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Medizin

11. September 2019 Schädel-Hirn-Trauma: Bluttesttechnologie ermöglicht genaue und schnelle Diagnostik

Die TRACK-TBI-Studie ergab, dass bei 64% der Patienten mit den höchsten Werten eines bestimmten Proteins im Blut im MRT eine Hirnverletzung diagnostiziert wurde, die im CT nicht erkannt wurde. Der Diagnosetest von Abbott, der sich derzeit in der Entwicklung befindet, könnte der erste
Point-of-Care-Bluttest zur Feststellung von Gehirnerschütterungen mit dem i-STAT™-Gerät der nächsten Generation werden, der Ärzten in nur 15 Minuten Ergebnisse liefert.
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Diagnose leichter SHT mittels Bluttest

Eine neue Studie, die in der Fachzeitschrift Lancet Neurology veröffentlicht wurde, ergab laut Abbott, dass erhöhte Werte eines bestimmten Proteins, die mit einem in der Entwicklung befindlichen Bluttest der Firma gemessen werden, trotz unauffälligem CT bei der Erkennung leichter Schädel-Hirn-Traumata (SHT) helfen können (1). Die Ergebnisse der Studie Transforming Research and Clinical Knowledge in Traumatic Brain Injury (TRACK-TBI), die eine der größten SHT-Untersuchungen ihrer Art ist, zeigen, dass diese neue Technologie dazu beitragen könnte, eine Lücke in Notaufnahmen zu
schließen, indem sie eine Diagnose für Patienten liefert, bei denen anderenfalls kein SHT erkannt worden wäre.
„Blutbasierte Biomarker entwickeln sich zu einem wichtigen zusätzlichen Instrument zur Erkennung von Schädel-Hirn-Traumata. Diese Studie kann helfen, das nächste Kapitel in der Diagnose solcher Erkrankungen aufzuschlagen“, sagt Professor Dr. med. Peter Biberthaler, München. „Mit diesen sensiblen Tests erhalten Ärzte mehr objektive Informationen in Echtzeit und können die Genauigkeit bei der Erkennung von Schädel-Hirn-Traumata verbessern. Die Ergebnisse der Studie zeigen, dass Bluttests das Potenzial haben, Ärzten bei der Ersteinschätzung von Patienten mit Verdacht auf Hirnverletzung schnell und genau zu helfen.“

Notwendigkeit einer schnellen, genauen und objektiven SHT-Erkennung

2017 wurden in Deutschland über 280.000 Patienten mit Verdacht auf Gehirnverletzung in die Notaufnahme eingeliefert (2). Eine genaue Diagnose ist entscheidend, um eine angemessene Versorgung der Patienten zu gewährleisten. Um eine Hirnverletzung zu erkennen, führen Ärzte derzeit eine körperliche Untersuchung sowie ein Screening mit Fragen zu kognitiven und neurologischen Symptomen durch und ordnen oft ein CT an, um die Diagnose SHT zu bestätigen.
CT-Untersuchungen zählen heute zum Behandlungsstandard, um akute Blutungen oder Schwellungen im Gehirn zu erkennen. In dieser Studie wiesen jedoch fast 30% der Patienten mit unauffälligem CT bei der empfindlicheren MRT-Untersuchung Anzeichen eines SHT auf. MRT-Geräte sind allerdings nicht in allen Krankenhäusern verfügbar. Zudem nimmt die Untersuchung mehr Zeit in Anspruch und ist in der Regel kostspieliger als ein CT oder ein Bluttest.

