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Medizin

04. April 2019 Hereditäres Angioödem: Selektiver Bradykinin-B2-Rezeptor-Antagonist Icatibant für Notfälle

Bei Kopf-Hals-Ödemen ist in der Notfallmedizin selten Zeit für eine genaue differentialdiagnostische Abklärung. Infrage kommende Mediatoren für die lebensbedrohlichen Schwellungen sind Histamin und Bradykinin. Hinter Letzterem kann sich das hereditäre Angioödem (HAE) verbergen, bei dem eine vermehrte Bradykinin-Bildung durch einen C1-Inhibitor-Mangel ausgelöst wird. Sind die Atemwege während der Attacke gesichert und erhärtet sich der Verdacht auf ein Bradykinin-vermitteltes Ödem, sollte rasch eine entsprechende Therapie eingeleitet werden. Der selektive Bradykinin-B2-Rezeptor-Antagonist Icatibant hat sich bei HAE-Patienten auch in der Notfallsituation bewährt, so die Experten auf dem Deutschen Interdisziplinären Notfallmedizin Kongress (DINK) in Koblenz.
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Icatibant (Firazyr®) ist einfach subkutan zu applizieren und speziell für die Akuttherapie von HAE-Attacken bei Patienten ab 2 Jahren zugelassen. „Je nach Progression der Larynx- oder Hypopharynxschwellung bleibt abzuwägen, inwiefern eine mechanische Atemwegssicherung, ggf. eine Konio- oder Tracheotomie notwendig ist“, so Dr. Thomas Hanff, Freiberuflicher Notarzt Mecklenburgische Seenplatte & Mecklenburgische Schweiz. Er erläutert
die Optionen der mechanischen Atemwegssicherung mit dem Hinweis, dass je nach Situation auch eine medikamentöse Therapie eine zuverlässige Alternative bieten kann – ohne die Risiken der möglichen Komplikationen wie Blutungen, Narben und Strikturen.

Häufigste Verwechselung: Allergisches Angioödem

Das HAE ist gekennzeichnet durch wiederholte Schwellungen der Haut, v.a. an den Extremitäten und im Gesicht, sowie der Schleimhäute im Abdominalbereich, die mit kolikartigen Schmerzen verbunden sein können. Etwa 50% der HAE-Patienten erleiden eine oder mehrere laryngeale Attacken in ihrem Leben. Zu beachten ist, dass sich alle Schwellungen im Kopf-Hals-Bereich zu Larynxödemen entwickeln können. Sind die Patienten noch nicht diagnostiziert, haben sie dann ein bis zu 9 Mal höheres Risiko zu ersticken als diagnostizierte Patienten (1,2). Die richtige Diagnose ist jedoch immer noch eine Herausforderung: In einer Untersuchung in 11 Ländern wurden 44,3% der Patienten zunächst fehldiagnostiziert. In über der Hälfte der Fälle wurde das HAE mit einem allergischen Angioödem verwechselt. Die fehldiagnostizierten Patienten warteten in Durchschnitt 13,3 Jahre auf ihre Diagnose (3).

Schnelle Differentialdiagnose mit DAMSEL

Zur schnellen Entscheidungsfindung in der Notfallsituation kann der DAMSEL-Score beitragen. DAMSEL steht für Dyspnoe, Alter (> 65 Jahre), Medikation, Steroidrefraktär (x2!), kein Erythem und Larynx (4). „Sind mehr als 3 dieser Punkte erfüllt, spricht dies für ein Bradykinin-induziertes
Angioödem“, erklärte Dr. Magdalena Wirth, München. Tritt eine Dyspnoe beispielsweise ohne Erythem oder Juckreiz auf und wirkt Kortison nicht, muss dies als Hinweis für ein Bradykinin-vermitteltes Angioödem gewertet werden. Immerhin fast ein Zehntel der 188 untersuchten Patienten war von einem HAE betroffen (4). Generell zu beachten ist: Antihistaminika oder Glukokortikosteroide wirken bei Histamin-vermittelten Angioödemen, jedoch nicht bei Bradykinin als Mediator.

Rasche Symptombesserung mit Icatibant

In den FAST-Studien (For Angioedema Subcutaneous Treatment) zeigte der Bradykinin-B2-Rezeptor-Antagonist Icatibant seine Wirksamkeit bei Larynxschwellungen. Erste Symptomverbesserungen nahmen Patienten bereits nach median 0,6 h bzw. 1 h in der kontrollierten Phase von FAST-1 bzw. FAST-2 wahr sowie nach 0,7 h in FAST-3 (5,6). „Dabei reichte eine Injektion, es traten weder systemische Nebenwirkungen noch immunogene Reaktionen auf und es waren keine intensivmedizinische Überwachung, Intubation oder Tracheotomie nötig“, erläuterte PD Dr. Jens Greve, Ulm.

Quelle: Shire

Literatur:

(1) Bork K et al. J Allergy Clin Immunol 2012; 130: 692-697.
(2) Hahn J et al. Dtsch Arztebl Int. 2017; 114: 489-496.
(3) Zanichelli et al. Ann Allergy Asthma Immunol. 2016; 117: 394-398.
(4) Lenschow M et al. European Archives of Oto‐Rhino‐Laryngology 2018; 275: 1767-1773.
(5) Cicardi et al. N Engl J Med. 2010; 363: 532-54.
(6) Lumry WR et al. Ann Allergy Asthma Immunol. 2011;107: 529-537.


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