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Medizin

15. Januar 2020
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Fachinformation


Gewichtsveränderungen
 
Ungewollte Gewichtsveränderungen sind eine bekannte Folge der Krebstherapie und stehen daher im Fokus der Ernährungstherapie.
 
Art und Ausmaß der Gewichtsveränderungen sind sehr stark von der Lokalisation des Tumors, der Therapieart und den Krankheitsstadien abhängig. Eine Gewichtsveränderung in beiden Richtungen korreliert mit einem deutlich schlechteren Therapieverlauf sowie mit einem negativen Einfluss auf die Lebensqualität und -dauer (6, 7). Deswegen sollte das übliche Körpergewicht als Ausgangswert herangezogen werden und Gewichtsveränderungen von +/- 5% oder mehr immer mit dem Patienten besprochen werden. Allerdings muss zuerst eine durch Wassereinlagerung bedingte Gewichtsveränderung ausgeschlossen werden (6). Nach Therapieende ist ein Übergewicht mit einer erhöhten Inzidenz für Rezidive verbunden. Um Gewichtsveränderungen frühzeitig zu identifizieren, sollte das aktuelle Gewicht bei jedem Arztbesuch mittels derselben kalibrierten Waage erfasst und in eine Gewichtstabelle dokumentiert werden. Für alle Patienten ist das Festlegen eines realistischen Zielgewichts wichtig für den Therapieerfolg.
 

Ungewollte Gewichtszunahme
 
Eine ungewollte Gewichtszunahme kann z.B. bei hormonabhängigen Tumoren wie Mamma- oder Prostatakarzinomen sowie nicht hormon-abhängigen Tumoren des zentralen Nervensystems, der Lymphdrüsen oder der Eierstöcke vorkommen. Die Folgen erstrecken sich von einem veränderten Hormonstatus über eine Zunahme der Insulinresistenz bis hin zu einem erhöhten Rezidivrisiko. Die zugrundeliegenden Mechanismen sind multifaktoriell. Dazu tragen u.a. eine vom Tumor ausgelöste systemische Inflammation, die Langzeiteinnahme von Steroiden und Hormonen oder andere emotionale oder psychische Gründe  bei. Bei manchen Patienten kann eine übermäßige Energiezufuhr und eine damit verbundene ungewollte Gewichtszunahme sogar durch Angst vor einem befürchteten krebsassoziierten Gewichtsverlust ausgelöst werden. Bei Patienten, die bereits adipös sind, sollte eine ungewollte Gewichtszunahme von professioneller Seite immer kritisch betrachtet werden. Derzeit gibt es noch keine evidenzbasierten S3-Leitlinien zur Behandlung einer unerwünschten Gewichtszunahme im Rahmen einer Krebserkrankung. Es wird empfohlen, eine modifizierte Version der allgemeinen Empfehlungen zum Gewichtsmanagement heranzuziehen (6). Tabelle 2 gibt einen Kurzüberblick zu den aktuellen Empfehlungen.
 
Tab. 2: Tipps gegen ungewollte Gewichtszunahme bei Krebspatienten (mod. nach (6)).
Tab. 2: Tipps

 
 
Ungewollter Gewichtsverlust
 
Ein ungewollter Gewichtsverlust und ein damit verbundenes Mangelernährungsrisiko bleibt oft unbeachtet oder wird als Teil des Krankheitsverlaufs akzeptiert. Krebspatienten leiden jedoch häufig bereits vor der Diagnose unter einer Mangelernährung. Je nach Art und Lokalisation des Tumors liegt die Inzidenz der Mangelernährung zwischen 30 und 80%. Eine Studie mit 8.160 Krebspatienten aus Europa und Kanada zeigte, dass 73% aller Patienten unter einer unbeabsichtigten Gewichtsabnahme litten. Die Kombination von BMI und Gewichtsabnahme korrelierte sig-nifikant mit der Gesamtüberlebenszeit (9). Eine Gewichtsabnahme bei übergewichtigen Tumorpatienten ist ebenso beachtenswert, da dies meist mit einem Muskelschwund verbunden ist und stellt damit einen prognostisch relevanten Mangelernährungszustand dar. Eine Übersichtsstudie von 2016 zeigte, dass jeder vierte Tumorpatient mit einem BMI > 30 kg/m2 gleichzeitig sarkopen ist (10).
 
Allerdings wird diese Gewichtsabnahme oft im klinischen Alltag nicht adressiert oder nicht frühzeitig identifiziert.
 
Zwei Studien (aus Deutschland und Italien) belegen, dass ein vorherrschender deutlicher Wissensmangel bzw. fehlendes Bewusstsein auf Seiten der Ärzte zu den Themen „Erhebung des Ernährungsstatus“ und „Energie- und Flüssigkeitsbedarf ihrer Patienten“ besteht (11, 12). Dennoch schätzte ein Großteil der befragten Ärzte den Ernährungsstatus als relevant für die Therapieentscheidung ein. 2017 zeigte eine europäische Patientenumfrage (n=907) eine größere Lücke zwischen den Bedürfnissen seitens der Patienten für evidenzbasierte Ernährungsinformationen und dem Zugang zu solchen Informationen und Experten auf. Eine deutsche Patientenumfrage bestätigte, dass diese Lücke auch in Deutschland vorhanden ist: Die Ergebnisse dieser deutschlandweiten Umfrage zeigten, dass 40% der Tumorpatienten nach Informationen über Ernährung suchen und nur 60% der Patienten Ernährungsinformationen von unterschiedlichen Quellen (Ärzte, Pflegekräfte, Diätassistenten, Selbsthilfegruppen usw.) erhalten (13).
 
Da aber eine Gewichtsabnahme klinisch und prognostisch relevant ist, betrachtet die European Society of Parenteral and Enteral Nutrition (ESPEN) eine ungewollte Gewichtsabnahme von mehr als 5% als behandlungsrelevant und empfehlen daher immer den Einsatz von einem validierten Screeningtool, wie z.B. das Mini Nutritional Assessment (MNA), Malnutrition Universal Screening Tool (MUST), Nutritional Risk Screeening (NRS) oder Patient-Generated Subjecitve Global Assessment (PG-SGA) (14). Diese Tools helfen, die Gewichtsabnahme frühzeitig zu identifizieren.
 
Die Ursachen einer Mangelernährung sind multifaktoriell bedingt. Neben katabolen Prozessen einer Krebserkrankung können die nachfolgenden Faktoren die Nahrungszufuhr und/oder -resorption minimieren:
  • Belastungen einer Strahlen- oder Chemotherapie
  • Neben- und Wechselwirkungen von Medikamenten (z.B. Übelkeit und Erbrechen, Geschmacks- und Geruchsveränderungen, Diarrhoe usw.)
  • Tumorinduzierter Appetitverlust oder Völlegefühle
  • Orale Infekte (z.B. Mukositis, Mundsoor, Herpes simplex)
  • Veränderung des Magen-Darm-Trakts (z.B. durch eine Operation)
  • Aversionen gegen bestimmte Lebensmittel
  • Schmerzen
  • Angst und Depression (Angstzustände oder andere psychische Faktoren wie Stress, die mit der Erkrankung zusammenhängen)
  • Blähungen und/oder Verstopfung (kann zu vermindertem Appetit und anschließend verringerter Nährstoffaufnahme führen)
  • Geschmacks- und Geruchsstörungen.
 

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