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Medizin

22. Juli 2019 World Brain Day: Migräne-Patienten oftmals unzureichend versorgt

Obwohl sie zu den häufigsten und belastendsten Krankheiten gehört, wird Migräne noch immer zu selten therapiert. „Jeder Mensch, der unter Kopfschmerz leidet, kann behandelt werden!“ Diese Botschaft möchte die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG) anlässlich des World Brain Day am 22. Juli übermitteln. Die World Federation of Neurology, die diesen Tag ins Leben gerufen hat, verhilft der Migräne mit dem diesjährigen Motto „Migraine: the painful truth“ zu mehr Aufmerksamkeit.
PD Dr. med. Stefanie Förderreuther, München, begrüßt diese Entscheidung: „Migräne wird noch immer zu selten ernst genommen und zu oft bagatellisiert.“ Zusätzlich zu den Schmerzen leiden Betroffene darunter, als nicht belastbar oder gar als Drückeberger zu gelten. Die DMKG klärt daher ab September mit einer neuen Initiative verstärkt darüber auf, dass Migräne eine hirnorganische Erkrankung ist, die gezielt behandelt werden kann.

Höchste Krankheitslast neben Demenz

Migräne ist der häufigste schwere Kopfschmerz. Die Beeinträchtigung durch Migräne ist um ein Vielfaches höher als durch Spannungskopfschmerzen. Betrachtet man das Ausmaß der Beeinträchtigung durch eine Erkrankung, so nimmt die Migräne in der Altersgruppe der 15- bis 49-Jährigen gar Platz 1 ein. Jeder 10.Deutsche leidet unter der chronischen Krankheit, teilweise schon seit der Kindheit, oft ohne die Diagnose zu kennen und ohne gezielte Therapie. Frauen sind dabei etwa 3-mal häufiger betroffen als Männer (1). In Europa ist die Migräne die neurologische Krankheit, die gemeinsam mit demenziellen Erkrankungen die höchste Krankheitslast (gemessen in DALY, disability-adjusted life years) verursacht (2). „Wir gehen davon aus, dass die deutsche Wirtschaft jährlich mehr als 30 Millionen Arbeitstage durch Migräne verliert“, so Förderreuther. Das entspricht rund 150.000 Vollzeit-Arbeitskräften, der Einwohnerzahl von Heidelberg. Wenig verwunderlich, dass die Erkrankung zu den häufigsten Gründen für Krankmeldungen gehört (3). Die dadurch entstehenden indirekten Kosten in Deutschland werden auf etwa 3,5 Milliarden Euro jährlich geschätzt (4).
 
Massive Einschränkung der Lebensqualität

Das persönliche Leid, das mit dieser neurologischen Erkrankung verbunden ist, ist enorm hoch: Hämmernde, starke Schmerzen, die sich bei der geringsten Belastung weiter verstärken, Übelkeit, Erbrechen, Licht- und Lärmüberempfindlichkeit sind die typischen Symptome. Innerhalb der neurologischen Erkrankungen rangiert Migräne als Ursache für ein Leben mit deutlichen Einschränkungen hinter dem Schlaganfall auf Platz 2 (5). Scheinbar aus heiterem Himmel ereilen die Attacken Patienten mehr oder weniger regelmäßig und können im Extremfall 15 und mehr Migränetage pro Monat verursachen – eine massive Einschränkung der Lebensqualität. Der Leidensdruck reicht weit über körperliche Symptome hinaus: Die Angst vor Arbeitsplatzverlust wegen häufiger Fehltage oder wegen verminderter Leistungsfähigkeit sowie die Angst vor der nächsten Migräneattacke lasten schwer auf den Patienten und können zu begleitenden Depressionen führen (6). Knapp die Hälfte der Betroffenen leidet darunter, aufgrund ihrer Migräne Sozial- und Freizeitaktivitäten zu verpassen; beispielsweise bleibt für Kinder und Partner weniger Zeit (7,8).
 
Unzureichende Versorgung

Laut einer Befragung der DMKG werden weniger als die Hälfte (43%) der Migränepatienten beim Hausarzt oder Internisten zu vorbeugenden Maßnahmen beraten. Selbst beim Neurologen erhielten demnach nur 57% entsprechende Informationen. Neben der zu geringen Prophylaxerate gibt es weitere Gründe für die Unterversorgung: „Die Migräne spielt sich im Verborgenen ab. Während der Attacke ziehen sich die Betroffenen zurück. Ist sie vorüber, sind die Patienten wieder weitgehend einsatzfähig. Im EEG, CT und Kernspintomogramm finden sich keine Auffälligkeiten, Blutwerte und andere Untersuchungsbefunde sind normal. Ich bin überzeugt, dass das wesentlich dazu beiträgt, dass selbst manche Ärzte die Krankheit unterschätzen“, erklärt Förderreuther.
 
Aufklärungsinitiative

Um die Versorgungssituation von Migränepatienten zu verbessern, aktualisiert die DMKG gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) regelmäßig die Leitlinien für Akuttherapie und Prophylaxe der Migräne. Die online frei zugängliche Leitlinie (www.dmkg.de) gibt einen umfassenden Überblick über das breite Spektrum der wissenschaftlich gesicherten Therapieverfahren und räumt nicht nur Medikamenten, sondern auch nichtmedikamentösen Verfahren wie regelmäßigem Ausdauersport, Entspannungsverfahren, Biofeedback und Stressmanagement einen hohen Stellenwert ein. Die Palette der Behandlungsoptionen ermöglicht es, für jeden Patienten die passende Therapie zu finden.
Um auf Migräne und Kopfschmerz sowie deren Auswirkungen auf Menschen und Gesellschaft aufmerksam zu machen, startet die DMKG eine Aufklärungsinitiative. Starttermin wird der 5. September, der Welt-Kopfschmerz-Tag, sein. Zentrale Botschaft an Betroffene und Ärzte ist: „Jeder Patient, der unter Kopfschmerzen leidet, kann behandelt werden.“

Quelle: Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V.

Literatur:

(1) Victor TW et al. Migraine prevalence by age and sex in the United States: a life-span study. Cephalalgia. 2010; 30 (9): 1065-72.
(2) European Academy of Neurology, Congress Presentation, Oslo, Juni 2019.
(3) TK-Gesundheitsreport 2018.
(4) Evers S., Frese A., Marziniak M. Differenzialdiagnose von Kopfschmerzen. Dtsch Arztebl 2006; 103 (45): A-3040/B-2641/C-2537.
(5) Steiner TJ, Stovner LJ, Vos T. GBD 2015: migraine is the third cause of disability in under 50s. J Headache Pain. Dezember 2016;17(1). (Lit: GBD 2015 Neurological Disorders Collaborator Group, Lancet Neurol. 2017; 16:877-897.
(6) World Health Organisation – Headache disorders Fact sheet No. 277, March 2004, accessed Sep 2011.
(7) Migraine Research Foundation. Migraine Facts (Internet). Migraine Research Foundation. 2018.
(8) Lipton R et al. The Family Impact of Migraine: Population-Based Studies in the USA and UK. Cephalalgia. Juli 2003. 23 (6): 429-40.


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