Samstag, 16. Februar 2019
Navigation öffnen

Medizin

12. Dezember 2016 Hyperurikämie: Eine Erkrankung mit systemischen Folgen

Erhöhte Harnsäurespiegel haben nicht nur einen Gichtanfall zur Folge. Neuere Forschungen belegen vielmehr ein mannigfache systemische Wirkung, wie Experten auf einer von Berlin Chemie unterstützten Presseveranstaltung erklärten. So wird eine Hyperurikämie unter anderem mit Bluthochdruck in Zusammenhang gebracht. Urikostatika konnten diesbezüglich schon positive blutdrucksenkende (Neben)Wirkungen zeigen. Außerdem sollte die Gicht nicht mehr mit dem schlechten Image einer Lebensstil-Erkrankung in Verbindung gebracht werden.
Der niedergelassene Nephrologe Dr. med. Kai-Michael Hahn, Dortmund, wies auf die multiplen Folgen einer pathologisch erhöhten Harnsäure (HS) hin. Dies steht oftmals im Zusammenhang mit einem erhöhten Fructosekonsum, wie er vor allem durch den mannigfachen Einsatz von industriell gefertigtem High-Fructose-Corn-Sirup hervorgerufen wird, der beispielsweise zur Süßung von Softdrinks, aber auch von Fruchtsäften verwendet wird.
„Die aktuelle Datenlage“, so Hahn, „spricht für einen erheblichen Effekt dieses Konzentrats hinsichtlich des Metabolischen Syndroms.“ Unter anderem führt ein Metabolisierungsweg von Fructose – über eine Erhöhung der HS-Spiegel – zur Insulinresistenz.

Assoziation: Harnsäure und Blutdruck

Die Auswirkungen einer erhöhten HS sind jedoch vielfältiger. Bei Ratten wurde damit einer erhöhter Blutdruck induziert; dieser wurde durch den Einsatz des Xanthinoxodasehemmer Febuxostat (Adenuric®) wieder normalisiert (1). Dieser Effekt konnte an Menschen wiederholt werden. Jugendliche mit neu-diagnostizierter und noch unbehandelter Hypertonie, die zugleich pathologische HS-Spiegel aufwiesen (> 6,3 mg/dl), bekamen eine vierwöchige harnsäuresenkende medikamentöse Therapie mit einem Urikostatikum.

Der systolische Blutdruck konnte um 6,9 mmHg (vs Placebo 2,0mmHg) gesenkt werden, die Diastole um 5,1 mmHg (vs 2,4 mmHg). Zwei Drittel der 30 Teilnehmer erreichten so einen normalen Blutdruck (2). „Erhöhte Harnsäure sollte nicht mehr nur als Risikomarker angesehen werden, sondern als Risikofaktor“, unterstreicht Hahn.

Schmuddelimage meist zu Unrecht

PD Dr. med. Anne-Kathrin Tausche, Dresden, verwies auf das schlechte Image der Gichterkrankung. Es wird von den Behandlern den Patienten als eigenverschuldet zur Last gelegt. Dies deckt sich mit der Patienten-Auffassung, die diese Erkrankung als (gerechte) Strafe für ihren Lebensstil ansehen (3). Tausche stellte jedoch klar, dass 90% der Patienten genetisch eine Disposition für eine symptomatische Hyperurikämie haben, weil sie Variationen des URAT-Transporters aufweisen. Im Zusammenspiel mit industriell hergestellter Nahrung (z.B. Fructose-Konzentrate), resultieren daraus pathologisch erhöhte HS-Spiegel. „Ein Gichtanfall stellt dabei lediglich die Spitze des Eisbergs dar. Gicht ist nicht nur der Anfall, sondern eine chronische metabolische Kondition.“

In der neuen S2e-Leitlinie (Fertigstellung geplant für Dezember 2017) sind die anzustrebenden Zielwerte definiert: bei symptomatischer Hyperurikämie ist der Zielwert kleiner 6 mg/dl (360 mmol/l); bei tophöser Gicht kleiner 5 mg/dl (300 mmol/l). Die medikamentöse Erstlinienbehandlung sollte mit Urikostatika wie Febuxostat durchgeführt werden. Ziel ist eine stabile Remission; der Patient sollte dauerhaft unter den Grenzwerten bleiben (4).

