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Medizin

08. Juni 2012 Schleudertrauma: Häufig, aber selten mit schwerwiegenden Folgen

Bis zu einer Million Europäer erleiden jährlich ein sogenanntes Schleudertrauma oder „Peitschenschlag-Syndrom“, doch nur ein Bruchteil dieser Verletzungen hat nachhaltig neurologisch messbare Konsequenzen. Dies zeigt eine neue Studie, die heute auf dem Europäischen Orthopädiekongress (EFORT) in Berlin vorgestellt wurde. Aus Anlass der WHO Dekade zur Reduktion von Verkehrsunfällen sind neue Erkenntnisse zu Prävention und Therapie unfallbedingter Verletzungen eines der Schwerpunktthemen des wissenschaftlichen Großereignisses.
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Je nach Schätzung zwischen 350.000 und einer Million Menschen in Europa werden jährlich Opfer eines sogenannten Schleudertraumas oder „Peitschenschlag-Syndroms“, der größte Teil ist durch Auffahrunfälle verursacht. Während die meisten dieser Verletzungen nach etwa drei Wochen wieder ausgeheilt sind, werden die Symptome bei einigen der Patienten chronisch, ohne dass dafür bisher zwingende Pathomechanismen gefunden werden konnten. Eine deutsch-griechische Studie, die heute auf dem 13. Kongress der European Federation of National Associations of Orthopaedics and Traumatology (EFORT) in Berlin vorgestellt wurde, zeigt nun, dass Folgen eines Schleudertraumas zwar bei rund 23 Prozent der Patienten auch noch zwei Jahre nach dem Unfall spürbar waren, jedoch durchgängig mild ausfielen und praktisch keine Auswirkungen auf die Lebensqualität der Patienten hatten. In Unterstützung der WHO-Dekade zur Reduktion von Verkehrsunfällen 2011 – 2020 ist Verkehrsunfallprävention einer der Schwerpunkte dieses wissenschaftlichen Großereignisses, auf dem rund 7.000 Orthopäden und Unfallchirurgen aus aller Welt zusammenkommen.

Das Peitschenschlag-Syndrom oder Schleudertrauma ist eine der häufigsten Verletzungsfolgen von Verkehrsunfällen. Nach Schätzungen des European New Car Assessment Program (EuroNCAP) schlagen sie mit jährlichen Gesamtkosten von rund 10 Milliarden Euro zu Buche. Verursacht durch die plötzliche Dehnung und Streckung der Halswirbelsäule bei Auffahrunfällen wird ein Schleudertrauma typischerweise nicht unmittelbar nach dem Unfall, sondern erst nach einer Latenzzeit von mehreren Stunden spürbar. Neben Nackenschmerz, Muskelhartspann und Bewegungseinschränkungen reichen die Symptome von Schwindel, Übelkeit und Kopfschmerz über Tinnitus und Konzentrationsschwäche bis hin zu verstärkter Reizbarkeit und Überempfindlichkeit gegenüber Licht und Schall. Die überwiegende Mehrzahl der Betroffenen ist nach drei bis vier Wochen beschwerdefrei. Bei einer bestimmten Anzahl von Patienten halten die Symptome jedoch länger als sechs Monate an. Die Zahlen für diese Chronifizierung (10 bis 67 Prozent) klaffen je nach Untersuchung ebenso weit auseinander, wie die bezüglich der langfristigen Folgen. Während einer kanadischen Studie zufolge 87 Prozent der Verletzten nach sechs Monaten und 97 Prozent nach einem Jahr beschwerdefrei waren, kommt eine Studie des KFZ-Herstellers Volvo zu dem Ergebnis, dass 55 Prozent der Betroffenen auch 17 Jahre nach dem Unfall unter den Folgen leiden, und fünf bis acht Prozent dadurch sogar berufsunfähig wurden.

In der auf dem EFORT-Kongress vorgestellten neuen Studie wurden 155 Patienten der Abteilungen für orthopädische Chirurgie der Universität Patras (Griechenland) sowie der Johannes Gutenberg Universität Mainz (Deutschland), die wegen lang anhaltender Beschwerden nach einem Schleudertrauma in Behandlung waren, einer eingehenden klinischen Untersuchung, Labortests und einer Evaluation ihrer Beschwerden mit den Instrumenten der WAD-Skala (4-teilige Skala zur Ermittlung des Schweregrads von Peitschenschlag-Folgen: Whiplash Associated Disorders), der HADS-Skala (Hospital Anxiety and Depression Scale) zur Ermittlung der psychischen Lebensqualität und dem „SF-36“ (einem Fragebogen zur Ermittlung der gesundheitsbezogenen Lebensqualität) unterzogen.

Drei Monate nach dem Unfall erreichte kein einziger Patient die vierte (schlimmste) Stufe auf der WAD-Skala und nur drei hatten Nackenbeschwerden mit neurologisch nachweisbaren Veränderungen (WAD Stufe 3). Hingegen waren 83 Patienten komplett beschwerdefrei, die restlichen 69 Patienten litten unter nur milden Symptomen der WAD-Stufen 1 und 2. Zwei Jahre nach dem Unfall hatten nur mehr 36 Patienten Symptome (alle WAD-Stufen 1 und 2). Die Auswertung der Evaluation nach HADS sowie nach SF-36 ergab keinerlei statistisch signifikante Unterschiede zur gesunden Bevölkerung.

„Wir können also folgern, dass schwere Komplikationen mit neurologischen Folgeerscheinungen zumindest bei unseren Patienten äußerst selten sind“, so Studienautor Dr. Charalampos Matzaroglou (Universität Patras). „Die meisten Peitschenschlag-Verletzungen haben keine nachhaltigen Auswirkungen auf die Lebensqualität. Die Beschwerden sind für die Fähigkeit, die täglichen Aktivitäten zu verrichten, weniger wichtig und nicht so schwerwiegend, dass sie Ängste oder Depressionen auslösen würden.“

Quelle: EFORT Abstract 4307: Chronic Whiplash Syndrome after traffic accidents. No practical impact in quality of life in Greece and Germany.


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