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Medizin

27. Juni 2019 Hypoglykämie: Ängste behindern adäquate Insulin-Therapie

Unterzuckerungen sind für Diabetespatienten mit Insulintherapie eine ständige Gefahr und Quelle der Angst. Trotzdem nimmt nur jeder Zweite nach solchen Ereignissen Kontakt zu seinem Arzt auf. Dabei verschlechtern Hypoglykämien die Lebensqualität, können Beeinträchtigungen bis hin zu kognitiven Störungen nach sich ziehen und bedrohen schlimmstenfalls das Leben. Und sie sind erheblich häufiger, als viele glauben. Das zeigen deutsche Daten von 2.071 Patienten mit Insulintherapie: 81,3% der Typ-1- und 39,7% der Typ-2-Diabetiker hatten in den 4 Wochen zuvor Unterzuckerung/en erlitten. Bei 9,1% und 5,4% waren sogar schwere Hypoglykämien mit Fremdhilfebedarf aufgetreten, berichtete Prof. Werner Kern aus Ulm. Nächtliche Ereignisse nannten 37,3% und 12,2%.
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Hypoglykämien sind riskant. Schwere Ereignisse etwa können die Gefahr einer späteren Demenzentwicklung bei Typ-2-Patienten mehr als verdoppeln. Andere Daten von Typ-2-Senioren zeigen eine anhaltende Minderung der kognitiven Leistung. Sie nahm umso stärker ab, je mehr schwere Hypoglykämien aufgetreten waren.

Nächtliche Hypoglykämien senken Schlafqualität

Von den Patienten besonders gefürchtet sind nächtliche Unterzuckerungen, deren Wahrnehmung schlafbedingt erschwert ist. Und unbemerkte Hypoglykämien konzentrieren sich Daten zufolge zu 74% auf die Nacht. Unbemerkt heißt aber nicht folgenlos. So klagen selbst nach „nur verschlafenen“, leichten Ereignissen 2 Drittel der Betroffenen am Folgetag über kognitive Defizite. Denn nächtliche Hypoglykämien verschlechtern die Schlafqualität. Darunter leidet die Gedächtnisbildung: Zuvor neu erworbenes Wissen wird im Schlaf schlechter verfestigt.

Gefahr der Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung

Zudem können bereits leichte, rezidivierende Unterzuckerungen eine Hypoglykämie-Wahrnehmungsstörung bewirken. Das Gehirn versucht, sich vor erneutem Glukosemangel zu schützen und forciert andere Wege der Energieversorgung (z.B. Zunahme der Glykogenspeicher im Gehirn). Das verbessert in gewissem Umfang die Energieversorgung auch bei niedrigem Blutzucker. Allerdings nur im Gehirn. Dass gleichzeitig die Werte in der Peripherie sinken, nehmen die Patienten erst verspätet wahr. Teilweise sind sie noch bei Werten von ca. 30 mg/dl symptomlos. Dann aber kann schon der kleinste weitere Glukoseabfall sie plötzlich außer Gefecht setzen.

Angst des Patienten führt zu Insulin-Reduktion

Den Patienten sind Verwirrtheit und Verhaltensänderungen in der Hypoglykämie hinterher oft peinlich. Außerdem macht das Erlebte ihnen Angst. Viele leben in ständiger Furcht vor dem nächsten Mal. Sie plagt zum Beispiel 78% der Typ-1-Patienten meistens (35%) oder zeitweise und ist nach schweren Ereignissen mit Handlungsunfähigkeit besonders groß. Etwa nach Krampfanfällen mit Kontrollverlust über die Blase. Dass viele Patienten nach Hypoglykämien ihre Insulindosis verringern, ist deshalb nicht immer rational begründet, so Kern: In einer Studie steckte bei 43% der Patienten mit Dosisreduktion die reine Hypo-Angst dahinter. „Das verhindert dann das Erreichen der persönlichen Zielwerte“, warnte er.

Helga Brettschneider

Quelle: Symposium „Schwere Hypoglykämien – Folgen für Patient und Umfeld“, 29. Mai 2019 im Rahmen des 54. Kongresses der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG), Berlin; Veranstalter: Lilly


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