Reimund Freye, Baden-Baden

Quelle: Presseveranstaltung: Experten im Speichergespräch, Berlin, 1. Dez. 2016; Veranstalter: Berlin Chemie

Literatur:

(1) Sanchez-Lozade LG et al., Am J Physiol Renal Physiol 2008; 294: F710-18
(2) Feig DI et al., JAMA 2008;300(8):924-32
(3) Spencer K et al., Ann Rheum Dis 2012; 71(9); 1490-5
(4) Z Rheumatol 2016 (Suppl 2); 75: S11-S60


Das könnte Sie auch interessieren

Pilotprojekt: Stuhlkarten-Screening mit einfacher Farbkarte

Pilotprojekt: Stuhlkarten-Screening mit einfacher Farbkarte
© jolopes / Fotolia.com

Genial einfach: Anfang Dezember 2016 wurden 100.000 so genannte Stuhlkarten zur Früherkennung der Gallengangatresie an alle stationären niedersächsischen Geburtskliniken verschickt und dort von Kinderärzten, Gynäkologen und Hebammen in das „Gelbe Heft“ eingelegt. „Dieses Projekt ist ein wunderbares Beispiel dafür, wie mit einfachen Mitteln und ohne großen technischen Aufwand ein maximaler Erfolg erzielt werden kann. Mit übersichtlich gestalteten Karten wird es Eltern leicht gemacht, sich über die Gesundheit ihres neugeborenen...

Neue Version der Patientenleitlinie "Unipolare Depression" veröffentlicht

Neue Version der Patientenleitlinie "Unipolare Depression" veröffentlicht
© imagesetc / Fotolia.com

Depressionen sind weltweit häufige Erkrankungen. Allein in Deutschland sind innerhalb eines Jahres rund 6,2 Millionen Menschen betroffen. Gleichzeitig ist die Dunkelziffer hoch: Oft werden depressive Erkrankungen nicht festgestellt, weil Betroffene keine fachliche Hilfe suchen oder die Krankheit nicht erkannt wird. Dabei stehen heute evidenzbasierte Therapieverfahren zur Verfügung, mit denen sich Depressionen in den meisten Fällen gut behandeln lassen.

Grippeviren im Anmarsch - Tipps zum Schutz vor Ansteckung

Grippeviren im Anmarsch - Tipps zum Schutz vor Ansteckung
© ERGO Group

Jedes Jahr aufs Neue rollen gegen Ende des Jahres die ersten Grippewellen an: Laut dem Robert-Koch-Institut erkranken während einer saisonalen Grippewelle in Deutschland zwischen zwei und zehn Millionen Menschen. Dr. Wolfgang Reuter, Gesundheitsexperte der DKV Deutsche Krankenversicherung, erklärt den Unterschied zwischen Erkältung und echter Grippe, der sogenannten Influenza. Zudem gibt er Tipps zu Schutzmaßnahmen gegen Grippeviren.

Schuppenflechte in Gelenken: Neue Therapien bei Psoriasis-Arthritis

Schuppenflechte in Gelenken: Neue Therapien bei Psoriasis-Arthritis
© Sebastian Kaulitzki / Fotolia.com

Mit Rheuma werden gemeinhin Beschwerden am Stütz- und Bewegungsapparat mit fließenden, reißenden und ziehenden Schmerzen bezeichnet, oft einhergehend mit einer Einschränkung der Funktionsfähigkeit. Etwa 200 bis 400 einzelne Erkrankungen werden mittlerweile unter Rheuma verzeichnet, die sich im Beschwerdebild, dem Verlauf und der Prognose sehr unterscheiden. Entgegen weit verbreiteter Meinung ist es keine Erkrankung nur älterer Menschen, betont Prof. Christoph Baerwald, 1. Sprecher des Rheumazentrums am Universitätsklinikum Leipzig anlässlich des...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Hyperurikämie: Eine Erkrankung mit systemischen Folgen"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.