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Medizin
Stellungnahme des Ethikrat-Mitglieds Prof. Dr. Wolfgang Henn 24. März 2021

COVID-19: Wer soll wann geimpft werden?

Wer soll wann gegen das Coronavirus geimpft werden? Die Kriterien für die Impfreihenfolge sind klar definiert, um besonders verwundbare Bevölkerungsgruppen zuerst zu impfen. Wichtigstes Ziel dabei: Das Gesundheitssystem „möglichst effizient vor einer drohenden Überlastung durch zu viele Schwerkranke zu schützen“, wie es Ethikrat-Mitglied Prof. Dr. Wolfgang Henn klarstellt. Das sind insbesondere die ältesten Menschen und solche, die in Pflegeeinrichtungen leben und arbeiten und im Falle einer Infektion am wahrscheinlichsten im Krankenhaus landen und dort intensivmedizinisch betreut werden müssen.
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Für vertrebar hält es der Medizinethiker indes, wenn Hausärzte im Zuge der Impfkampagne die Impfreihenfolge unter bestimmten Voraussetzungen flexibler handhaben würden: „Es gibt gute Gründe, den 69-jährigen Herzinsuffizienz-Patienten vor dem topfitten 70-Jährigen zu impfen“, weil das eine Hausärztin besser beurteilen könne als „ein behördlich vorgegebenes Schema“, wie Henn erklärt. Zugleich fordert er, das ethische Konzept dahinter auch in den Praxen aufrechtzuerhalten, „dass zuerst diejenigen geimpft werden müssen, die den Impfstoff am nötigsten brauchen“, und „zugleich individuelle medizinische Kriterien einzubeziehen“.


Es gibt kein risikofreies Leben“

Schwere Nebenwirkungen in sehr seltenen Einzelfällen beim Impfstoff der Firma AstraZeneca haben bei vielen Menschen die Verunsicherung gegenüber der COVID-19-Schutzimpfung verstärkt. Wie steht der Medizinethiker zu Personen, die sich nicht impfen lassen wollen? „Jede Impfung, egal mit welchem zugelassenen Impfstoff, ist um vieles risikoärmer als Impfverzicht“, betont Henn und räumt zugleich ein: „Wir müssen aber schon lernen, dass es kein risikofreies Leben gibt.“ Zu sehr würden wir, so Henn, auf die Wirksamkeit der Impfstoffe in der Verhinderung auftretender Infektionen schauen, nicht aber nach dem viel wichtigeren Kriterium, dem Schutz vor einem schweren COVID-19-Verlauf. „Und da sind nach den bisherigen Daten die verschiedenen Impfstoffe gleichwertig“, bekräftigt Henn. Seine 92-jährige geimpfte Mutter und ihre Altersgenossen, die den Zweiten Weltkrieg noch erlebten, hätten „überhaupt kein Verständnis dafür, dass es Leute gibt, die sich weigern, ein minimales Impfrisiko auf sich zu nehmen, und stattdessen lieber die Pandemie weiterlaufen lassen.“


Fehlende Zulassung: „Heilversuch“ bei schwer chronisch kranken Kindern?

Ein Dilemma für Eltern mit einem sehr gefährdeten schwer chronisch kranken Kind: die Corona-Schutzimpfungen in Deutschland sind bisher nur für Erwachsene zugelassen.  Einen „gangbaren Weg“ erkennt Henn, wohlgemerkt als Privatmann („meine persönliche Meinung – außerhalb des Ethikrates“), wenn Eltern sich im Sinne eines Heilversuches entscheiden, ein schwer herzkrankes Kind mit einem Impfstoff für Erwachsene, der für die Kinder gar nicht zugelassen ist, impfen zu lassen. Der gelernte Genetiker an der Universität des Saarlandes ist zuversichtlich, dass die Impfstoffe für Erwachsene am Ende auch für Kinder und Jugendliche verimpft werden können, betont aber: „Dafür stehen die Studien erst am Anfang, denn dass diese Studien denen an Erwachsenen nachgelagert sind, ist richtig und sinnvoll.“ Besteht aber für Eltern in der aktuellen Phase ein Dilemma mit einem gefährdeten, sehr schwer herzkranken Kind, hält Henn es medizinisch und ethisch für vertretbar, einen Heilversuch zu definieren und eine Impfung „als Einzelmaßnahme nach einer medizinischen Abwägung, vergleichbar einer riskanten Herzoperation“ vorzunehmen.

Quelle: Deutsche Herzstiftung


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