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Medizin

26. April 2012 Zu wenig Operationen bei verengtem Wirbelkanal, zu viele Eingriffe an der Bandscheibe

Die Anzahl an Bandscheibenoperationen in Deutschland ist innerhalb von fünf Jahren um 43 Prozent gestiegen. Doch eine Operation sei oft erst notwendig, wenn etwa die Blasenfunktion gestört ist oder Lähmungen auftreten, so Experten im Rahmen des 129. Chirurgenkongresses. Um überflüssige Eingriffe zu vermeiden empfehlen orthopädische Chirurgen und Neurochirurgen zuvor eine körperliche Untersuchung. Dagegen sei eine Internet-Zweitmeinung nicht aussagekräftig. Zunehmender Handlungsbedarf bestehe dagegen bei einer Wirbelkanalenge. Sie kann zu starken Schmerzen und Gehbehinderungen führen. Wann eine Operation an der Wirbelsäule notwendig ist, darüber informieren Experten auf zwei Pressekonferenzen im Rahmen des 129. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie (DGCH).
Nahezu 85 Prozent aller Menschen leiden einmal in ihrem Leben an Rückenschmerzen, die meisten von ihnen auch wiederholt. Um unnötige Eingriffe an der Bandscheibe zu verhindern, empfiehlt etwa die Deutsche Gesellschaft für Neurochirurgie (DGNC) ein Drei-Stufen-Verfahren zur Entscheidungsfindung. „Wir wollen Ärzten und Patienten mit diesem Vorgehen mehr Sicherheit im Umgang mit Bandscheibenvorfällen ermöglichen“, erklärt der DGNC-Vorsitzende Professor Dr. med. Jürgen Meixensberger im Rahmen des 129. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie. Das Drei-Stufen-Verfahren zur Abklärung von Bandscheibenvorfällen sieht im ersten Schritt die körperliche Untersuchung vor. „Der Arzt untersucht den Patienten auf Rücken- und Beinschmerz, prüft, ob Gefühlsstörungen oder Lähmungen vorliegen und wie weit diese Veränderungen fortgeschritten sind“, erklärt Professor Dr. med. Jürgen Meixensberger, Direktor der Klinik und Poliklinik für Neurochirurgie am Universitätsklinikum Leipzig.

Danach folgt die Begutachtung von CT- oder MRT-Bildern, um zu klären, ob zum Beispiel ein Bandscheibenvorfall die Ursache dieser Beschwerden ist. „In einem dritten Schritt leitet der Arzt ein Therapiekonzept ab. Dabei gilt: Rückenschmerzen alleine erfordern keine OP, Lähmungen sprechen jedoch dafür. „Liegt der Fall dazwischen, sollten Ärzte die Entscheidung mit dem Patienten gemeinsam treffen“, erläutert Meixensberger. „Ein selbstständiger Unternehmer ist unter Umständen darauf angewiesen, schnell schmerzfrei zu werden – und zieht aus diesem Grund eine Operation einer langwierigen konservativen Behandlung mit Schmerzmitteln und Physiotherapie vor.“

In diesem Zusammenhang warnen die DGNC und die Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Orthopädische Chirurgie (DGOOC) vor Ferndiagnosen bei Bandscheibenproblemen. Anbieter stellen diese im Internet oft gegen Vorkasse in Aussicht. „Ein Bandscheibenvorfall kann nicht allein aufgrund von Bildern beurteilt werden. Es gehört immer eine körperliche Untersuchung dazu“, betont Professor Dr. med. Bernd Kladny, Leiter der Sektion Rehabilitation der DGOOC.

Handlungsbedarf sehen Neurochirurgen bei der Wirbelkanalenge, einer Verschleißerkrankung. „Diese Spinalkanalstenosen werden mitunter übersehen und häufig zu spät operiert. Dabei stehen hier sehr wirksame Verfahren zur Verfügung, die verlorene Lebensqualität zurückgeben“, erklärt Professor Meixensberger. Die Enge entsteht, weil der Knochen am Wirbelkörper den Kanal überwuchert. Der Knochen drückt die Nervenstränge im Kanal, was bei den Betroffenen starke Rücken- und Beinschmerzen verursacht. „Typischerweise verstärkt sich der Schmerz bei andauerndem Stehen oder Gehen“, so Meixensberger. „Die Patienten können keine längeren Wegstrecken mehr zurücklegen, keine Ausstellung besuchen.“

Die starken Schmerzen und die fehlende Mobilität führen zu einer großen Einbuße an Lebensqualität. „Häufig wird zu lange mit Physiotherapie behandelt und eine Operation herausgezögert“, stellt Meixensberger fest. Bei dem Eingriff tragen die Neurochirurgen das in den Kanal gewachsene knöcherne Material und die Bandstrukturen ab, befreien die Nerven so von dem Druck. „Dieser Eingriff lässt sich heute nach sorgfältiger Vorbereitung auch bei 80-Jährigen mit einem vertretbaren Risiko durchführen, die sonst zu Invaliden würden“, betont Meixensberger.

Quelle: DGCH


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