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Medizin

22. November 2016 Komplementärmedizin: Misteltherapie als supportive Maßnahme bei Krebserkrankungen

Die Misteltherapie wird als komplementärmedizinische und supportive Maßnahme bei Patienten mit verschiedenen soliden Tumorerkrankungen ergänzend zu einer onkologischen Therapie eingesetzt. Hauptindikation sind solide Tumoren mit Ausnahme von primären Hirntumoren und zerebralen Metastasen. Wie Dr. med. Petra Voiß von der Klinik für Naturheilkunde und Integrative Medizin, Kliniken Essen-Mitte, bei einem Symposium im Rahmen der DGHO-Jahrestagung berichtete, enthalten Mistelextrakte, die üblicherweise subkutan injiziert werden, eine Reihe von pharmakologisch aktiven Substanzen, von denen Mistellektine und Viscotoxine am besten untersucht sind.
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Diese Substanzen töten in vitro Tumorzellen ab, stimulieren laut in-vitro- und in-vivo-Untersuchungen Immunzellen und haben zudem antiangiogene Wirkungen (1). Eine Ausschüttung von β-Endorphin unter dem Einfluss von Mistelextrakt ist ebenfalls beschrieben (2).

Laut Voiß gibt es gute wissenschaftliche Evidenz dafür, dass die Misteltherapie die Lebensqualität von Tumorpatienten, insbesondere von Patientinnen mit Mammakarzinom, unter einer konventionellen Tumortherapie verbessert und die Nebenwirkungen der tumoraktiven Therapie vermindert. Das zeigen zwei fundierte Übersichtsarbeiten (3, 4). Im Hinblick auf eine Verbesserung des Überlebens sei die Evidenz allerdings weniger schlüssig, konstatierte Voiß.

Besserer Schlaf, weniger Schmerz und Erschöpfung

Die wichtigsten klinischen Wirkungen der Mistel sind laut Voiß eine Linderung Tumortherapie-bedingter Nebenwirkungen wie Schmerz und Fatigue, ferner Appetitsteigerung sowie eine Regulierung des Schlafes. Daneben werde von den Patienten immer wieder ein Kräftezuwachs, eine psychische Stabilisierung und eine verminderte Infektanfälligkeit berichtet.

Die Bedeutung einer Verbesserung von Schlafstörungen unter der Misteltherapie kann nach Ansicht von Voiß nicht hoch genug eingeschätzt werden, da es Hinweise darauf gibt, dass Schlafstörungen bei Patientinnen mit fortgeschrittenem Brustkrebs eng mit einem verminderten Überleben assoziiert sind. In einer im Jahr 2014 publizierten Untersuchung überlebten Frauen, deren Schlafeffizienz über 85% lag (n=60), im Mittel 68,9 Monate, Frauen mit schlechterer Schlafeffizienz (n=37) nur 33,2 Monate. Eine Verbesserung der Schlafeffizienz um 10% ging mit einer Verlängerung der Überlebenszeit um 32% einher (5). Die Autoren vermuten, dass die Zusammenhänge zwischen schlechter Schlafqualität und verminderter Überlebenszeit durch eine verminderte Immunfunktion und/oder eine beeinträchtigte hormonelle Stressreaktion verursacht werden.

Wie Voiß berichtete, bestätigen auch die Daten zweier aktueller Studien die positiven Effekte von Mistelextrakt auf die Lebensqualität der Patienten, insbesondere auf die Parameter Schlaf, Schmerz und Fatigue. Dies konnte sowohl für Patientinnen mit Mammakarzinom unter einer adjuvanten Chemotherapie (6)  als auch für Patienten mit fortgeschrittenem Pankreaskarzinom (7) nachgewiesen werden. Bei den Patienten mit Pankreaskarzinom kam es unter der Misteltherapie sogar zu einer merklichen Gewichtszunahme, während in der Kontrollgruppe das Körpergewicht der Patienten kontinuierlich sank. Voiß: „Die Mistel kräftigt die Patienten und wirkt aufbauend.“

Kontraindiziert ist die Mistel bei Allergien gegen Mistelbestandteile, Schwangerschaft, begleitenden Autoimmunerkrankungen, Hyperthyreose und hämatologischen Malignomen. Bei akuter Infektion und Fieber sollte mit der Therapie pausiert werden. Die Misteltherapie gilt als sicheres und verträgliches Verfahren, durch eine langsame Dosiserhöhung über mehrere Wochen werde das Allergierisiko minimiert, so Voiß. Erwünschte Nebenwirkungen sind eine Lokalreaktion an der Einstichstelle sowie ggf. ein leichter Temperaturanstieg (0,5 bis 1 °C) über 2 bis 3 Tage. Beides zeige an, dass der Organismus auf die Behandlung reagiere. Zudem könnten passager knotige Verhärtungen an der Einstichstelle und Lymphknotenschwellungen auftreten. Bei Abgeschlagenheit, Glieder- oder Kopfschmerzen müsse die Dosis reduziert werden.

Aufgrund der Studienlage und ihrer klinischen Erfahrung zieht Voiß das Fazit, dass die Misteltherapie eine sinnvolle supportive Behandlung für Tumorpatienten unter einer konventionellen Tumortherapie darstellt. Voiß: „Vor allem, wenn die Nebenwirkungen Fatigue, Schlafstörungen und Schmerz bei den Patienten im Vordergrund stehen, setze ich die Mistel gerne ein.“

Dr. Claudia Schöllmann, Grasbrunn

Quelle: Mundipharma Satellitensymposium „ONKOLOGIEplus LEBENsqualität – Was braucht Ihr Tumorpatient?“ im Rahmen der gemeinsamen Jahrestagung der Deutschen, Österreichischen und Schweizerischen Fachgesellschafen für Hämatologie und Medizinische Onkologie am 16. Oktober 2016 in Leipzig

Literatur:

  (1) Schilcher H. Leitfaden Phytotherapie. Elsevier GmbH, Urban & Fischer, München, 5. Auflage 2016.
  (2) Heiny BM, Beuth J. Anticancer Res. 1994 May-Jun;14(3B):1339-1342.
  (3) Horneber M et al. Cochrane Database Syst Rev Apr 16(2)CD003297.
  (4) Kienle GS et al. J Exp Clin Cancer Res 2009; 28:79.
  (5) Palesh O et al. Sleep. 2014; 37: 837–842.
  (6) Tröger W, Zdrale Z, Tišma N, Matijašević M.Evid Based Complement Alternat Med. 2014;2014:430518.
  (7) Tröger et al. Dtsch Arztebl Int. 2014;111(29-30):493-502.


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