Samstag, 15. Mai 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
FSME
FSME
Medizin
13. Januar 2021

Anerkennung als Erkrankung und DMP: Meilensteine auf dem Weg zu einer angemessenen Adipositas-Versorgung

Mit COVID-19 hat der Begriff der Pandemie an Bedeutung gewonnen. „Leider wird dabei oft vergessen, dass es noch eine andere Pandemie gibt, die in Zeitlupe abläuft“, ruft Prof. Dr. Matthias Blüher, Leiter der Adipositas-Ambulanz für Erwachsene an der Uniklinik Leipzig, beim „Dänischen Kamingespräch“ der Reihe Diabetes 2030 ins Bewusstsein. Tatsächlich hat sich die Adipositas, d.h. starkes Übergewicht, in den letzten 40 Jahren pandemisch ausgebreitet. So hätten sich die Prävalenzzahlen weltweit mindestens verdoppelt, in den meisten Ländern sogar verdreifacht, erklärt Blüher. Auch in Deutschland sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache: Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) hat ein Viertel der Erwachsenen (23% der Männer und 24% der Frauen) Adipositas (1). Angesichts dessen haben 2 aktuelle gesundheitspolitische Entwicklungen eine besondere Relevanz. Darin waren sich die Diskutanten, neben Blüher Abgeordnete von CDU, SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN, einig: Nach der Anerkennung als chronische Erkrankung durch den deutschen Bundestag im Sommer 2020 im Rahmen des Antrags zum Start einer nationalen Diabetes-Strategie hat das Bundeskabinett kurz vor Weihnachten grünes Licht für das Gesetz zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (GVWG) gegeben (2, 3). Bis 2023 soll ein Disease-Management-Programm (DMP) für Adipositas auf den Weg gebracht werden. „Das ist ein entscheidender Durchbruch in einer Zeit, in der sich alles um Viren dreht“, freut sich Blüher. „Darauf haben wir alle seit Jahren hingearbeitet.“
Anzeige:
FIASP
FIASP
 
„Wir sind aktuell in der Situation, dass die eine Pandemie ganz unglücklich auf die andere trifft“, stellt Blüher den Zusammenhang zwischen COVID-19 und Adipositas her und setzt damit das Veranstaltungsthema gleich zu Beginn in den aktuellen Kontext. So habe es einen wesentlichen Einfluss, ob ein Patient neben einer COVID-19-Infektion auch eine Adipositas habe oder nicht. Gerade bei jüngeren Patienten sei diese ein entscheidender Risikofaktor für einen schweren und oder sogar tödlichen Krankheitsverlauf (4). „Auch das sollte uns sensibilisieren, Adipositas als ein
wesentliches Therapieziel nicht zu vergessen“. Doch auch unabhängig von COVID-19 sei Adipositas eine tödliche Erkrankung, die die Lebenserwartung maßgeblich verringere (5). Das würde oftmals vergessen, betont Blüher. „Schon ein Body-Mass-Index von 35-40 kg/m2 reduziert die Lebenserwartung um rund 7 Jahre.“ Erschwerend hinzu kommen eine verminderte Lebensqualität sowie zahlreiche Folge- und Begleiterkrankungen, allen voran Typ 2 Diabetes. Angesichts der Tragweite und Komplexität der Adipositas sei die Anerkennung als chronische Erkrankung durch den Bundestag ein entscheidender Durchbruch, der „uns sehr gefreut hat.“ „Der daraus resultierende Auftrag an uns als Behandler muss sein, dass wir in Zukunft nicht nur konsequenter diagnostizieren, sondern auch leitliniengerechte Therapiekonzepte anbieten, die von den Betroffenen nachgefragt werden.“ Ein wesentliches Kriterium für eine erfolgreiche Behandlung der Adipositas sei die interdisziplinäre Zusammenarbeit, wie sie zum Beispiel durch Strukturen in ausgewählten Adipositas-Zentren gegeben sei. Diese seien aber leider die Ausnahme, deutschlandweit gäbe es bei der ambulanten Versorgung erhebliche Lücken.

DMP Adipositas: Flächendeckende Versorgung für ein flächendeckendes Krankheitsbild

„Aber es gibt Licht am Ende des Tunnels“, erklärt Blüher und stellt heraus, welche zukunftsweisende Bedeutung der Beschluss eines DMP Adipositas für die Versorgung von Menschen mit Adipositas in Deutschland habe. Binnen 2 Jahren soll der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) ein strukturiertes Behandlungsprogramm (DMP) Adipositas auf den Weg bringen, um die defizitären Versorgungsstrukturen und damit die Versorgung von Menschen mit Adipositas langfristig zu verbessern. Wichtig sei es nun, das DMP mit Leben zu füllen, so die Meinung aller. Hierbei spiele vor allem die intersektorale Vernetzung eine bedeutende Rolle, unterstreichen auch die Abgeordneten von BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN und der SPD: „Entscheidend ist, dass innerhalb des DMP die berufsgruppenübergreifende Versorgung sichergestellt wird und Sektorenbrüche vermieden werden. Das ist gerade bei chronischen Erkrankungen besonders wichtig“, so Dr. Kirsten Kappert-Gonther, MdB, BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN. Und Nezahat Baradari, MdB, SPD, betont: „Wir brauchen eine Sektoren-Koppelung, so dass alle Akteure an einem gemeinsamen Strang ziehen.“

