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Medizin

13. April 2012 Etwas Normalität bewahren: Urlaub mit Demenzkranken

Bei den Betroffenen ist die Erinnerung schnell verblasst, Angehörige haben den Tapetenwechsel aber bitter nötig: Mit Demenzkranken zu verreisen, ist alles andere als einfach. Ein maßgeschneidertes Angebot kann aber bei allen Beteiligten für Erholung sorgen.
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«Fahrt noch mal in den Urlaub, bevor es nicht mehr geht» - dieser Rat ist nicht selten zu hören, wenn ein Mensch die Diagnose Demenz gestellt bekommt, sagt Anke Schück vom Caritasverband Frankfurt am Main. Doch eine solche Reise kann ihre Tücken haben, je nachdem wie weit die Demenz fortgeschritten ist: Gedächtnis- und Orientierungsstörungen gehören zu der Krankheit und führen zu Situationen, die wenig Erholung aufkommen lassen. Gerade bei Ortswechseln zeigen sich diese Beeinträchtigungen bei den erkrankten Menschen. Dazu kommt: «Oft müssen Demenzkranke intensiv gepflegt werden, alleine die Hilfsmittel zu transportieren, ist schon so eine Sache», sagt Diplom-Gerontologin Schück.

Doch ist die Antwort darauf gar nicht mehr in den Urlaub zu fahren? «Wenn nur leichtere Orientierungs-, Gedächtnis- und Wortfindungsstörungen vorliegen und die Einschränkungen noch kompensiert werden können, dann kann eine individuell organisierte Reise funktionieren», sagt Swen Staack, Vorstandsmitglied der Deutschen Alzheimer Gesellschaft in Berlin. «Man muss aber daran denken, dass die Toleranz gegenüber bestimmten Verhaltensweisen von dementen Menschen oft nicht besonders hoch ist, besonders im Urlaub, wo man sich erholen will.»

Angehörige müssten unter Umständen viel erklären und sich rechtfertigen, warum sich der Demenzkranke so verhalte. «Es gibt spezielle Hotels für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen, aber nicht viele. Bewährt haben sich jedoch Angebote für Gruppenreisen mit Demenzkranken und ihren Angehörigen - auch, weil die Mitreisenden viele Situationen kennen, da herrscht ein sehr toleranter Umgang.»

Staack leitete 2004 ein Modellprojekt in Schleswig-Holstein, seither gibt es dort viermal im Jahr solch eine Reise für Demenzkranke und ihre Angehörigen. «In der Regel braucht es ein, zwei Tage Eingewöhnungszeit für alle, dann aber kann Entspannung eintreten. Es bietet sich an, die Anreise nicht länger als drei bis vier Stunden lang zu machen, damit es nicht zu anstrengend wird.»

Auch die Seniorenerholung des Caritasverbandes Frankfurt organisiert solche Reisen, Schück begleitet diese jährlich. «Pflegende Angehörige sind hoch belastet und brauchen Urlaub, oft sehen sie keine Möglichkeit, ihre an Demenz erkrankten Partner betreuen zu lassen», sagt Schück. «Wir bieten Reisen an, bei denen sich die Angehörigen erholen können und die Demenzkranken einen Teil des Tages in Gruppen betreut werden. Ehepaare oder auch erkrankte Elternteile und ihre Kinder haben somit aber die Chance, gemeinsam zu verreisen.»

Zu den Aktivitäten gehören Konzerte, Ausflüge, gemeinsame Abende, auch für ausreichende Ruhephasen ist gesorgt. «Nach der ersten Reise stellten wir fest, dass die Angehörigen gar nichts mehr mit ihrer freien Zeit anzufangen wissen, sie sind ja oft 24 Stunden im Einsatz. Deshalb kümmert sich eine Ehrenamtliche um ein Freizeitangebot für die Angehörigen.»

Geselligkeit, gemeinsame schöne Erlebnisse: «Selbst wenn die Demenzkranken sich hinterher nicht mehr an Einzelheiten erinnern können, bleibt doch oft ein schönes Gefühl haften, dass sie auch nach der Reise vermitteln können. Es gibt aber auch Demenzkranke, die sich tatsächlich in der Woche danach gar nicht mehr an die Reise erinnern können», sagt Ulrike Kruse, Leiterin des Demenz-Servicezentrums Region Münster und das westliche Münsterland.

Jährlich fahren Mitarbeiter mit einer Gruppe von Demenzkranken aus der Tagespflege an die Ostsee - ohne Angehörige. Es gibt aber auch gemeinsame Reisen von Demenzkranken und ihren gesunden Partnern. «Die Motivation ist, den Menschen noch ein Stück Normalität erhalten zu können, früher sind sie ja auch in den Urlaub gefahren. In ihrem Alltag erleben sie oft sehr viele Einschränkungen», sagt Kruse. Aber auch sie betont, dass jeder Ortswechsel eine Herausforderung ist. «Gerade auf Urlaubsreisen offenbart sich für Betroffene, dass Gedächtnislücken vorhanden sind und sie sich nicht mehr zurecht finden.»

Bei den Anbietern gibt es eine Reihe von Konzepten: «Ein Anbieter achtet beispielsweise darauf, dass die Mahlzeiten von Demenzkranken und Angehörigen getrennt eingenommen werden, damit die Angehörigen auch einmal in Ruhe essen können. Andere Anbieter sagen, 'Wir essen bewusst zusammen', damit man voneinander lernen kann.» Laut Staack gibt es auch Reha-Einrichtungen, in denen Angehörige eine Kur machen können und die Demenzkranken betreut werden.

Bleiben noch die Kosten für die betreuten Reisen: Laut den Experten gibt es die Möglichkeit, sich Teile der Betreuung und Pflege für die Demenzkranken von den Pflegekassen refinanzieren zu lassen. Dazu müsse die entsprechende Kasse befragt werden. Hotel- und Fahrtkosten müssen den Angaben zufolge in der Regel selbst übernommen werden.

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