Sonntag, 8. Dezember 2019
Navigation öffnen
Anzeige:

Medizin

17. Oktober 2017 Restless Legs Syndrom: Neue genetische Risikovarianten entdeckt

Unruhige und schmerzhafte Beine, die nachts nicht zur Ruhe kommen, zeichnen die Krankheit Restless Legs Syndrom (RLS) aus. Die Ursachen sind weitestgehend unbekannt. Ein internationales Team unter der Leitung der Technischen Universität München (TUM) und des Helmholtz Zentrums München hat nun die bisher größte genomweite Assoziationsstudie zu den genetischen Ursachen der Erkrankung durchgeführt. Sie entdeckten dabei 13 neue genetische Risikovarianten und konnten zeigen, welche biologischen Prozesse betroffen sind.
Patienten mit Restless Legs Syndrom verspüren nachts einen starken Bewegungsdrang und leiden an unangenehmen Empfindungen wie Schmerzen oder Kribbeln in den Beinen. Bis zu 10% der europäischen Bevölkerung sind betroffen. Viele davon kämpfen nicht nur mit den eigentlichen Symptomen, sondern darüber hinaus auch mit den Folgen wie Schlafstörungen, Depressionen oder Angstzuständen. In schweren Fällen müssen die Betroffenen ihr Leben lang Medikamente einnehmen.

Weltweit größte genetische Studie

Über die molekularen Ursachen und die genauen Krankheitsmechanismen ist bisher nur wenig bekannt. Prof. Juliane Winkelmann, Professorin für Neurogenetik an der TUM und Leiterin des Instituts für Neurogenomik am Helmholtz Zentrum München, forscht mit ihrem Team schon seit über 10 Jahren an dieser neurologischen Krankheit. Sie und ihr Team konnten bereits zeigen, dass sie auch genetische Ursachen hat. Mit internationalen Partnern der britischen Cambridge Universität und der US-Firma „23andMe“ hat sie nun anhand von 45.000 Patienten die weltweit größte Studie hierzu durchgeführt.

„Wir konnten insgesamt 19 Risiko-assoziierte Varianten im Erbgut der Studienteilnehmer identifizieren – davon sind 13 neu. Wir sind davon überzeugt, dass unsere Ergebnisse das Verständnis der molekularen Ursachen des Restless Legs Syndroms deutlich voranbringen“, sagt Dr. Barbara Schormair vom Institut für Neurogenomik am Helmholtz Zentrum München, eine der Erstautoren der Studie. Als Risiko-assoziierte Varianten bezeichnet man punktuelle Besonderheiten des Erbmoleküls, also der Buchstabenabfolge der DNS, die bei den Betroffenen häufiger vorkommen als bei den Nicht-Betroffenen. Am Ort oder zumindest in der Nähe dieser Varianten liegen Gene, die mit der Krankheitsentstehung zu tun haben.

Das internationale Team hat die genetischen Daten von 15.000 Patienten mit denen von 95.000 Individuen aus der Allgemeinbevölkerung verglichen. In einer weiteren Studie mit 31.000 neuen Patientendatensätzen und über 280.000 Kontrolldatensätzen wurden anschließend die Ergebnisse bestätigt.

Embryonalentwicklung stellt frühe Weichen

Zusätzlich untersuchten die Forscherinnen und Forscher, mit welchen biologischen Abläufen die Risikovarianten am ehesten verbunden sind und entdeckten Überraschendes: Vor allem Gene, die an der embryonalen Entwicklung des Nervensystems beteiligt sind, tauchten in dieser Untersuchung auf, und das obwohl die Krankheit meist erst in späteren Lebensjahrzehnten auftritt. „Das lässt vermuten, dass angeborene Besonderheiten des Nervensystems sich erst später in Form des Restless Legs Syndroms bemerkbar machen. Indem wir das jetzt besser verstehen, können wir auch über geeignete Therapien nachdenken. Unsere genetische Studie bringt uns einen großen Schritt vorwärts, um neue und bessere Medikamente für unsere Patienten zu finden“, fasst Prof. Juliane Winkelmann die Resultate des Forschungsteams zusammen, zu dem auch Dr. Steven Bell und Dr. Emanuele Di Angelantonio von der Cambridge Universität sowie Prof. Bertram Müller-Myhsok vom Max-Planck-Institut für Psychiatrie gehören.

Thalidomid als mögliche Therapieoption

Das Medikament wirkt auf einen zellulären Ablauf, der laut der neuen Studie auch beim Restless Legs Syndrom eine Rolle spielen könnte. Laut des Studienteams könnte es deshalb eine mögliche Therapieoption sein – allerdings mit Einschränkungen. Früher wurde es als Schlafmittel in der Schwangerschaft eingesetzt, hat aber bei noch ungeborenen Kindern zu schweren Fehlbildungen geführt. Heute wird es gegen bestimmte Krebserkrankungen eingesetzt. Über einen möglichen Einsatz zur Therapie des Restless Legs Syndrom bei anders nicht behandelbaren männlichen Patienten oder Patientinnen nach ihrer fruchtbaren Phase könne aber erst nach sorgfältigen klinischen Studien entschieden werden, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Quelle: Technische Universität München

Literatur:

B. Schormair, C. Zhao, S. Bell et al.
Identification of novel risk loci for restless legs syndrome in genome-wide association studies in individuals of European ancestry: a meta-analysis
Lancet Neurology, October 10, 2017, DOI: 10.1016/S1474-4422(17)30327-7
http://www.thelancet.com/journals/laneur/article/PIIS1474-4422(17)30327-7/fulltext


Das könnte Sie auch interessieren

Patientenbroschüre informiert über Schlaganfallrisiko bei Vorhofflimmern

Patientenbroschüre informiert über Schlaganfallrisiko bei Vorhofflimmern
© sudok1 / Fotolia.com

Die bewährte Patientenbroschüre „Schlaganfallrisiko bei Vorhofflimmern. Erkennen. Handeln. Vorbeugen“ ist jetzt in einer überarbeiteten Neuauflage verfügbar. In patientengerechter Sprache erfahren Betroffene und ihre Angehörigen, was Vorhofflimmern ist, wie es behandelt wird und wie sie selbst das individuelle Schlaganfallrisiko senken können. Die Neuauflage hat durch das Institut für hausärztliche Fortbildung im Deutschen Hausärzteverband (IHF) e. V. das IHF -Patientensiegel „Zertifizierte Inhalte – Für Patienten...

Adipositas im Kindes- und Jugendalter

Adipositas im Kindes- und Jugendalter
© kwanchaichaiudom / fotolia.com

Laut der Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS Welle 2), die vom Robert Koch-Institut durchgeführt wurde, haben nach dem Referenzsystem der Weltgesundheitsorganisation (WHO) 26,3% der 5- bis 17-Jährigen Übergewicht; 8,8% sind von Adipositas betroffen (1). In der Versorgung dieser Kinder und Jugendlichen gibt es erhebliche Defizite: So werden in Deutschland überzeugende, wissenschaftlich-basierte Behandlungs- und Betreuungskonzepte im Gesundheitssystem nicht unterstützt und in der Regel von den Kostenträgern nicht finanziert....

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Restless Legs Syndrom: Neue genetische Risikovarianten entdeckt"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.