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Medizin

12. November 2020 Mehr Vergiftungen durch Paracetamol

Seit 2003 ist das Schmerzmittel Paracetamol in der Schweiz in Tabletten mit einer höheren Wirkstoffdosis erhältlich. Gleichzeitig haben hierzulande Paracetamol-Vergiftungsfälle zugenommen, konnten ETH-Forschende in einer Datenauswertung zeigen. Das bekannte Schmerzmittel Paracetamol ist in der Schweiz – und auch in Deutschland – nicht nur rezeptfrei in Tabletten zu 500 Milligramm erhältlich, sondern nach Verschreibung durch einen Arzt oder eine Ärztin auch in doppelt so hoch dosierten Tabletten zu 1.000 Milligramm (1 Gramm). Forschende der ETH Zürich haben nun untersucht, ob die Verfügbarkeit der höher dosierten Tabletten mit häufigeren Paracetamol-Vergiftungen im Zusammenhang stehen könnte. Sie schließen aus ihrer Untersuchung, dass dem so ist.
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Paracetamol ist das weltweit am häufigsten verwendete Schmerzmittel. „Es ist ein sehr sicheres Medikament, allerdings nur für die kurzzeitige Schmerzbekämpfung und solange die Tagesdosis die empfohlene Bandbreite nicht überschreitet“, sagt Andrea Burden, Professorin für Pharmakoepidemiologie an der ETH Zürich. Die empfohlene Maximaldosis für Erwachsene liegt bei täglich 4.000 Milligramm (4 Gramm), also bei maximal 4 der hoch dosierten oder bei maximal 8 der weniger hoch dosierten Tabletten. Bei Überdosierungen kann Paracetamol zu schweren Vergiftungen mit Leberversagen und der Notwendigkeit einer Lebertransplantation oder sogar mit tödlichem Ausgang führen.

Rücksprache mit Fachperson ist wichtig

„Ein Problem von Paracetamol ist, dass es nicht bei allen Patientinnen und Patienten und gegen alle Formen von Schmerz wirkt“, sagt Burden. „Ist das Medikament bei einer Person wirkungslos, könnte sie in Versuchung geraten, die Dosis ohne Absprache mit einer Fachperson zu erhöhen.“ Dies sei das eigentliche Problem. Und hier kommt auch die Tablettengröße ins Spiel: Mit den 1.000-Milligramm-Tabletten kann die Tageshöchstdosis bereits mit wenigen zusätzlichen Tabletten überschritten werden, während das Risiko einer irrtümlichen Überdosierung mit den weniger hoch dosierten 500- Milligramm-Tabletten geringer sei, sagt Burden.

„Wir sind uns bewusst, dass Schmerzbehandlungen herausfordernd sind und auch andere Medikamente schwerwiegende Nebenwirkungen haben können“, sagt die ETH-Professorin. „Wirkt Paracetamol nicht wie erwünscht, sollten allerdings nicht einfach weitere Tabletten eingenommen werden. Stattdessen wäre es wichtig, das Gespräch mit einer Fachperson zu suchen, um die beste Therapiemöglichkeit zu finden.“

Viel mehr höher dosierte Tabletten verkauft

Die 1.000-Milligramm-Paracetamol-Tabletten sind in der Schweiz seit Oktober 2003 erhältlich, vorher waren die 500-Milligramm-Tabletten die größten. Gemeinsam mit ihrem Team hat Burden Verkaufszahlen des Apothekerverbands Pharmasuisse sowie Daten des toxikologischen Informationszentrums Tox Info Suisse zu Anrufen in Zusammenhang mit Paracetamol-Vergiftungen in der Zeit vor und nach dieser Markteinführung analysiert. Wie die Verkaufszahlen zeigen, hat die Popularität der 1.000-Milligramm-Tabletten seit ihrer Einführung rasch zugenommen. Im Jahr 2005 wurden erstmals mehr 1.000-Milligramm-Tabletten verkauft als 500-Milligramm-Tabletten. Heute werden gar 10-mal mehr der höher dosierten Tabletten verkauft.

Zunahme der Vergiftungsfälle

Im selben Zeitraum nahmen auch die an Tox Info Suisse gemeldeten Paracetamol-Vergiftungsfälle zu. Nach 2005 kam es innerhalb von 3 Jahren zu einem deutlichen Anstieg der Vergiftungsfälle um 40%, von 561 Fällen im Jahr 2005 auf 786 im Jahr 2008. „Wir können daher davon ausgehen, dass die vermehrten Vergiftungen mit der Verfügbarkeit der 1.000-Milligramm-Tabletten zusammenhängen“, sagt Stefan Weiler, Mitautor der Studie und wissenschaftlicher Leiter von Tox Info Suisse. In den Jahren nach 2008 nahmen die Vergiftungsfälle nochmals zu, auf 1.188 im Jahr 2018.

Vergiftungen könnten vermieden werden

Die ETH-Professorin Burden plädiert für eine kritische Haltung, was Verschreibung und Abgabe der 1.000-Milligramm-Tabletten angeht. „Zumindest sollten die 1.000-Milligramm-Tabletten nur noch in Packungen angeboten werden, die weniger Tabletten enthalten“, sagt sie. Da es immer mehr Hinweise darauf gebe, dass Paracetamol zur Behandlung chronischer Schmerzen ungeeignet sei, bestehe wenig Bedarf an Packungsgrößen von 40 oder 100 Tabletten. Außerdem sollten Ärzte ihrer Ansicht nach eher die 500-Milligramm-Tabletten verschreiben, um das Risiko einer versehentlichen Überschreitung des Tageslimits zu reduzieren. Durch die Einnahme von 2 solchen Tabletten könnte eine Dosis von 1.000 Milligramm ebenfalls erreicht werden.
Burden ist der Ansicht, dass mit einer geringeren Verfügbarkeit von 1.000-Milligramm-Tabletten einige der Vergiftungsfälle vermieden werden könnten. In der Zwischenzeit erachtet es Burden als wichtig, dass Apothekerinnen und Apotheker bei der Abgabe der hoch dosierten Tabletten Patienten auf die Gefahr einer Überschreitung der täglichen Maximaldosis aufmerksam machen.

Quelle: Eidgenössische Technische Hochschule Zürich (ETH Zürich)


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