Montag, 26. August 2019
Navigation öffnen

Medizin

15. März 2019 Opioid-induzierte Opstipation (OIC): Neue Leitlinie für die Praxis

Obwohl die Opioid-­induzierte Obstipation (OIC) eine altbekannte und schwerwiegende Nebenwirkung der Schmerztherapie darstellt, wurde sie bislang nur stiefmütterlich behandelt – mit quälenden Folgen für die Betroffenen. „Mit der PraxisLeitlinie OIC können wir bestehende Wissenslücken füllen und vielen Patienten besser helfen“, erklärte DGS-­Präsident Dr. med. Johannes Horlemann anlässlich einer Themen-­Pressekonferenz beim Deutschen Schmerz-­ und Palliativtag. Die neue PraxisLeitlinie wurde gemeinschaftlich von der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V. (DGS) und Deutscher Schmerzliga e.V. (DSL) erstellt und ist ab sofort unter www.dgs-­praxisleitlinien.de/oic einsehbar.
Anzeige:
Opioide haben in der Therapie chronischer Schmerzen eine zentrale Rolle. Ohne diese Medikamente wäre bei vielen Betroffenen eine effektive Schmerzlinderung nicht denkbar. Allerdings beeinträchtigen sie die Darmfunktion – Verstopfung ist eher die Regel als die Ausnahme, auch Übelkeit und Erbrechen sind mögliche Folgen. Etwa 50% der Patienten, die Opioide erhalten, leiden an der Opioid-­induzierten Obstipation (OIC). „Eine spezifische Leitlinie zur Behandlung der OIC hat bisher in Deutschland gefehlt. Es ist wichtig und vielen Kollegen in der Versorgung zu wenig bekannt, dass die habituelle Obstipation von der Opioid-­bedingten Obstipation zu unterscheiden ist. Beide Obstipationsformen müssen differenziert betrachtet und behandelt werden“, erklärte Horlemann. Die bisher in der Palliativmedizin verbreiteten Empfehlungen nach einem Stufenschema gelten laut Horlemann für die Opioid-­bedingte Obstipation nicht.

Behandlung mit PAMORA ermöglicht kausale Therapie

Laut Prof. Dr. Sven Gottschling, Chefarzt am Zentrum für Palliativmedizin und Kinderschmerztherapie, Homburg / Saar, beruhe die Medikamenten-­assoziierte, sekundäre Form der Obstipation (OIC) auf einer Aktivierung von peripheren μ-­Opioid-­Rezeptoren. „Diese bewirkt die Reduktion der gastrointestinalen Motilität und Sekretion sowie eine Dysfunktion verschiedener Sphinkteren. Dabei ist die OIC völlig unabhängig vom Wirkstoff, dessen Dosierung und Darreichung“, so Gottschling. Sie entstehe meist schon zu Beginn der Opioid-­Behandlung und bleibe während der gesamten Opioid-­Therapie bestehen. Wegen ihrer speziellen Pathomechanismen lässt sich die OIC oft nicht mit Laxanzien hinreichend behandeln. Linderung verspricht dagegen eine Therapie, die kausal in den Pathomechanismus eingreift – etwa aus der neuen Wirkstoffgruppe PAMORA (peripher wirkender μ-­Opioidrezeptorantagonist). Gottschling erklärte: „PAMORA antagonisieren die Wirkung von Opioiden an peripheren μ-­Opioid Rezeptoren und helfen so, die Motilität und Sekretion des Darms wiederherzustellen.“ PAMORA würden zudem aufgrund der PEGylierung die Blut-­Hirn-­Schranke nicht in klinischem Maße überwinden, sodass die gewünschte analgetische Wirkung der Opioid-­Therapie erhalten bleibt. „In vielen klinischen Studien und einer Metaanalyse zeigen sich PAMORA hocheffektiv“, so der Schmerzexperte.

OIC als Komplikation häufig unterschätzt

„Mit Opioid-­Analgetika der WHO-­Stufen 2 und 3 behandelte Patienten mit Schmerzen jeder Genese haben ein hohes OIC-­Risiko“, erklärte Dr. med. Martin Ehmer, Co-­Leiter des Regionalen DGS-­Schmerzzentrums Freiburg. Die Gefahr: Viele Patienten behandeln sich entweder selbst mit gängigen, meist aber wirkungslosen Abführmitteln oder setzen sogar eigenmächtig ihre Medikamente ab und ertragen lieber den Schmerz. Jeder fünfte Patient bricht aufgrund der Nebenwirkungen die Behandlung ab (1). „Ein häufig missachtetes Problem auch für die Qualität der Schmerzlinderung!“, so seine Erfahrungen aus der Praxis. Hinzu komme, dass viele der Patienten das schambesetzte Thema selten offen gegenüber ihrem Arzt ansprechen. „Deshalb ist ein größeres Bewusstsein für diese Problematik einer Opioid-­Therapie so wichtig“, so Ehmer.

PraxisLeitlinie zur OIC füllt Wissenslücke

Laut PD Dr. med. Michael A. Überall, DGS-­Vizepräsident und verantwortlicher Autor der neuen DGS-­PraxisLeitlinie, folgt diese der Leitlinienphilosophie der bisherigen PraxisLeitlinien, die für Patientennähe und Verbesserung der Versorgung stehen. Es wird darin eine Behandlung mit peripher wirksamen μ-­Opioidrezeptorantagonisten empfohlen, wenn die konventionelle Laxanzientherapie binnen 1 bis 2 Wochen ohne nachweisbaren Erfolg ist. Falls die Monotherapie mit einem solchen PAMORA keine Wirkung erzielt, könnte eine Kombinationstherapie aus PAMORA und Laxanzien eingesetzt werden.

