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Medizin

08. Juni 2012 FIFA-Chefarzt: Schmerzmittelmissbrauch im Fußball üblich

Der Schmerzmittel-Konsum entgleist im Profifußball zusehends. Hohe Sorgfalt der Teamärzte ist notwendig, um Missbrauch und gesundheitliche Schäden vorzubeugen, warnt Jiri Dvorak, medizinischer Leiter des Weltfußballverbandes FIFA. "Bei den FIFA-Turnieren und in höheren Spielligen hat die Einnahme von Schmerzmitteln extrem zugenommen. Um die Nebenwirkungen bei Langzeiteinnahme zu verhindern, müsste stärker auf die Indikation geachtet werden", so der Experte.

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Dass die Zustände geradezu "desaströs" sind, zeigt Dvorak im "British Journal of Sports Medicine": 60 Prozent der Fußballer der WM 2010 in Südafrika nahmen Schmerzmittel, 39 Prozent vor jedem Spiel. Ausgewertet hat Dvorak dafür Auflistungen der an die Sportler verabreichten Medikamente, die die Teamärzte damals im Auftrag der FIFA erstellt haben. Die Länderunterschiede waren groß: In manchen Teams - vor allem jene aus Nord- und Südamerika - schluckten die Spieler bis zu drei Schmerzmittel gleichzeitig. "Temperament und Einstellung zu Schmerzmitteln dürften hier mitspielen", vermutet der FIFA-Experte.

Unter den Schmerzmitteln werden im Fußball besonders nicht-steroidale Entzündungshemmer (NSAID bzw. NSAR) verwendet, die langfristig Kopfschmerzen, Geschwüre und Nierenleiden auslösen können. Erschwerend kommt hinzu, dass die Organe der Athleten in Intensivsportarten ständig auf Hochtouren arbeiten und dadurch sensibler auf Schädigungen durch Medikamente reagieren. Fälle wie jene des kroatischen Fußballprofis Ivan Klasnic, der gegen die Werder Bremen-Teamärzte klagt, weil 2007 durch Schmerzmittel bei ihm ein Nierenversagen ausgelöst worden sei, will Dvorak aber nicht kommentieren.

Der Druck auf Teamärzte ist enorm, verletzte Spieler möglichst rasch wieder auf das Feld zu bringen. Den Spielern ergeht es ähnlich: Verletzt zu sein bedeutet, ersetzt zu werden und vielleicht die Chance auf Rückkehr zu verlieren, weshalb es viele in Anbetracht des drohenden Verdienstentgangs als "Teil des Jobs" bezeichnen, die Gesundheitsrisiken auf sich zu nehmen. Immer öfter nehmen Spitzensportler Schmerzmedikamente präventiv ein, um bei Verletzungen unsensibel zu sein und nicht auszufallen. Vieles spricht laut Dvorak dafür, dass jüngere Spieler diese gängige Praxis der älteren Generation unkritisch übernehmen.

Der FIFA-Mediziner hält angesichts der jüngsten Trends die Bezeichnung "Missbrauch" für angebracht. "Ob Schmerzmittel künftig als Doping gilt, ist Entscheidung der World Anti-Doping Agency. Wahrscheinlich ist ein derartiges Vorgehen nicht, da bei Schmerzmitteln nur ein Teil der Liste der nötigen Kriterien erfüllt ist. Dringend brauchen wir jedoch mehr Aufklärung, damit Schmerzmittel künftig gezielter - nur für die entsprechenden Indikationen - eingesetzt werden", so Dvorak.
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Quelle: pte


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