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Medizin

16. April 2012 Pädiatrische Praxis: Therapie von akuten Diarrhoen problematisch

Akute Gastroenteritiden sind aufgrund der geringen Volumenreserven besonders für kleine Kinder und Säuglinge gefährlich. Treten Symptome wie wässrige Durchfälle, Erbrechen und Fieber auf, sollten Eltern sofort den Pädiater aufsuchen. Herkömmliche Therapieverfahren für Erwachsene, wie beispielsweise Darmmotilitätshemmer, sind bei kleinen Kindern kontraindiziert und können zu zusätzlichen Problemen führen. Wirksame und sichere medikamentöse Therapiekonzepte für Kinder ab dem frühen Säuglingsalter beurteilte PD Dr. med. Burkhard Rodeck, Osnabrück, auf einem Pressegespräch am 4. April 2012 in Hamburg.
Diarrhöen bei Kindern werden in erster Linie verursacht durch Rota-, Noro- und Adenoviren sowie Campylobacter- und Salmonella-Bakterien (1). Etwa 40% der akuten Gastroenteritiden in den ersten 5 Lebensjahren werden durch Rotaviren ausgelöst. Adeno- und Noroviren sind dagegen etwas seltener. Bei zirka 20% der Kinder können durch Stuhluntersuchungen bakterielle Infektionen diagnostiziert werden. Eine Diarrhö bei Kindern ist besonders ernst zu nehmen. Etwa jedes 10. Kind in der Altersklasse unter 2 Jahren wird aufgrund von Komplikationen stationär eingewiesen.

Diarrhö bei Kindern- Exsikkose droht

„Durch den erhöhten Wasser- und Elektrolytverlust bei gleichzeitig geringen Flüssigkeitsreserven kann es insbesondere bei Säuglingen unabhängig vom Erregertyp schnell zu einer Dehydrierung kommen“, erklärte Dr. Rodeck. Der Flüssigkeitsverlust kann bis zu dem Dreifachen des zirkulierenden Blutvolumens betragen (250 ml/kg Körpergewicht/Tag) (2). Um das Blutvolumen konstant zu halten, entzieht der Körper dem Intrazellulärraum Flüssigkeit. Dies führt zur Exsikkose. Schwere Komplikationen können dann Volumenmangel-Schock, Wasser- und Elektrolytverschiebungen, Hypoglykämien und zerebrale Krämpfe sein, die unbehandelt gerade bei Säuglingen lebensgefährlich sein können. Aus diesen Gründen sollte bei akuten Gastroenteritiden insbesondere bei Säuglingen auf eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr bzw. Rehydrierung geachtet und sofort der Pädiater hinzugezogen werden, um schwere Komplikationen zu vermeiden.

Therapieoptionen bei Kindern

Medikamentöse Therapiemöglichkeiten umfassen den Einsatz von Motilitätshemmern, Sekretionshemmern und Probiotika. Einige herkömmliche Arzneimittel gegen Diarrhö sind Erwachsenen vorbehalten und bei Kindern nicht indiziert.

Ein Paradebeispiel ist hier der frei verkäufliche Motilitätshemmer Loperamid, der bundesweit am häufigsten in Apotheken gekauft wird. Das Medikament beeinflusst die Darmmotilität, damit besteht das Risiko einer Obstipation bis hin zum Ileus oder einer bakteriellen Fehlbesiedlung.

Bei Kindern unter 3 Jahren sind zentralnervöse Nebenwirkungen wie Lethargie beschrieben. Aus diesen Gründen ist Loperamid bei Kindern unter zwei Jahren kontraindiziert und sollte bei Kindern unter drei Jahren nicht eingesetzt werden (3). Grundsätzlich sollte Loperamid nur kurzfristig (max. 2 Tage) angewendet werden, zumal bei Kindern deutlich sicherere medikamentöse Therapiekonzepte vorliegen.

Neben der Motilitätshemmung gibt es auch die Möglichkeit der medikamentösen Sekretionshemmung mit Racecadotril, das die hochgeregelte Flüssigkeitssekretion in den Darm bei einer Entzündung reduziert. In randomisierten, kontrollierten Studien ist die Wirksamkeit nachgewiesen (4). Das Medikament wird in Frankreich viel verwendet.

Einige Probiotika z. B. auf Basis von Laktobazillen oder Saccharomyces boulardii zeigen eine gute Wirksamkeit verbunden mit einem hohen Sicherheitsprofil. Dazu gehört auch Lactobazillus fermentum und delbrueckii (Lacteol®), ein Probiotikum mit hochdosierten hitze-inaktivierten Lactobazillen in einer Konzentration von 10x109, das die Durchfalldauer auch bei Kleinkindern signifikant reduzieren kann.