Der Einsatz beider Wirkungsgruppen setzt voraus, dass vor der Einnahme der Opioide bereits eine funktionelle Obstipation oder Stuhlentleerungsstörung vorlag, und bereits im Vorfeld eine habituelle Obstipation bestand. „Durch die neue Wirkstoffgruppe PAMORA ist eine kausale Therapie der OIC überhaupt erst möglich“, betonte Horlemann. Da viele Patienten das Problem der OIC nicht mit ihrem Arzt besprechen und viele Ärzte somit
das Problem nicht ausreichend wahrnehmen können, hat die Fachgesellschaft sich bemüht, mit der neuen PraxisLeitlinie, in Zusammenarbeit mit der Deutschen Schmerzliga, dieses Problem stärker in das Bewusstsein von Arzt und Patient zu rücken. So lässt sich die Lebensqualität der Betroffenen deutlich verbessern. Die PraxisLeitlinie ist ein evidenzbasierter Leitfaden zur Vorbeugung und Behandlung der OIC im praktischen Alltag. „Und entsprechend dem Motto des Kongresses „Individualisierung statt Standardisierung“ liegt die ärztliche Kunst darin, das Problem nicht nur zu identifizieren, sondern auch angemessen und möglichst kausal zu behandeln“, erklärte Horlemann abschließend.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin e.V.

Literatur:

(1) Storr M et al. Praxis Report 2017; 9: 1-­12. 


Das könnte Sie auch interessieren

So kommen Senioren gut durch den Winter

So kommen Senioren gut durch den Winter
© ARochau / Fotolia.com

Im Winter neigen vor allem ältere Menschen dazu, sich zu Hause einzuigeln. Aber zu wenig an Bewegung, frischer Luft und Tageslicht können schnell das Immunsystem schwächen, den Stoffwechsel verlangsamen und aufs Gemüt schlagen. „Senioren sollten auch im Winter auf ausreichend Bewegung achten. Andernfalls haben sie es im Frühjahr deutlich schwerer, wieder in Schwung zu kommen“, sagt Klaus Möhlendick, Diplom-Sportwissenschaftler bei der BARMER GEK. Regelmäßige Bewegung ist deshalb so wichtig, weil sie den altersbedingten physiologischen...

Tipps vom Augenarzt für die kalte Jahreszeit

Tipps vom Augenarzt für die kalte Jahreszeit
© K.- P. Adler / Fotolia.com

Draußen wird es ungemütlich kalt, da bleibt man lieber in wohlig geheizten Räumen. Das ist verständlich, es kann aber dazu beitragen, dass man öfter das unangenehme Gefühl müder, trockener Augen hat. Prof. Dr. Gerd Geerling, Leiter des Ressorts „Trockenes Auge und Oberflächenerkrankungen“ im Berufsverband der Augenärzte Deutschlands gibt einige Ratschläge, wie man gerade während der Heizperiode diese Beschwerden vermeiden kann.

Tipps für ein gutes Gedächtnis und neue medikamentöse Ansätze gegen Alzheimer

Tipps für ein gutes Gedächtnis und neue medikamentöse Ansätze gegen Alzheimer
© Universitätsklinikum Ulm

Was tun für die Fitness im Kopf? Praktische Tipps geben Ärztinnen, Psychologen und Forscherinnen des Universitätsklinikums Ulm am Mittwoch, 3. April (14:00 – 18:00 Uhr), für alle Interessierten und insbesondere für Menschen über 50 mit und ohne Gedächtnisproblemen. In der Ulmer Villa Eberhardt demonstrieren die Wissenschaftler und Klinikerinnen passende Aktivitäten, wie zum Beispiel Spiele, Puzzles oder kognitive Trainings. Darüber hinaus informieren sie in Kurzvorträgen über einen gesunden Lebensstil für das Gehirn, neue...

Orthopäden und Unfallchirurgen setzen sich für aktiven Lebensstil ein

Orthopäden und Unfallchirurgen setzen sich für aktiven Lebensstil ein
@ Von Schonertagen / Fotolia.com

Jedes Jahr verletzen sich 1,25 Millionen Bundesbürger beim Sport so schwer, dass sie ärztlich versorgt werden müssen (1). Überbelastung, hohe Risikobereitschaft und eine mangelnde Vorbereitung auf das Training führen immer wieder zu Unfällen. Gleichzeitig leben in Deutschland viele Millionen Menschen, die sich aufgrund einer Erkrankung nicht mehr schmerzfrei bewegen können. Auf dem Deutschen Kongress für Orthopädie und Unfallchirurgie (DKOU) stellen Experten vom 24. bis 27. Oktober Therapien vor, mit denen sie Beweglichkeit bis ins hohe Alter...

Neue Version der Patientenleitlinie "Unipolare Depression" veröffentlicht

Neue Version der Patientenleitlinie "Unipolare Depression" veröffentlicht
© imagesetc / Fotolia.com

Depressionen sind weltweit häufige Erkrankungen. Allein in Deutschland sind innerhalb eines Jahres rund 6,2 Millionen Menschen betroffen. Gleichzeitig ist die Dunkelziffer hoch: Oft werden depressive Erkrankungen nicht festgestellt, weil Betroffene keine fachliche Hilfe suchen oder die Krankheit nicht erkannt wird. Dabei stehen heute evidenzbasierte Therapieverfahren zur Verfügung, mit denen sich Depressionen in den meisten Fällen gut behandeln lassen.

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Opioid-induzierte Opstipation (OIC): Neue Leitlinie für die Praxis "

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.