Mittwoch, 26. Februar 2020
Navigation öffnen
Anzeige:

Medizin

05. Dezember 2019 Neuropathie: Lipide in der Tränenflüssigkeit messen, um Biomarker zu identifizieren

Wer ein unangenehmes Kribbeln in den Händen oder Füßen spürt oder unter schmerzhaften Missempfindungen und Taubheitsgefühlen leidet, könnte von einer Neuropathie betroffen sein – einer Erkrankung des Nervensystems, bei der Nervenfasern geschädigt werden und sich zurückbilden können. Dieser Effekt ist auf der Hornhaut bereits sichtbar, bevor erste Symptome auftreten. Durch Untersuchungen von Hornhaut und Tränenflüssigkeit etabliert ein Forscherteam eine Methode, mit der sich frühzeitig feststellen lässt, wie weit die Schädigung der Nerven bereits fortgeschritten ist.
Anzeige:
Fachinformation
Neuropathische Schmerzen entstehen durch Schädigungen oder Erkrankungen des Nervensystems. Patienten klagen häufig über Pelzigkeit oder Taubheit in den peripheren Körperregionen. Mögliche Symptome sind aber auch Sensibilitätsstörungen, Ameisenlaufen, brennende Schmerzen, eingeschränktes Temperatur- und Schmerzempfinden sowie Gleichgewichtsprobleme. Die Liste der Beschwerden ist lang. Zunächst äußern sie sich an den Fuß- und Fingerspitzen und gehen mit der Zurückbildung der Nervenfasern einher. Ist erst einmal der ganze Fuß erfasst, kommt es zu Gehstörungen. Betroffen sind oftmals Diabetiker, die Erkrankung zeigt sich jedoch auch als Folgeerscheinung nach Chemotherapien, Dialysen, Infektionen, übermäßigem Alkoholkonsum oder bei Autoimmunerkrankungen.

Nervenfaserschädigung bislang nur schwer einschätzbar

Die Wirksamkeit von Therapien ist bei einem fortgeschrittenen Krankheitsverlauf stark eingeschränkt. Medikamente wirken am besten, wenn sie in einem frühen Stadium eingenommen werden, die Nervenfasern noch nicht stark zurückgebildet sind. Daher ist eine Frühdiagnose essenziell. Das Problem: Es fehlt an aussagekräftigen Methoden, die die Ausprägung und den Schweregrad der Neuropathie einschätzbar machen. Bisherige Verfahren eignen sich nur bedingt: Bei der Messung der Nervenleitungsgeschwindigkeit ist keine klare Diagnose möglich. Ist die Reizübertragung verlangsamt, kann eine Neuropathie vorliegen, aber auch andere Indikationen kommen infrage. Die Stanzbiopsie wiederum, bei der der Arzt Gewebe aus der Haut entnimmt, ist für Patienten sehr schmerzhaft und die Hautstelle möglicherweise nicht repräsentativ. Alternativen zu den klassischen Diagnosevarianten sind daher dringend erforderlich. Mit der Untersuchung der Hornhaut wählen Forscher am Fraunhofer IME in Frankfurt einen neuen, innovativen Ansatz: „Die Nervenfaserdichte ist in der Cornea am höchsten. Die Hornhaut gibt ein repräsentatives Bild des peripheren Nervensystems wieder“, sagt PD Dr. Marco Sisignano. Parameter wie Nervenfaserdichte und -länge, aber auch der Grad der Verzweigung lassen sich mikroskopisch über die Cornea erfassen. Stark verkürzte Fasern und geringe Verzweigungen etwa lassen Rückschlüsse auf drohende neuropathische Erkrankungen zu, noch bevor die Patienten über Beschwerden klagen.

Die Tränenflüssigkeit im Fokus

Dr. Sisignano und sein Team untersuchen speziell die Tränenflüssigkeit. Dabei arbeiten sie in Kooperation mit der renommierten Glaukomforscherin und Spezialistin für die Anatomie des Auges Prof. Dr. Elke Lütjen-Drecoll von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg, die untersucht, ob sich Immunzellen in der Tränendrüse ablösen und in den Tränenfilm einfließen. „Die Cornea ist nicht durchblutet, sie ist jedoch von Tränenflüssigkeit umgeben. Wenn man also eine Rückbildung der Nervenfasern erkennen kann, muss sich etwas in der Tränenflüssigkeit befinden, das die Verkürzung bewirkt. Daher fokussieren wir uns auf den Tränenfilm und entnehmen diesen von Patienten mit Papierstreifen oder saugen ihn mit einer Kapillare auf und geben ihn für weitere Analysen in ein Probengefäß“, erläutert Sisignano.
 
