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Medizin

11. Juni 2012 Probleme am Arbeitsplatz und Depression verschlimmern Rückenschmerz

Bis zu 90 Prozent der Bevölkerung in Industrieländern leiden zumindest einmal im Leben an Rückenschmerzen, was eine enorme Belastung für Betroffene, Gesundheitsbudgets und Volkswirtschaften darstellt. Um Rückenschmerzen in den Griff zu bekommen, muss ganzheitlich gedacht werden. Wer unter Problemen am Arbeitsplatz oder Depressionen leidet, bei dem sind Rückenschmerzen besonders hartnäckig, zeigen zwei australische Studien, die heute auf dem Europäischen Orthopädiekongress (EFORT) in Berlin präsentiert wurden.
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Rückenschmerzen haben sich in den letzten Jahrzehnten in den Industriestaaten geradezu epidemisch ausgebreitet. 60 bis 90 Prozent der Bevölkerung leiden zumindest einmal im Leben an einer der Spielarten von Rückenschmerz. Die Gefahr, dass Rückenschmerzen bei inadäquater Behandlung chronisch werden, sei groß, warnten Experten heute auf dem 13. Kongress der European Federation of National Associations of Orthopaedics and Traumatology (EFORT) in Berlin. Derzeit diskutieren auf diesem wissenschaftlichen Großereignis rund 7.000 Experten aktuelle Entwicklungen ihres Fachgebiets.

Rückenschmerzpatienten, die noch arbeitsfähig sind, kommen im Durchschnitt auf 41 Krankenstandstage pro Jahr. Laut „Survey of Chronic Pain in Europe“ verlieren 19 Prozent der Patienten mit moderaten oder starken chronischen Schmerzen ihre Arbeit. Erschreckend ist, dass ein großer Teil dieser Belastungen unnötig wäre, wenn nicht wesentliche Dinge übersehen würden, die über die rein körperliche Komponente hinausgehen. Das zeigt eine aktuelle australische Studie, die heute auf dem EFORT-Kongress vorgestellt wurde. Prof. Dr. Markus Melloh vom Western Australian Institute for Medical Research, University of Western Australia, hat mit seinem Forschungsteam jene Faktoren identifiziert, mit denen sich das Risiko entweder erhöht oder vermindert, dass akute Rückenschmerzen chronisch werden. Untersucht wurden Patienten, die sich wegen ihrer Rückenschmerzen an einen praktischen Arzt wandten.

Sechs Monate nach Behandlungsbeginn zeigte sich eindeutig, dass jene Menschen besonders gefährdet sind, die sich am Arbeitsplatz nicht wohlfühlen und die deshalb eine resignierte Haltung gegenüber ihrem Job einnehmen. „Wie so oft bei Rückenschmerz stehen nicht allein körperliche Ursachen und medizinische Lösungen im Vordergrund. Auch psychosoziale Probleme müssen erkannt und gelöst werden. Interventionen am Arbeitsplatz hätten das Potenzial, den Menschen ein chronisches Schmerzgeschehen zu ersparen“, fasste Prof. Melloh zusammen. Denn auch das sei aus der Studie hervorgegangen: „Soziale Unterstützung am Arbeitsplatz kann stark präventiv wirken, um chronische Rückenschmerzen zu verhindern.“ Die Mehrkosten für derartige Interventionen würden sich durch eingesparte Krankenstandstage, Krankenhausaufenthalte und Arzt- und Medikamentenkosten jedenfalls selbst rechnen.

Prof. Melloh untersuchte in einer zweiten Studie die seelische Komponente des Rückenschmerzes. „Bekannt ist, dass Depression die Therapie-Erfolge bei der Behandlung von Patienten schmälert, die unter einer Erkrankung der Wirbelsäule und chronischen Rückenbeschwerden leiden. Wir wollten herausfinden, ob sich der Genesungsverlauf zwischen depressiven und nicht-depressiven Patienten unterscheidet, bei denen eine neue Schmerzepisode im Rücken eintritt“, erörterte Prof. Melloh. Untersucht wurden 287 Patienten. 18 Prozent von ihnen wurden als depressiv eingestuft. Gemeinsam war allen Studien-Teilnehmern mit Depression, dass sie zu Behandlungsbeginn unter hohem Schmerzpegel, großen Funktionseinschränkungen sowie beruflichem Stress litten.

Es zeigte sich, dass Depression – und in geringerem Ausmaß das ständige Grübeln und Wiederkäuen eines Problems (Rumination) sowie das Magnifizieren (geistiges Aufblähen eines Problems) – den Genesungsprozess negativ beeinflussten. Sechs Wochen nach Behandlungsbeginn stellten sich bei den anderen schon deutliche Verbesserungen ein, bei den depressiven Patienten erwiesen sich die Rückenprobleme als besonders hartnäckig. Im Gegensatz zu den depressiven Patienten schritt der Genesungsprozess bei den nicht-depressiven kontinuierlich voran. „Meine Empfehlung für die Behandlung von Patienten mit Depression und akuten Rückenschmerzen wäre daher, gezielt auf die seelische Verfassung zu achten, weil bei ihnen die Chancen schlechter stehen, rasch beschwerdefrei zu werden. Begleitende Maßnahmen und Angebote wie etwa Gespräche mit Psychologen, die Teilnahme an einer Selbsthilfegruppe oder der Einsatz von Antidepressiva wären anzuraten“, so Prof. Melloh.

Literaturhinweis:
Abstract 1739: Prognostic occupational factors for persistent low back pain; EFORT Abstract 3106: Course of recovery in patients with acute low back pain – does depression matter?

Quelle: EFORT


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