Alexander Krauß, MdB, CDU/CSU sieht die nächste Aufgabe darin, dass der Gesetzentwurf im Bundestag verabschiedet wird. Bei der Ausarbeitung des Programms müsse seiner Meinung nach die Praxisrelevanz im Vordergrund stehen. Diese sei schließlich die Voraussetzung dafür, dass Patienten von einer optimalen Adipositastherapie profitieren. Wichtig sei ihm auch, dass eine konkrete Zeitschiene festgelegt werde, bis wann das DMP umgesetzt werden muss. „Es darf nicht versanden“, so die klare Forderung. Seiner Einschätzung nach müsse vor allem bei den Krankenkassen noch Überzeugungsarbeit geleistet werden. „Sie müssen verstehen, dass es für das Gesamtsystem einer Kasse sinnvoll ist, wenn ihre Patienten adäquat versorgt werden“, sagt Krauß. „Das wird sich dann auch in den Kosten niederschlagen.“

Quelle: NovoNordisk

Literatur:

(1) Robert Koch-Institut 2014, Studie DEGS1, Erhebung 2008–2011.
(2) Rede von Alexander Krauß, MdB, CDU, vom 3. Juli 2020: www.bundestag.de/mediathek?videoid=7456146#url=L21lZGlhdGhla292ZXJsYXk/dmlkZW9pZD03NDU2MTQ2&mod=mediathek (letzter Zugriff 6. Januar 2021).
(3) Entwurf eines Gesetzes zur Weiterentwicklung der Gesundheitsversorgung (Gesundheitsversorgungs-weiterentwicklungsgesetz – GVWG): www.bundesgesundheitsministerium.de/fileadmin/Dateien/3_Downloads/Gesetze_und_Verordnungen/GuV/G/20-12-16_GVWG_Kabinett.pdf (letzter Zugriff 6. Januar 2021).
(4) S et al. Morb Mortal Wkly Rep. ePub: 8 April 2020. DOI: http://dx.doi.org/10.15585/mmwr.mm6915e3.
(5) Whitlock G, et al. Lancet. 2009;373: 1083–96.


Anzeige:
Medical Cloud
Medical Cloud
 

Das könnte Sie auch interessieren

Wenn Verwandte von Krankheitserregern Gutes tun

Wenn Verwandte von Krankheitserregern Gutes tun
© science photo / fotolia.com

Es gibt Bakterien, die Wasserstoff und Naturstoffe produzieren, was sowohl für die Umwelt als auch für die Medizin wichtig ist. In Jena hat ein Forschungsteam nun die Fähigkeit zur Wasserstoff- und Naturstoffproduktion in einer Gruppe von Bakterien nachgewiesen, die bis dahin eher als Krankheitserreger bekannt waren. In Gemeinschaft mit einem methanproduzierenden Bakterium konnten diese Bakterien Milchsäure zu Methan umwandeln.

WHO-Studie: Zu viele Menschen bewegen sich zu wenig

WHO-Studie: Zu viele Menschen bewegen sich zu wenig
©Ivanko / Fotolia.de

Prof. Renate Oberhoffer-Fritz, Leiterin des Lehrstuhl für Präventive Pädiatrie und Dekanin der Fakultät für Sport- und Gesundheitswissenschaften der Technischen Universität München (TUM), fordert nach aktuellen WHO-Empfehlungen: „Kinder und Jugendliche müssen sich endlich mehr bewegen!“ Laut aktueller Statistiken der Weltgesundheitsorganisation (WHO) bewegen sich 80% der Kinder und Jugendlichen nicht ausreichend. Zudem ließen sich mehr als 5 Millionen vorzeitige Todesfälle jedes Jahr vermeiden, wenn sich die Bevölkerung...

Rauchstopp lohnt sich – trotz zusätzlicher Kilos auf der Waage

Rauchstopp lohnt sich – trotz zusätzlicher Kilos auf der Waage
© Oleg / fotolia.com

Wer darüber nachdenkt, mit dem Rauchen aufzuhören, sollte sich von einer möglichen Gewichtszunahme nicht abhalten lassen. Denn obwohl auch Übergewicht mit Gesundheitsrisiken verbunden ist, überwiegt der gesundheitliche Nutzen durch einen Nikotinverzicht noch immer deutlich. Das ist das Ergebnis einer umfangreichen US-Studie, die kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift „New England Journal of Medicine“ erschienen ist. Die Deutsche Gesellschaft für Innere Medizin e. V. (DGIM) nimmt den Forschungsbericht zum Anlass, einmal mehr auf die...

Antibiotika: Resistenzen vorbeugen – jeder Zweite unterschätzt seine Möglichkeiten

Antibiotika: Resistenzen vorbeugen – jeder Zweite unterschätzt seine Möglichkeiten
© anoli - stock.adobe.com

Mehr als die Hälfte der Bundesbürger (55 %) glaubt irrtümlicherweise, dass sie Antibiotikaresistenzen selbst nicht verhindern können. Und das, obwohl fast 9 von 10 Bundesbürgern (86 %) schon mal ein Antibiotikum verwendet und nahezu die gleiche Anzahl an Befragten (87 %) bereits von Resistenzbildungen gehört haben. Das sind die Ergebnisse einer repräsentativen Umfrage des Deutschen Gesundheitsmonitors des Bundesverbandes der Arzneimittel-Hersteller e.V. (BAH) vom Mai/Juni 2019. „Daran sehen wir, wie wichtig es ist, die Bevölkerung über...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Anerkennung als Erkrankung und DMP: Meilensteine auf dem Weg zu einer angemessenen Adipositas-Versorgung"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • Corona-Regeln werden für Geimpfte und Genesene gelockert
  • Corona-Regeln werden für Geimpfte und Genesene gelockert