Freitag, 29. Mai 2020
Navigation öffnen

Medizin

15. Mai 2013 Hyperhidrose: Methantheliniumbromid gegen übermäßiges Schwitzen

Für die meisten Menschen ist Schwitzen höchstens unangenehm. Für Menschen mit krankhaft übermäßiger Schweißproduktion (Hyperhidrose) ist es viel mehr als das: Der vermehrte Schweißfluss hemmt Betroffene oft im Umgang mit anderen Menschen - nicht selten resultiert daraus eine regelrechte soziale Isolation. Aus Scham meiden viele Leidtragende einen Besuch beim Arzt, obwohl dieser über die Erkrankung aufklären und individuelle Therapieoptionen aufzeigen kann. Die systemische Therapie mit Methantheliniumbromid ist ein effektiver Baustein im stufenweise aufgebauten Behandlungsschema.

Anzeige:

Übermäßiges Schwitzen kann als Begleiterscheinung von z. B. onkologischen Erkrankungen oder Adipositas auftreten (sekundäre Hyperhidrose). Im Gegensatz dazu ist die primäre Hyperhidrose eine Fehlfunktion der Schweißregulation, die nicht auf eine Grunderkrankung oder externe Ursachen zurückzuführen ist. Sie kann auf wenige Körperregionen begrenzt sein (fokale Hyperhidrose) oder mehr als drei Regionen bzw. den ganzen Körper betreffen (generalisierte Hyperhidrose). Die Erkrankung begleitet die Patienten oft ein Leben lang. Eine Studie aus dem Jahr 2012 geht allein in Deutschland von über 13 Millionen Betroffenen aus, wobei eine hohe Dunkelziffer vermutet wird (1).

"Typischerweise treten die ersten Symptome der Hyperhidrose bereits in der Pubertät auf. Jugendliche leiden insbesondere in Stresssituationen wie Rendezvous oder Prüfungen unter dem vermehrten Schweißfluss", berichtete der Düsseldorfer Dermatologe Prof. Thomas Dirschka im Rahmen eines Pressegesprächs.

Das übermäßige Schwitzen wird nicht immer als krankhaft erkannt. Betroffene suchen erst spät ärztliche Hilfe - wenn überhaupt. Hyperhidrose ist jedoch eine therapierbare und behandlungsbedürftige Erkrankung, da sie auch mit einer großen psychischen Belastung des Patienten verbunden ist. "Die Betroffenen wissen, dass sie in bestimmten Situationen vermehrt schwitzen. Die Angst davor kann dazu beitragen, die Beschwerden noch zu verschärfen - ein Teufelskreis", erläuterte Prof. Uwe Reinhold, Bonn, und folgerte: "Viele Patienten versuchen solche Situationen zu vermeiden und ziehen sich immer mehr aus der Gesellschaft zurück, mitunter bis zur sozialen Isolation". Schwere Krankheitsformen können sogar dazu führen, dass Betroffene erhebliche Schwierigkeiten im Berufsleben bekommen, bis hin zum Jobverlust (3,4).

Wenn die Patienten dann den Weg zum Arzt gefunden haben, ist es wichtig, Verständnis für die Probleme des Patienten zu zeigen, ihn ernst zu nehmen und ausführlich über das Krankheitsbild aufzuklären sowie gemeinsam individuelle Therapiemöglichkeiten zu entwickeln. Basis für jede Therapieoption ist eine genaue Anamnese unter Berücksichtigung der Lebensgewohnheiten des Patienten und seines sozialen Umfelds. "Für Außenstehende ist es schwierig, den individuellen Leidensdruck richtig zu bewerten, das gilt auch für uns Ärzte. Es kommt vor, dass die Patienten in ihrem Alltag viel stärker eingeschränkt sind, als wir es vermuten", so Reinhold. Wie sehr die Wahrnehmung des Leidensdrucks und -zeitraums differieren kann, zeigt auch eine Studie zur Versorgungssituation von Hyperhidrose-Patienten: Während die Patienten zum Zeitpunkt der Befragung im Median 60 Monate unter ihrer Erkrankung litten, schätzten die behandelnden Ärzte diesen Zeitraum nur halb so lang ein (5).

Methantheliniumbromid als systemische Therapieoption

Die Therapie der Hyperhidrose sollte an die Ausprägung der Erkrankung und die individuelle Lebenssituation eines Patienten angepasst werden. Bei leichten Fällen können nicht-invasive Methoden wie die topische Behandlung mit aluminiumchloridhaltigen Antitranspirantien oder die Leitungswasser-Iontophorese für die Behandlung der Hände oder Füße ausreichen, um die Schweißbildung zu reduzieren. Liegt eine generalisierte Hyperhidrose vor, ist die systemische Therapie mit Methantheliniumbromid gemäß der aktuellen Leitlinie6 erste Wahl. Es kann sowohl dauerhaft als auch zur Bedarfstherapie eingesetzt werden (7). Bei fokaler Ausprägung der Erkrankung, z. B. axillärer Hyperhidrose besteht die Möglichkeit der invasiven Behandlung durch subkutane Injektion von Botulinumtoxin. Allerdings hat diese Methode den Nachteil, dass die Wirkung nach etwa sechs Monaten nachlässt und kontinuierlich wiederholt werden muss. Eine mögliche Alternative ist Methantheliniumbromid: Eine aktuelle Studie konnte zeigen, dass nach Behandlung mit 3x täglich 50 mg die gemessene Schweißmenge bei Patienten mit axillärer Hyperhidrose im Vergleich zu Placebo signifikant gesenkt wird (8). Demnach kann Methantheliniumbromid auch bei schwerer oder therapieresistenter fokaler Hyperhidrose eingesetzt werden. Darüber hinaus ergab die Studie, dass die Schweißreduktion mit einer signifikanten Verbesserung der Lebensqualität korreliert. Methantheliniumbromid.

