Mittwoch, 19. Februar 2020
Navigation öffnen
Anzeige:

Medizin

09. Oktober 2019 Familiäres Chylomikronämie Syndrom: Antisense-Strategie mit Volanesorsen senkt Triglyceride

Das Familiäre Chylomikronämie Syndrom (FCS) tritt nur bei 1-2 pro 1.000.000 Personen auf und führt – durch den fehlenden Abbau der Chylomikronen als Folge mangelnder Aktivität der Lipoproteinlipase (LPL) – zu Triglyceridwerten auf das 10-100fache des Normalwertes. Folgen können eine dauerhafte Schädigung des Pankreas und potenziell eine lebensbedrohliche akute Pankreatitis sein. Durch das jetzt zugelassene subkutan applizierbare Antisense-Oligonukleotid Volanesorsen (Waylivra®) wird die Synthese von Apolipoprotein C-III (ApoC-III) gehemmt und der LPL-unabhängige Abbau der überschüssigen Chylomikronen ermöglicht. Das senkt Triglycerid-Konzentrationen und Pankreatitisrisiko deutlich.
Anzeige:
Der Verdacht auf das klinisch lange unauffällige FCS wird oft nur durch Bauchschmerzen oder Übelkeit geweckt, so der Internist und Nephrologe Prof. Volker Schettler, Hannover. Zu über 95% ist dabei eine meist monogene, autosomal rezessive Mutation des Lipoproteinlipase-Gens (LPL) verantwortlich. Bisherige Strategien mit fettmodifizierter Diät und Lipidsenkern haben oft nur geringen Effekt, wiederholter Plasmaaustausch war bisher die einzige Alternative.

Akutes Pankreatitis-Risiko

Bei FCS auftretende extreme Triglycerid- (TG)-Werte über 885 mg/dL (>10 mmol/L) und die Größe der im Blut verbleibenden Chylomikronen steigern konzentrationsabhängig das akute Pankreatitis-Risiko auf 50-80%, ergänzte der Bremer Gastroenterologe Prof. Gerald Klose. Aufgrund hoher Rezidivraten drohen zudem langfristige Organschäden wie chronische Pankreatitiden mit Pankreasinsuffizienz und Diabetes.

Primärer Studienendpunkt erreicht

ApoC-III als Zielmolekül der Antisensetherapie hemmt sowohl die Lipoproteinlipase als auch die hepatische Lipase und damit die Zerlegung der Chylomikronen sowie die Weiterverarbeitung der enthaltenen Triglyceride (TG), erklärte Prof. Dr. Elisabeth Steinhagen-Thiessen, Berlin. Indiziert ist Volanesorsen als unterstützende Behandlung bei Patienten mit stark erhöhten Triglyceridwerten (>885 mg/dl) und unzureichendem Ansprechen auf Diät und lipidsenkende Medikamente. In der zulassungsrelevanten APPROACH-Studie (1) wurden 66 Patienten, deren FCS zumeist genetisch bestätigt war, in 2 Gruppen nach einer 6-wöchigen Run-in-Phase zunächst über 3 Monate zusätzlich zu Diät einmal pro Woche entweder mit Volanesorsen (285 mg, s.c., n=33) oder Placebo (n=33) behandelt. Anschließend wurden die Injektionen über weitere 9 Monate, meist 2-wöchig, verabreicht. 76% der Teilnehmer hatten akute Pankreatitiden in der Vorgeschichte. Bereits nach 3 Monaten waren die TG-Werte der Verumgruppe um 77% signifikant abgefallen, unter Placebo dagegen um 18% angestiegen (primärer Studienendpunkt) (2). Noch aussagekräftiger sei jedoch, dass bei 3 der 4 Placebo-Patienten mit mindestens 2 akuten Pankreatitiden in den letzten 5 Jahren (und insgesamt 17 Ereignissen) im Studienverlauf über 52 Wochen insgesamt 4 neue Pankreatitiden auftraten, in der Verumgruppe bei 7 Patienten mit insgesamt 24 Ereignissen in der Vorgeschichte jedoch keine einzige. Diese signifikante (p=0,02) Reduktion „ist ein sehr überzeugendes Ergebnis“, betonte Steinhagen-Thiessen, die Volanesorsen daher weniger als Unterstützung der Diätbehandlung sondern vielmehr als die wirksame Therapie sieht.

