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Medizin

06. Februar 2019 Masterplan Medizinstudium 2020: Praxisnähe und Kompetenzorientierung

Der „Masterplan Medizinstudium 2020“ (MM2020) zielt auf eine praxisnahe und kompetenzorientierte Ausbildung angehender Ärzte ab. Anlässlich einer Stellungnahme des Hartmannbundes vom 29.01.2019, in der Medizinstudierende zur Eile drängen, interviewte journalmed.de Prof. Dr. med. Jana Jünger. Die Direktorin am Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen erklärt, welche Änderungen dieser Plan mit sich bringt, wie sich die Neuerungen auf Studierende, Ärzte und Patienten auswirken und was die Umgestaltung für die Anerkennung ausländischer Berufsqualifikationen bedeutet.
Was beinhaltet der „Masterplan Medizinstudium 2020“?

Prof. Jünger: Die Haltung des Arztes gegenüber seinem Patienten hat sich in den letzten Jahren und Jahrzehnten von einer paternalistischen Einstellung hin zu einer Begegnung auf Augenhöhe entwickelt. Ebenso werden vom Patienten andere Erwartungen an den Arzt herangetragen. Insgesamt hat sich die Arzt-Patienten-Beziehung so deutlich verändert, dass eine Anpassung der Ärzteausbildung unabdingbar ist. Daher wird im „Masterplan“ eine kompetenzorientierte Durchführung des medizinischen Staatsexamens gefordert. Konkret bedeutet das: Es wird ein Schwerpunkt auf die Arzt-Patienten-Kommunikation gelegt sowie eine hohe Wissenschaftskompetenz der angehenden Ärzte und eine Stärkung des praktischen Staatsexamensteils angestrebt.

Wie werden sich diese Veränderungen Ihrer Ansicht nach auf die Ärzteausbildung und das Staatsexamen auswirken?

Prof. Jünger: Bislang wurden wichtige Kompetenzen, wie zum Beispiel die Gesprächsführung und die klinische Entscheidungsfindung, nicht in den Staatsexamina geprüft, obwohl beides wichtig für die Gewährleistung der Patientensicherheit ist. Mit dem „MM2020“ soll eine Neugestaltung erfolgen, die vor allem die Arzt-Patienten-Kommunikation, die interprofessionelle Zusammenarbeit und die Praxisorientierung in den Fokus rückt.

Das Staatsexamen soll auch weiterhin aus 2 Teilen bestehen, einem schriftlichen und einem mündlich-praktischen Teil. Im schriftlichen Teil ist jedoch eine deutliche Reduktion der naturwissenschaftlichen Fragen vorgesehen. Diese Fragen sollen zukünftig in einen klinischen relevanten Kontext eingebunden werden, der Wissenschaftskompetenz, rechtliche und ethische Grundlagen sowie psychosoziale Kenntnisse berücksichtigt. Die Anwendungsorientierung steht dabei stets im Vordergrund.

Der mündlich-praktische Teil soll durch die sogenannte OSCE, was für „objective structured clinical examination“ steht, neugestaltet werden. Ähnlich wie beim Zirkeltraining in der Schule sollen die Prüflinge eine Art „Parcours“ durchlaufen, der voraussichtlich 10 Stationen mit einer an die Realität angepassten Bearbeitungszeit von je 8 Minuten umfassen wird. Dabei werden Fähigkeiten geprüft, die in einem schriftlichen Test bisher nur unzureichend abgebildet werden können: grundlegende körperliche Untersuchungstechniken, Zugewandtheit zum Patienten auch in Stresssituationen und praktische Fertigkeiten wie steriles Arbeiten.

Zwar bedeutet die Umgestaltung durch den „MM2020“ steigende Anforderungen an die Studierenden, aber letzten Endes machen wir Berufsanfänger damit „fit für den ersten Tag“, sodass sie der enormen Komplexität des medizinischen Arbeitsbereichs noch besser als bisher gewachsen sind.

 Was bedeuten die Neuerungen für die Vergleichbarkeit mit anderen Ländern und das Anerkennungsverfahren?

Prof. Jünger: Aufgrund der zunehmenden Mobilität von Ärzten, sowohl national als auch international, wird die Vergleichbarkeit von medizinischen Abschlüssen immer wichtiger. Bislang besteht diese nur auf dem Papier, da zum Beispiel das Ableisten von 200 internistischen Stunden wenig Aussagekraft darüber besitzt, wie kompetent ein Absolvent wirklich ist. Zum Teil bestehen massive Unterschiede zwischen den Curricula in anderen Ländern und bei uns, zum Beispiel in den Bereichen der Arzt-Patienten-Kommunikation und therapeutischer Entscheidungen.

Ein Positivbeispiel für internationale Vergleichbarkeit der Ärzteausbildung ist die Kooperation zwischen der Universitätsmedizin Mainz und der vietnamesischen Partneruniversität in Ho-Chi-Minh-Stadt: Erstmals wurde hier im November 2018 ein Examen nach deutschem Vorbild und basierend auf dem Mainzer Curriculum abgehalten. Über 30 vietnamesische Studentinnen und Studenten haben ein deutsches Staatsexamen absolviert, wobei zwar eine Mehrheit der Prüflinge bestanden hat, die Durchfallquote jedoch deutlich höher war als es hierzulande der Fall ist. Das zeigt, dass es eine Chance auf einheitliche Vergleichbarkeit gibt. Für uns ist diese Kooperation ein hervorragendes Positivbeispiel, wie ausländische Ärzte in ihrem Heimatland für eine mögliche Tätigkeit in einem deutschen Krankenhaus ausgebildet werden können.

Ein weiteres Beispiel aus Europa: In Großbritannien müssen alle Anwärter, die dort als Arzt arbeiten wollen, einen einheitlichen Test ablegen, das sogenannte „Professional and Linguistic Assessments Board“ (PLAB). Und das auch dann, wenn eine in einem anderen Land erteilte Berufszulassung nachgewiesen wurde. Zwar kann eingewendet werden, dass ein solches Verfahren eine hohe Belastung für ausländische Ärzte darstellt, doch wir tragen auch den deutschen Studierenden gegenüber Verantwortung: Es werden für den verantwortungsvollen Beruf des Arztes nur die Besten ausgewählt, und an unsere Studierende höhere Anforderungen zu stellen als an Anwärter aus anderen Ländern, wäre weder gerecht noch zielführend.

Was bedeutet das für Patienten und Ärzte?

Prof. Jünger: Letztlich geht es vor allem um die Patientensicherheit. Patienten müssen Vertrauen haben. Sonst werden sie unsicher, halten Informationen zurück, was letztendlich zu Komplikationen führen kann. Therapietreu zu sein ist dann oft nicht möglich. Ein solches Vertrauen kann nur aufgebaut werden, wenn sich Ärzte und Patienten verstehen. Damit ist nicht nur das sichere Beherrschen der Landessprache gemeint, sondern in erster Linie Verständnis für den Patienten und eine adäquate Kommunikationskompetenz, damit die behandelnden Ärzte die bestmögliche Behandlung für die Patienten finden.

Und schließlich besteht auch gegenüber den deutschen Ärzten eine Verantwortung im Sinne der „interprofessionellen Sicherheit“: Jeder Arzt muss sich darauf verlassen können, dass auch andere Kolleginnen und Kollegen Fachwissen und Fertigkeiten des Berufs beherrschen.


Vielen Dank für das Gespräch!
Susanne Morisch
 
Prof. Dr. Jana Jünger ist seit 2016 Direktorin am Institut für Medizinische und Pharmazeutische Prüfungsfragen (IMPP).
 

Quelle: journalmed.de


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