Fiktive Zulassung - Besonderheit in der Verordnung

Das Präparat hat aktuell den Status einer fiktiven Zulassung und befindet sich beim Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im Nachzulassungsverfahren. Einige Krankenkassen lehnen trotz langjähriger erfolgreicher Anwendung und belegter klinischer Wirksamkeit die Erstattung bis zur endgültigen Zulassung ab*. Eine Alternative ist in solchen Fällen die Verordnung auf Privatrezept: Eine aktuelle Studie zeigt, dass der überwiegende Anteil der Patienten bei hohem Leidensdruck bereit ist, für eine wirksame Therapie monatliche Kosten von bis zu 50 Euro selbst zu tragen (9).

Literaturhinweise:
(1) Augustin M et al., Population-based epidemiologic study on the prevalence, quality and severity of hyperhidrosis on 14,000 adults in Germany. 1. Forschungssymposium des Institutes für Versorgungsforschung in der Dermatologie und bei Pflegeberufen (IVDP), Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, Juni 2012
(2) Pressegespräch „Wenn Schwitzen zum Problem wird - Hyperhidrose patientengerecht behandeln“, 18. April, Düsseldorf/Erkrath
(3) Hund M et al., 2004, J Dtsch Dermatol Ges 2: 343-9
(4) Strutton DR et al., 2004, J Am Acad Dermatol 51: 241-8
(5) Müller C, 2011, Deutscher Kongress für Versorgungsforschung, P6/5; www.egms.de/static/en/meetings/dkvf2011/11dkvf118.shtml
(6) Deutsche Dermatologische Gesellschaft, DDG: S1-Leitlinie „Definition und Therapie der primären Hyperhidrose“. Stand: 15.01.12
(7) Fachinformation Vagantin®, Stand Dezember 2012
(8) Müller C et al., 2012, J Eur Acad Dermatol Venereol, doi: 10.1111/j.1468-3083.2012.04708.x (Epub ahead of print)
(9) Müller C and Augustin M, 2013, British Journal of Dermatology, 168: 448-50

Quelle: Riemser


Anzeige:
Fachinformation

Stichwörter

Das könnte Sie auch interessieren

Röntgeninstitut plant Mammografie mit audiovisueller Erlebniswelt

Röntgeninstitut plant Mammografie mit audiovisueller Erlebniswelt
© serhiibobyk - stock.adobe.com

Brustkrebs ist mit etwa 70.000 Neuerkrankungen im Jahr die häufigste onkologische Erkrankung bei Frauen. Daher wird der einst von der „American Cancer Society“ ausgerufene Internationale Brustkrebstag am 1. Oktober weltweit zum Anlass genommen, anhand von Informations- und Aufklärungskampagnen Aufmerksamkeit auf die Erkrankung zu lenken und speziell das Thema Vorsorge ins Bewusstsein der Bevölkerung zu rücken. „Werden bösartige Tumoren frühzeitig entdeckt, sind die Heilungschancen von Brustkrebs äußerst gut“, weiß Dr....

Die wichtigsten Tipps zur Grippe-Impfung

Die wichtigsten Tipps zur Grippe-Impfung
© Konstantin Yuganov / fotolia.com

Es geht wieder los: Die Grippe-Zeit beginnt! Insbesondere ältere Patienten sind durch Influenza-Viren gefährdet. Aber auch Schwangere, Kinder und Pflegepersonal sind besonders betroffen. Deswegen raten Experten jetzt zur gezielten Grippeschutzimpfung. „Für ältere Menschen eignen sich insbesondere die sogenannten tetravalenten Impfstoffe, die nun auch von den Krankenkassen bezahlt werden“, sagt Dr. Andreas Leischker (Foto), Impfexperte der Deutschen Gesellschaft für Geriatrie (DGG) sowie Chefarzt der Klinik für Geriatrie des Alexianer-Krankenhauses...

Verlässliche Informationen zum Coronavirus auf Patienten-Information.de

Verlässliche Informationen zum Coronavirus auf Patienten-Information.de
© ra2 studio / Fotolia.com

Im Internet gibt es eine Hülle und Fülle von Informationen zum neuartigen Coronavirus und zur Erkrankung Covid-19. Doch nicht alle sind ausgewogen und qualitätsgesichert. Darüber hinaus grassieren viele Falschmeldungen. Daher möchte das Ärztliche Zentrum für Qualität in der Medizin (ÄZQ) Bürgerinnen und Bürger unterstützen, verlässliche und verständliche Informationen zum aktuellen Thema zu finden. 

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Hyperhidrose: Methantheliniumbromid gegen übermäßiges Schwitzen"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • Türkei lockert viele „Corona“-Restriktionen ab 1. Juni – Es besteht wieder Reisefreiheit, Cafés, Restaurants, Schwimmbäder, Sportstudios und Kindergärten öffnen wieder. Auch Strände, Parks und Museen werden wieder zugänglich sein (dpa, 28.05.2020).
  • Türkei lockert viele „Corona“-Restriktionen ab 1. Juni – Es besteht wieder Reisefreiheit, Cafés, Restaurants, Schwimmbäder, Sportstudios und Kindergärten öffnen wieder. Auch Strände, Parks und Museen werden wieder zugänglich sein (dpa, 28.05.2020).

Cookies

Diese Webseite benutzt Cookies, um den Nutzern das beste Webseiten-Erlebnis zu ermöglichen. Ausserdem werden teilweise auch Cookies von Diensten Dritter gesetzt. Weitere Informationen erhalten Sie in den Allgemeine Geschäftsbedingungen und in den Datenschutzrichtlinien.

Verstanden