Mit dem Tandemmasssenspektrometer lassen sich verschiedene Stoffe in der Tränenflüssigkeit auftrennen. (© Fraunhofer IME)
Mit dem Tandemmasssenspektrometer lassen sich verschiedene Stoffe in der Tränenflüssigkeit auftrennen. (© Fraunhofer IME)


Per Tandemmassenspektrometrie werden verschiedene Stoffe in der Flüssigkeit aufgetrennt und deren Konzentration bestimmt. Dabei analysiert das Team insbesondere Lipide. Erhöhte Lipidwerte in Kombination mit zurückgebildeten Nervenfasern sind Anzeichen für eine beginnende Nervenerkrankung. „Unser USP ist die Lipidanalytik. Die Lipide können im Prinzip die Funktion von Biomarkern haben“, so der Biologe. Mit ihrer neuen Messmethode haben die Forscher am IME Pionierarbeit geleistet. „Die Lipide in der Tranenflüssigkeit messen zu können, ist eine Herausforderung. Schließlich bekommen wir nur einen kleinen Tropfen von den Patienten.“ Die Massenspektrometrie musste entsprechend angepasst und optimiert werden.

Derzeit führen die Projektpartner Tests mit 250 Patienten durch, die von verschiedensten Neuropathien betroffen sind. Nach Abschluss der einzelnen Untersuchungsmodule wie dem Erstellen sensorischer Profile, der cornealen Mikroskopie, der Testung von Tränenproben und der Lipidmessung werden die Ergebnisse gebündelt ausgewertet und korreliert. Ziel ist es, für die diversen Patientengruppen mögliche Biomarker für die Inzidenz und den Schweregrad der Neuropathie ableiten zu können. „Letztendlich wollen wir dem Arzt eine Entscheidungshilfe an die Hand geben, ob und wann er eine Therapie beginnen soll“, sagt Sisignano.

Quelle: Fraunhofer-Gesellschaft


Das könnte Sie auch interessieren

Schlaflose Nächte und grüner Star gehen oft Hand in Hand

Schlaflose Nächte und grüner Star gehen oft Hand in Hand
© HQUALITY - stock.adobe.com

Menschen, die an der Augenerkrankung grüner Star (Glaukom) leiden, sind häufig auch von Schlafstörungen betroffen. Eine aktuelle Studie zeigt, dass verschiedene Probleme beim Ein- oder Durchschlafen mit einem grünen Star verbunden sind1. Die Autoren kommen zu dem Schluss, dass Schlafstörungen entweder ein Risikofaktor für das Glaukom oder eine Folge dessen sein könnten. Die DOG – Deutsche Ophthalmologische Gesellschaft erinnert vor diesem Hintergrund daran, dass der grüne Star nur durch eine augenärztliche Untersuchung entdeckt...

Opioid-Abhängigkeit: Notstand in USA ausgerufen

Opioid-Abhängigkeit: Notstand in USA ausgerufen
© Eisenhans / Fotolia.com

Nachdem der amerikanische Präsident Donald Trump aufgrund der massiven Zunahme an Drogentoten den nationalen Notstand bezüglich Opioiden erklärt hat, gibt die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) Entwarnung: In Deutschland sei aktuell kein Gesundheitsnotstand aufgrund von Opioid-Abhängigkeit zu befürchten. Die gesetzlichen Regelungen sowie die vorhandenen Leitlinien zum Einsatz von Opioiden verhinderten in den meisten Fällen die Entwicklung einer Abhängigkeit.

Wissen ist das beste Beruhigungsmittel – Das Blog zur Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense

Wissen ist das beste Beruhigungsmittel – Das Blog zur Migräne- und Kopfschmerz-App M-sense
© Newsenselab GmbH

Nur wer die wesentlichen Vorgänge von Migräne- und Kopfschmerz-Attacken in seinem Körper versteht, erlangt genug Orientierung und Kompetenz im Umgang mit seiner Krankheit. Darum haben wir von der Migräne und Kopfschmerz-App M-sense ein Blog gestartet, in dem wir unsere Expertise teilen und diskutieren: von aktuellen Studien bis zur weiterführenden Link-Sammlung, von Erfahrungen, Rückschlägen und Hilfe. Doch vor allem möchten wir hier Wissen, Kompetenz und Verständnis vermitteln. Die M-sense-Nutzer sollen ebenfalls zu Wort kommen,...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Neuropathie: Lipide in der Tränenflüssigkeit messen, um Biomarker zu identifizieren"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.