Bluttest schneller und präziser als MRT

Die TRACK-TBI-Forscher untersuchten 450 Patienten, die in die Notaufnahme von 18 Level-1-Traumazentren in den USA mit Verdacht auf SHT eingeliefert wurden und bei denen das CT keine Auffälligkeiten zeigte, um festzustellen, ob das hirnspezifische saure Gliafaserprotein (GFAP) ein Biomarker oder Indikator sein könnte, der Ärzte bei der Diagnose von SHTs unterstützt. Bei der Studie kam i-STAT™-Alinity™ von Abbott zum Einsatz – ein tragbares Blutanalysegerät, das in nur wenigen Minuten direkt am Patienten Testergebnisse liefert. Ebenfalls eingesetzt wurde ein in der Entwicklung befindlicher Bluttest zur Messung des GFAP-Spiegels von Patienten (3, 4).
Die Forscher untersuchten die GFAP-Werte der 450 Studienteilnehmer mit unauffälligem CT und überprüften dann die Bilder des bis zu 2 Wochen später durchgeführten MRT, um den Verdacht auf SHT zu bestätigen. Bei der Betrachtung der Patienten mit einer nachweisbaren Konzentration dieses Proteins stellte die Studie fest, dass bei 64% von den 90 Personen mit den höchsten GFAP-Werten im MRT ein SHT nachgewiesen werden konnte. Im Gegensatz dazu wurde nur bei 8% von den 90 Patienten mit den niedrigsten GFAP-Konzentrationen im Blut ein SHT bestätigt. Die Studie ergab, dass der GFAP-Wert herangezogen werden könnte, um festzustellen, welche Patienten weiter untersucht werden sollten bzw. ob ein MRT zur Bestätigung der Verdachtsdiagnose SHT durchgeführt werden sollte.

Die Forscher fanden heraus, dass die GFAP-Werte:
 
  • bei Patienten mit positivem MRT, aber negativem CT im Vergleich zu Patienten mit negativem CT und MRT signifikant höher waren;
  • möglicherweise verwendet werden können, um die Art und das Ausmaß von Verletzungen zu ermitteln;
  • in den Kontrollgruppen gesunder Personen sowie von Personen mit lediglich orthopädischen Verletzungen nicht signifikant erhöht waren.
Die Studie untersuchte zudem 3 weitere Gehirn-Biomarker, um die Zusammenhänge zwischen erhöhten Konzentrationen dieser Proteine und Hirnverletzungen zu erkennen: S100-Calcium-bindendes Protein B (S100B), Ubiquitin-C-terminale Hydrolase L1 (UCH-L1) und neuronenspezifisches Enolase (NSE). Die Forscher fanden heraus, dass erhöhte GFAP-Werte besser für die Erkennung von Gehirnverletzungen bei Patienten mit unauffälligem CT geeignet sind als erhöhte UCH-L1-, S100B- und NSE-Werte.

Über die Studie

Die Studie wurde am 23. August 2019 in der Fachzeitschrift Lancet Neurology online veröffentlicht und ist Teil von TRACK-TBI, einer prospektiven, multizentrischen Beobachtungsstudie. An der Studie waren SHT-Patienten in 18 Level-1-Traumazentren in den USA beteiligt, bei denen innerhalb von 24 Stunden nach Verletzung ein Schädel-CT erstellt wurde. Im Rahmen dieser Teilanalyse untersuchten die Forscher 450 Teilnehmer, bei denen ein CT durchgeführt wurde, in dem Radiologen keinen Hinweis auf ein SHT fanden, denen innerhalb von 24 Stunden Blut abgenommen wurde und bei denen innerhalb von 7-18 Tagen nach Verletzung ein MRT angeordnet wurde. Von den 450 Teilnehmern mit unauffälligem CT wurde bei fast allen (99,1%) ein leichtes SHT diagnostiziert. Hauptursachen waren Verkehrsunfälle (67%) und Stürze (20%).

Quelle: Abbott

Literatur:

(1) Yue JK, Yuh EL, Korley FK, et al. Lancet Neurol 2019; published online Aug 23. http://dx.doi.org/10.1016/S1474-4422(19)30282-0.
(2) www.gbe-bund.de/oowa921install/servlet/oowa/aw92/dboowasys921.xwdevkit/xwd_init?gbe.isgbetol/xs_start_neu/&p_aid=3&p_aid=14355726&nummer=702&p_sprache=D&p_indsp=99999999&p_aid=41166193
(3) Abbott's concussion assessment test is currently in development and is for research purposes only. It is not yet commercially available.
(4) Abbott's i-STAT Alinity is available outside of the U.S. and is not yet commercially available in the U.S.


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