Samstag, 4. Juli 2020
Navigation öffnen

Medizin

21. Mai 2015 Sepsis: Forscher belegen hemmende Wirkung eines Proteins bei Immunabwehr

Rund 150.000 Menschen erkranken in Deutschland jährlich an einer Sepsis, auch als Blutvergiftung bekannt. Etwa ein Drittel stirbt daran. Bei einer Sepsis kommt es zunächst zu einer Überreaktion des Immunsystems. Im späteren Verlauf arbeitet die körpereigene Abwehr dann nicht mehr richtig. In einer aktuellen Studie haben Pharmazeuten der Saar-Uni nachgewiesen, dass ein bestimmtes Protein (GILZ) die körpereigene Abwehr herabsetzt. Es blockiert wichtige Immunzellen, die Makrophagen. Die Forscher haben das Protein genetisch ausgeschaltet. Das Ergebnis: Die Immunzellen konnten ihrer Aufgabe wieder nachkommen.

Anzeige:
Basistext

Bei einer Sepsis gelangen Erreger - meist Bakterien - und ihre Giftstoffe ins Blut. Von einem lokalen Entzündungsherd ausgehend, etwa einer Lungenentzündung, verbreiten sie sich und befallen Organe und letztlich den ganzen Körper. Bei Betroffenen kommt es unter anderem zu Fieber, Blutdruckabfall und Herzrasen. Wird diese erste Phase der Sepsis überstanden, ist das Überleben der Patienten jedoch keineswegs gesichert.

Um den Erregern Einhalt zu gebieten, läuft das Immunsystem auf Hochtouren. Allerdings führt diese Überreaktion zu einer Immunsuppression - die körpereigene Abwehr arbeitet nicht mehr richtig, wodurch weitere Keime dem Organismus zusetzen können. "Patienten können in der späteren Phase der Sepsis dann an den Folgen einer solchen Sekundärinfektion sterben“, sagt Alexandra K. Kiemer, Professorin für Pharmazeutische Biologie an der Universität des Saarlandes. „Bei diesen Abwehr-Prozessen spielen Makrophagen eine wesentliche Rolle." Diese Immunzellen beseitigen bei gesunden Menschen Erreger und aktivieren über Botenstoffe andere Immunzellen. Bei einer Sepsis können die Zellen keine ausreichende Immunantwort mehr vermitteln - Fachleute bezeichnen dies als Endotoxin-Toleranz.

Das Forscherteam um Kiemer und Jessica Hoppstädter, Erst-Autorin der Studie, hat nun untersucht, wodurch diese Toleranz bei Makrophagen hervorgerufen wird. Die Wissenschaftler haben herausgefunden, dass hierfür ein bestimmtes Protein namens GILZ (Glucocorticoid-induzierter Leuzin Zipper) verantwortlich ist. Im Immunsystem nimmt es eine wichtige Schlüsselrolle ein: So unterbindet es bei Makrophagen normalerweise Entzündungsreaktionen. "Kommt es aber im Körper zu einer Entzündung, bauen die Immunzellen das Molekül ab. Dieser Schritt ist wichtig, damit die Zellen eine ausreichende Immunantwort vermitteln und etwa Botenstoffe aussenden, um andere Immunzellen zu aktivieren", erklärt Jessica Hoppstädter. Wie sich das Protein bei einer Sepsis verhält, haben die Forscher sowohl bei menschlichen Makrophagen aus Lungengewebe als auch bei Mäusen überprüft. "Wir haben nachgewiesen, dass GILZ nicht abgebaut wird und zum Teil sogar in erhöhter Konzentration vorkommt", so die promovierte Pharmazeutin weiter.

In einem nächsten Schritt haben die Wissenschaftler das Protein genetisch ausgeschaltet und die Funktion der Immunzellen getestet. "Wir haben festgestellt, dass die Makrophagen wieder in der Lage waren, eine Immunantwort zu vermitteln", sagt Hoppstädter. "Die Endotoxin-Toleranz wurde aufgehoben." Folgestudien müssten nun zeigen, warum Makrophagen GILZ bei einer Sepsis nicht abbauen können.

