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Medizin

10. Mai 2012 Front gegen «Abzocke beim Arzt» - Selbstzahler-Angebote umstritten

Krankenkassen zahlen eigentlich alles Nötige - warum lassen Patienten dann beim Arzt immer mehr auf eigene Rechnung machen? Die Opposition und die Krankenkassen wollen den umstrittenen Selbstzahler-Bereich eindämmen.
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Opposition und Krankenkassen wollen die ungezügelte Ausbreitung umstrittener Selbstzahler-Angebote beim Arzt eindämmen. Immer öfter lassen sich Kassenpatienten etwa auf Ultraschall- Untersuchungen oder Augendruckmessungen in Deutschlands Praxen ein. Experten zweifeln am Nutzen. Teils drastische Maßnahmen, aber auch mehr Aufklärung sollen nach Ansicht der Kritiker die Spreu vom Weizen bei den sogenannten Individuellen Gesundheitsleistungen (IGeL) trennen.

«In erster Linie sind IGe-Leistungen eine Abzocke der Patienten», sagte die SPD-Gesundheitsexpertin Mechthild Rawert am Donnerstag in Berlin. «Oft sind sie nicht sinnvoll - schon gar nicht für ihren Preis», fügte ihre SPD-Fachkollegin Carola Reimann im Gespräch mit der Deutschen Presse-Agentur hinzu. «Patienten werden in vielen Fällen überrumpelt.» Künftig sollten sie sich ohne Druck entscheiden können.

Der Bundestag befasst sich - nach der Einbringung eines von Rawert initiierten Antrags am Donnerstag - in den kommenden Wochen mit den SPD-Vorstellungen zur Eindämmung der IGeL-Leistungen. Ärzte sollen demnach künftig in der Regel nicht mehr am selben Tag IGeL- und normale Kassen-Leistungen durchführen dürfen - das soll Bedenkzeit bringen.

Zuletzt gab es dem Antrag zufolge in Deutschlands Arztpraxen Individuelle Gesundheitsleistungen im Wert von 1,5 Milliarden Euro. Zwei Jahre vorher lag der Umsatz demnach 500 Millionen Euro darunter. «Patientinnen und Patienten werden in den Arztpraxen zum Teil durch aggressives Marketing zu den Leistungen gedrängt», so die Sozialdemokraten. Rawert kritisierte: «Der Arzt wird zum Kaufmann.» Viele IGeL-Leistungen schadeten sogar. Bundesgesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) unternehme in dem Bereich nichts. Es solle stets schriftliche Behandlungsverträge und Rechnungen geben.

Die Grünen-Gesundheitsexpertin Maria Klein-Schmeink sagte der dpa: «Wir brauchen klare Vorgaben für Aufklärung und Information.» Heute falle Patienten die Einschätzung schwer, ob die Leistungen sinnvoll seien. Kämen die Ärzte ihren Informationspflichten verstärkt nach, liefe das automatisch darauf hinaus, dass die Zahl der IGeL-Leistungen sinke. Die Linke-Fraktion begrüßte die SPD-Initiative, forderte aber auch einzelne Verbote: «Aufklärung ist wichtig, aber hier muss ein Verbot der schädlichen IGeLs erwogen werden.»

Die Chefin des Krankenkassen-Spitzenverbandes, Doris Pfeiffer, forderte eine 24-stündige Einwilligungssperrfrist. «Dann hätten Versicherte, denen eine der häufig nutzlosen IGeL-Leistungen angeboten wird, ausreichend Zeit, um sich ein eigenes Bild zu machen und frei zu entscheiden.» Der Medizinische Dienst der Kassen lasse sich bei seinem Internet-Ratgeber IGeL-Monitor anders als Ärzte in ihrer Praxis nicht von finanziellen Interessen leiten.

Experten kritisieren zum Beispiel Ultraschalluntersuchungen von Gebärmutter und Eierstöcken zur Krebsfrüherkennung bei beschwerdefreien Frauen als unsicher. Bei vielen Frauen komme es zum Krebsverdacht, der sich nur selten bestätige. Verdachtsfälle auf Eierstockkrebs können nur per Operation geklärt werden. Auch zusätzliche Ultraschalluntersuchungen in der Schwangerschaft, bekannt als Baby-TV, gelten Experten als wenig sinnvoll. Die Früherkennung bei Grünem Star durch Messung des Augeninnendrucks und Spiegelung des Augenhintergrunds wird ebenfalls oft kritisch bewertet.

Laut einer Studie des Wissenschaftlichen Instituts der AOK wurde zuletzt mehr als jedem vierten Versicherten zuletzt innerhalb eines Jahres eine medizinische Leistung auf Privatrechnung verkauft. Der bisher letzte Deutsche Ärztetag hatte beschlossen, dass Ärzte ihre Patienten vor einer solchen Behandlung schriftlich über die Kosten informieren müssen.

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