Hochdosierte Lactobazillen wirken schnell und effektiv gegen Diarrhö

Simakachorn et al. (5) konnte in einer klinischen Studie bei 37 Kindern in der mit Lactobazillus fermentum und delbrueckii behandelten Gruppe im Vergleich mit einer Placebo-behandelten Gruppe von 36 Kindern eine Verkürzung der Durchfalldauer von etwa 14 Stunden nachweisen. In einer klinischen Studie von Boulloche et al. (6) wurden insgesamt 103 Kinder (Durchschnittsalter 12 Monate) mit akuter Diarrhö aufgenommen. 60 % der Kinder hatten vor der Behandlung mindestens 6 Stühle täglich. Bei dieser plazebokontrollierten Doppelblindstudie erhielt eine weitere Subgruppe eine orale Lösung mit 0,215 mg/ml Loperamidhydrochlorid. Die Zeitdauer bis zum ersten normalen Stuhl war in der Lacteol®-Gruppe mit gleichzeitig oral rehydrierten Kindern mit 41,1 Stunden signifikant kürzer als bei den Kindern mit der Loperamid-Lösung (60,5 Stunden) oder unter Plazebo (67,8 Stunden).

In einer weiteren randomisierten kontrollierten Studie konnten Salazar-Lindo et al (7) eine Verkürzung der Durchfalldauer bei behandelten Kindern im Vergleich zur Placebogruppe um durchschnittlich 6,6 Stunden belegen, in einer Subgruppe von Kindern mit einer Durchfallsanamnese länger als einen Tag eine statistisch signifikante Verkürzung von ca. 22 Stunden.

Aufgrund der schnelleren klinischen Remission sowie fehlender unerwünschter Wirkungen oder Kontraindikationen kann es sinnvoll sein, zusätzlich zu Rehydratations- und diätischen Maßnahmen, Probiotoika wie Laktobazilluspräparate zur Behandlung der akuten Diarrhö bei Kindern einzusetzen. Insgesamt dokumentiert die Studienlage, dass hitze-inaktivierte Laktobazillen bei Durchfallerkrankungen im Kindesalter erfolgreich eingesetzt werden können.

Literaturhinweise:

(1) Guarino A, Albano F et al: European Society for Paediatric Gastroenterology, Hepatology and Nutrition/ European Society for Paediatric Infectious Diseases: Evidence-based Guidelines for the Management of acute Gastroenteritis in Children in Europe. JPGN 2008; 46:S81-S122.

(2) Lentze M, Koletzko B: Akute infektiöse Gastroenteritis. AWMF-Leitlinien-Register Nr. 068/003, 2008

(3) Li ST, Grossman DC, Cummings P: Loperamide therapy for acute diarrhea in children: systematic review and meta-analysis. PLoS Med. 2007 Mar 27;4:e98

(4) Cézard JP, Duhamel JF, Meyer M, Pharaon I, Bellaiche M, Maurage C, Ginies JL, Vaillant JM, Girardet JP, Lamireau T, Poujol A, Morali A, Sarles J, Olives JP, Whately-Smith C, Audrain S, Lecomte JM: Efficacy and tolerability of racecadotril in acute diarrhea in children. Gastroenterology. 2001;120(4):799-805

(5) Simakachorn N, Pichaipat V, Rithipornpaisarn P, Kongkaew C, Tongpradit P, Varavithya W: Clinical evaluation of the addition of lyophilized, heat-killed Lactobacillus acidophilus LB to oral rehydration therapy in the treatment of acute diarrhea in children. J Pediatr Gastroenterol Nutr. 2000 Jan;30(1):68-72.

(6) Boulloche J, Mouterde O, Mallet E: Traitement des diarrhées aiguës chez le nourrisson et le jeune enfant. Etude contrôlée de l’activité antidiarrhéique de L acidophilus tués [souche LB] contre un placebo et un médicament de référence (lopéramide). Ann. Pédiatr. (Paris) 1994; 41(7), 457-463.

(7) Salazar-Lindo E, Figueroa-Quintanilla D, Caciano MI, Reto-Valiente V, Chauviere G, Colin P; Lacteol Study Group: Effectiveness and safety of Lactobacillus LB in the treatment of mild acute diarrhea in children. J Pediatr Gastroenterol Nutr. 2007 May;44(5):571-6.

Quelle: Pohl-Boskamp


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