Die Erkenntnisse können Forscher nutzen, um beispielsweise eine Therapie zu entwickeln, die hilft, das Immunsystem bei Sepsis-Patienten aufrechtzuerhalten. An der Studie waren neben den Saarbrücker Pharmazeuten noch Forscherkollegen aus dem italienischen Perugia beteiligt. Das Lungengewebe zur Gewinnung der untersuchten Zellen hat das HerzZentrum Saar der SHG Kliniken Völklingen zur Verfügung gestellt.

Literaturhinweis:
Hoppstädter J, Kessler SM, Bruscoli S et al.
Glucocorticoid-induced leucine zipper (GILZ): a critical factor in macrophage endotoxin tolerance.
DOI: doi/10.4049/jimmunol.1403207

Quelle: Universität des Saarlandes


Anzeige:
Fachinformation

Stichwörter

Das könnte Sie auch interessieren

Migräne: „World Brain Day“ widmet sich individualisierter Therapie

Migräne: „World Brain Day“ widmet sich individualisierter Therapie
© Sebastian Kaulitzki / Fotolia.com

Der „World Brain Day“ widmet sich am 22. Juli dem Thema Migräne. In Deutschland sind etwa 10% der Bevölkerung von Migräne betroffen, Frauen etwa doppelt so häufig wie Männer. Doch viele werden nicht diagnostiziert und ärztlich behandelt – sie therapieren sich stattdessen lieber selbst. Nicht selten führt das zu Chronifizierung und neuen Kopfschmerzen, denn Schmerzmedikamente können bei häufiger Einnahme Kopfschmerzen verursachen oder verstärken. Dabei lasse sich durch eine leitliniengerechte und individualisierte Therapie...

Rolle der Selbstmotivation bei schweren Lungenerkrankungen wie Asthma und COPD

Rolle der Selbstmotivation bei schweren Lungenerkrankungen wie Asthma und COPD
© Sebastian Kaulitzki / Fotolia.com

Neben den oft schweren körperlichen Einschränkungen leiden Patienten mit einer chronischen Lungenerkrankung häufig auch an starken seelischen und psychischen Belastungen. Die Angst vor Atemnot, vor dem Fortschreiten der Krankheit oder vor sozialer Ausgrenzung kann auf Dauer Mutlosigkeit und Depressionen nach sich ziehen. Ein Teil der Therapie kann daher auch die Behandlung psychischer Belastungen sein sowie das Erlernen von Ansätzen, sich in schwierigen Zeiten selbst zu motivieren.

Tag gegen den Schlaganfall: COVID-19 kann einen Hirninfarkt begünstigen

Tag gegen den Schlaganfall: COVID-19 kann einen Hirninfarkt begünstigen
©SciePro - stock.adobe.com

Schwere Atemwegserkrankungen und Lungenentzündungen – das sind bekannte gravierende Auswirkungen von COVID-19. Doch das Virus kann – insbesondere bei schweren Verläufen – auch zu einem Schlaganfall führen. Darauf macht die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) anlässlich des Tages gegen den Schlaganfall aufmerksam, der am 10. Mai als bundesweiter Aktionstag stattfindet. Zudem betont die DSG, dass ein Schlaganfall immer ein medizinischer Notfall ist und Erkrankte ihre Anzeichen ernst nehmen und sich in Behandlung begeben sollten – auch...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Sepsis: Forscher belegen hemmende Wirkung eines Proteins bei Immunabwehr"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der rsmedia GmbH widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • Bayern beschließt Corona-Tests für jedermann – Hierfür sollen die Kapazitäten von 20.000 auf 30.000 Tests pro Tag erhöht werden (dpa, 30.06.2020).
  • Bayern beschließt Corona-Tests für jedermann – Hierfür sollen die Kapazitäten von 20.000 auf 30.000 Tests pro Tag erhöht werden (dpa, 30.06.2020).

Cookies

Diese Webseite benutzt Cookies, um den Nutzern das beste Webseiten-Erlebnis zu ermöglichen. Ausserdem werden teilweise auch Cookies von Diensten Dritter gesetzt. Weitere Informationen erhalten Sie in den Allgemeine Geschäftsbedingungen und in den Datenschutzrichtlinien.

Verstanden