Kontrolle der Thrombozytenzahl unerlässlich

Wesentliche unerwünschte Wirkungen waren passagere Reizungen an der Injektionsstelle sowie ein Abfall der Thrombozytenzahlen unter 140 x109/l bei 75% der Verumpatienten, aber auch bei 24% der Placebogruppe. „Wer immer dieses Medikament anwendet, muss kontrolliert die Thrombozytenzahl messen,“ betonte die Internistin. Liegt diese unter 100 x109/l (in der Studie bei 47% der Verumpatienten) sollte dies wöchentlich geschehen, und ggf. die Applikation reduziert oder ausgesetzt werden. Auch Kortikoide oder IVIG könnten dann sinnvoll sein. Gleichwohl hält sie mangels wirksamer Alternativen und angesichts der Erkrankungsschwere die Anwendung von Volanesorsen bei FCS äußerst sinnvoll und notwendig. Überdies traten bei keinem Patienten schwere Blutungen auf und die Thrombozytenwerte normalisierten sich in allen Fällen nach Absetzen der Medikation wieder.

Dr. Andreas Häckel

Quelle: Launch Fachpressekonferenz „Waylivra®: Das erste und einzige zugelassene Medikament bei FCS“, 23.09.2019, Frankfurt am Main; Veranstalter Akcea Therapeutics

Literatur:

(1) Blom DJ et al., J Clin Lipidol 2018; 12: 1234-1243.
(2) Witzum JL et al., N Engl J Med 2019; 381: 531-542.


Das könnte Sie auch interessieren

Myome – Eine Ursache für unerfüllten Kinderwunsch

Myome – Eine Ursache für unerfüllten Kinderwunsch
© Sandra Thiele / fotolia.com

Myome sind die häufigsten gutartigen Tumore der weiblichen Geschlechtsorgane: Es wird geschätzt, dass zwischen 20 und 40 Prozent der Frauen im gebärfähigen Alter betroffen sind. Unter der Leitung von Prof. Dr. med. Jörg B. Engel und Dr. med. Eva Velten bietet das Myomzentrum am Krankenhaus Nordwest Betroffenen kompetente Beratung, modernste Diagnostik und zielgerichtete Behandlungsmöglichkeiten. Patientinnen, bei denen ein Myom der Grund für den unerfüllten Kinderwunsch ist, erhalten Unterstützung und Hilfestellungen.

Der Patienten- und Pflegebeauftragte der Bayerischen Staatsregierung rät zur Patientenverfügung

Der Patienten- und Pflegebeauftragte der Bayerischen Staatsregierung rät zur Patientenverfügung
© Pixelot / fotolia.com

Die Patientenverfügung ist wichtig, wenn durch Unfall, Krankheit oder Alter der eigene Wille nicht mehr ausgedrückt werden kann. Denn: Angehörige dürfen im Ernstfall keine medizinischen Entscheidungen treffen. Darauf weist Christian Bredl, Chef der Techniker Krankenkasse (TK) in Bayern, hin. Er rät deshalb dazu, rechtzeitig eine Patientenverfügung schriftlich zu fixieren.  

Ersetzt Desinfektionsspray das Händewaschen?

Ersetzt Desinfektionsspray das Händewaschen?
© Rido - stock.adobe.com

Regelmäßiges Händewaschen, gerade in der Grippe- und Erkältungszeit ist enorm wichtig und eigentlich selbstverständlich. Doch laut einer Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH Kaufmännische Krankenkasse von 2019 verzichten nach wie vor jeder 3. Mann und jede 4. Frau nach dem Nach-Hause-Kommen auf den Gang zum Waschbecken. Rund ein Drittel der rund 1.000 Befragten wäscht sich darüber hinaus nicht vor jeder Mahlzeit die Hände. Stattdessen greifen offenbar immer mehr Menschen zu Desinfektionsmitteln. Der aktuellen Umfrage zufolge trägt mittlerweile...

Patiententag auf dem DKOU: Was Arthrose-Patienten wissen sollten

Patiententag auf dem DKOU: Was Arthrose-Patienten wissen sollten
© wavebreak3 - stock.adobe.com

Arthrose ist die häufigste Erkrankung der Gelenke. Ihre Häufigkeit nimmt mit dem Alter zu. Im 6. Lebensjahrzehnt weist nahezu jeder Fünfte im Röntgenbild eine Knie- oder Hüftgelenksarthrose auf. Doch nur 20 bis 30 % dieser Patienten haben zu diesem Zeitpunkt bereits Beschwerden. Die kürzlich aktualisierte Leitlinie Hüftarthrose zeigt auf, wann und wie Patienten mit und ohne Symptome behandelt werden sollten und was sie selbst zu einer gelungenen Therapie beitragen können. Auf dem Patiententag des Deutschen Kongresses für Orthopädie und...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Familiäres Chylomikronämie Syndrom: Antisense-Strategie mit Volanesorsen senkt Triglyceride"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.