smartphones. Sobald zwei Anwender in räumliche Nähe zueinander treten, kommt es zum Austausch beider IDs und einer verschlüsselten lokalen Speicherung. Der eingebaute Algorithmus prüft, ob Dauer und Länge des Kontakts für eine potentielle Infektion ausreichend waren. Trifft dies zu, speichern die Geräte auf ihrem lokalen Speicher einen Zahlencode. Die Zahlencodes werden anonymisiert an einen zentralen Speicher weitergeleitet, der die entsprechenden Kontaktpersonen via Smartphone über eine mögliche Infektion informiert und eine Empfehlung zur präventiven Quarantäne ausspricht. Befürworter der zentralen Lösung, wie das Fraunhofer-Institut, argumentieren, dass mit dieser Variante leichter die Warnhinweise versendet werden und zudem die Daten anonymisiert auch für die Forschung verwendet werden könnten.

Dezentrale Speicherung
Bei der dezentralen Variante erhält die Zentrale nur den Tages-Schlüssel positiv getesteter Personen, wenn diese die Daten zur Veröffentlichung freigeben. Die Apps auf allen anderen Smartphones können so berechnen, ob ein Kontakt zu einem Infizierten stattgefunden hat. Dieser Ansatz fußt auf dem Decentralized Privacy Preserving Proximity Tracing (DP-3T)-Konzept. Dabei wird ein geheimer Seed Key (Seed ist der Wert, mit dem ein Zufallszahlengenerator initialisiert wird) hochgeladen, aus dem flüchtige IDs generiert werden, die während des Infektionsfensters ausgesendet werden. Nur mit einem Authentifizierungscode ist das Hochladen der Seed Keys möglich. Der Code wird von den Gesundheitsbehörden bereitgestellt. Die IDs der anderen Nutzer, die der Infizierte in dem bestimmten Zeitraum empfangen hat, werden nicht hochgeladen. Vom Backend erhalten die übrigen Nutzer stattdessen die flüchtigen IDs der Infizierten. Die App gleicht die empfangenen IDs der Infizierten mit den gespeicherten IDs aus der Bluetooth-Kommunikation ab. Bestehen Kongruenzen, berechnet die App das Infektionsrisiko und teilt es dem Nutzer mit. Dadurch soll der Backend-Server keine Daten enthalten, die Aufschluss über die Kontakte von Infizierten geben könnten. Zudem würden keine Daten von Nicht-Infizierten übertragen. Die Anhänger des dezentralen Ansatzes rücken potentiellen Missbrauch der Daten in den Vordergrund, der nur durch eine dezentrale Speicherung ausgeschlossen werden könne.

Bei beiden Modellen ist bislang unklar, wie verhindert werden kann, dass die Hersteller der Telefon-Betriebssysteme Informationen abschöpfen. Da die zentrale Lösung zusätzlich erhebliches Missbrauchspotential birgt, entschied sich die deutsche Bundesregierung am 25. April 2020 aufgrund massiver Proteste von Datenschützern für einen dezentralen Ansatz.
 
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