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Medizin

29. Januar 2020 Kognition: Jahrelange Einschränkungen nach intensivmedizinischer Behandlung

Wer selbst schon einmal intensivmedizinisch behandelt wurde oder wessen Angehörige auf der Intensivstation behandelt wurden, weiß, wie schwer dies ist, aber im besten Falle auch lebensrettend. Doch was kommt danach? Laut medizinischen Studien leiden bis zu 78% aller Patienten nach der Entlassung von einer Intensivstation an Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit – häufig über viele Jahre. Das hat Einfluss auf die Alltagskompetenz und die Lebensqualität der Betroffenen. Was sind die Gründe dafür und lässt sich dem entgegenwirken? Zu diesem Thema werden Experten auf der ANIM – Arbeitstagung NeuroIntensivMedizin – vom 30. Januar-1. Februar 2020 in Karlsruhe diskutieren.
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Fachinformation
In einer wissenschaftlichen Sitzung stellt u.a. Dr. med. Julius Emmrich von der Abteilung für Neurologie und Experimentelle Neurologie der Charité – Universitätsmedizin Berlin eine Übersichtsarbeit vor, in der Patienten auf Intensivstation (ITS) eingeschlossen waren, deren kognitive Leistungsfähigkeit nach dem Krankenhausaufenthalt mithilfe standardisierter Testverfahren gemessen wurde. Diagnosen, die zur Aufnahme auf die ITS führten, waren akutes Lungenversagen (ARDS), Sepsis, chronisch obstruktive Lungenerkrankung und kardiogener Schock. „Was uns interessierte, waren die Auswirkungen einer Intensivbehandlung auf das gesunde Gehirn“, erklärt Emmrich den Ausschluss von Patienten mit einer primär neurologischen Erkrankung. Der Grund dafür ist, dass kognitive Defizite nach einer direkten Hirnschädigung wie z.B. Schlaganfall oder Schädel-Hirn-Trauma sehr häufig sind.

Einschränkung über Jahre

Ihre Untersuchung kommt zu dem Ergebnis, dass 17-78% der Patienten nach einer intensivstationären Behandlung von Einschränkungen der kognitiven Leistungsfähigkeit betroffen sind, welche überwiegend neu auftraten, unmittelbar nach Entlassung am stärksten ausgeprägt waren und mindestens 0,5-9 Jahre anhielten. Kognitive Domänen, die nach ITS-Aufenthalt besonders betroffen sind, sind Konzentration und Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Exekutivfunktionen wie Entscheidungen treffen, Verwerten von Feedback, (Selbst-)Reflexion. Das Delir ist der am besten untersuchte Risikofaktor für langfristige kognitive Defizite nach einer Intensivbehandlung. Bei Intensivpatienten tritt in 30-80% der Fälle ein Delir auf.

Delir schädigt Kognition mit hoher Wahrscheinlichkeit

Es ist sehr wahrscheinlich, dass die Prävention und Behandlung von Delir zur Vermeidung kognitiver Schädigungen nach ITS-Behandlung führt. „Im besten Fall lässt sich ein Delir durch das Erkennen und Vermeiden von Risikofaktoren verhindern. Kleine wie große Kliniken sind dazu gleichermaßen in der Lage. Leitlinien sind vorhanden und es gibt einige exzellente Beispiele wie durch gezieltes Delir-Screening und Delir-Prävention in der klinischen Routine Patienten geholfen wird. Das Delir-Screening wird in der klinischen Praxis häufig von qualifiziertem Pflegepersonal durchgeführt. Wir als Neuro-Intensivmediziner sollten daran arbeiten, ärztliche und pflegerische Kollegen auch aus der anästhesiologischen, internistischen und chirurgischen Intensivmedizin für dieses wichtige Thema zu sensibilisieren, um möglichst viele Patienten vor den möglichen kognitiven Schäden einer ITS-Behandlung zu schützen“, erklärt Emmrich. Und weiter: „Es mangelt aus unserer Sicht leider immer noch an dem Bewusstsein für dieses hoch relevante Thema, was die Umsetzung von Empfehlungen in der klinischen Praxis erschwert.“
Für eine konkrete Aussage, ob sich den kognitiven Schädigungen nach Intensivbehandlung entgegenwirken lässt, ist die Studienlage leider noch zu dünn. Es werden zurzeit mehrere Kohortenstudien durchgeführt, die einen Zusammenhang zum Delir beleuchten. „Auf die Ergebnisse dürfen wir gespannt sein“, so Emmrich.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für NeuroIntensiv- und Notfallmedizin


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