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Medizin

MS: „Je nachdem, wie lange eine Therapie schon auf dem Markt ist, lässt sich das Nebenwirkungsprofil gut abschätzen“

Heute, am 30. Mai 2019, ist zum 11. Mal Welt-MS-Tag. Das diesjährige Motto lautet: „Keiner sieht’s. Eine(r) spürt’s: Multiple Sklerose – Vieles ist unsichtbar.“ Ziel ist, auf die Hindernisse im Leben mit der für Außenstehende oft unsichtbaren Erkrankung hinzuweisen. Zum Welt-MS-Tag informieren die Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG) und die Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN) mit einem Experteninterview mit Prof. Dr. Peter Berlit, DGN zur Therapie:
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Mit modernen immunmodulierenden Therapien lässt sich die MS heute bereits gut kontrollieren. Es  werden  aber  immer wieder auch  Medikamente wg. gefährlicher Nebenwirkungen vom Markt genommen. Wie sicher ist die MS-Therapie heute?

Die Sicherheit eines Präparats hängt im Wesentlichen davon ab, wie lange ein Medikament auf dem Markt ist. Die Erfahrung hat gezeigt, dass allein die Daten aus den Zulassungsstudien häufig nicht ausreichen, um die Langzeitrisiken eines Wirkstoffs wirklich richtig abschätzen zu können. Bei den Medikamenten, die schon seit Jahrzehnten auf dem Markt sind, den Basistherapeutika, kennt man das Nebenwirkungsprofil sehr genau und sie gelten als relativ sicher. Bei neuen Medikamenten, die erst seit wenigen Jahren oder Monaten zugelassen sind, ist das noch nicht der Fall, einfach, weil keine Langzeitdaten vorliegen.

Welcher Art sind die Nebenwirkungen, die auftreten können?

Bei allen Medikamenten, die das Immunsystem supprimieren – und diese kommen auch bei der MS-Therapie zum Einsatz – besteht das Risiko,  dass  es zu Infektionen kommt, weil die Immunabwehr durch die Medikamente verändert wird. Hinzu kommt, dass die Substanzen im Organismus verstoffwechselt werden und je nachdem, auf welche Weise das geschieht, z.B. über die Leber oder die Nieren, kann es zu Schäden an diesen Organen kommen. Viele Immuntherapeutika führen auch zu Veränderungen des  blutbildenden Systems, also zur Knochenmarkssuppression, so dass entsprechende Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen sind. Neben den Basistherapeutika, z.B. den Interferonen, und den Immunsuppressiva gibt es monoklonale Antikörper, die zielgerichtet in die krankheitsauslösenden Mechanismen eingreifen. Einige sind schon länger auf dem Markt und man kann das Nebenwirkungsprofil gut abschätzen. Bei Natalizumab besteht beispielsweise das Hauptrisiko darin, dass unter Langzeitbehandlung eine virusvermittelte Hirnentzündung (Progressive multifokale Leukenzephalopathie, PML) auftreten kann. Man kann das Risiko für diese Nebenwirkung  sehr gut für jeden individuellen Patienten einschätzen, je nachdem ob er Träger des auslösenden Virus ist und wie lange die Therapie bereits erfolgt. Denn  diese  Nebenwirkung tritt  i.d.R. erst nach 24 Monaten auf. Daher ist es klinische Praxis, die Therapie bei Patienten, die das JC-Virus in sich tragen, nach 2 Jahren zu beenden und dann auf eine andere Therapie umzustellen. Bei Medikamenten, die neu aus der Zulassung kommen, kennen wir das Nebenwirkungsprofil letztlich nicht vollständig. Treten im Verlauf sehr gefährliche Nebenwirkungen auf, wie z.B. bei  Daclizumab, wo es zur tödlichen Leberschädigung kam, wird das Medikament vom Markt genommen. Handelt es sich um Nebenwirkungen, die  „gemanagt“ werden können,  erhalten  die Ärzte einen „Rote-Hand-Brief“, der auf das Problem hinweist und bestimmte Sicherheitsmaßnahmen, z.B. engmaschigere Laborkontrollen, anordnet. Einige Antikörpertherapien führen auch zu sekundären Autoimmunerkrankungen, die aus der „Manipulation“ des Immunsystems resultieren. Bei Alemtuzumab ist z.B. die Hashimoto-Thyreoiditis häufig, eine Schilddrüsenerkrankung, die in der Regel gut behandelbar ist. Schwerwiegender ist das Auftreten einer idiopathischen thrombozytopenischen Purpura, einer gefährlichen Bluterkrankung, oder des Goodpasture-Syndroms, einer entzündlichen Nierenerkrankung. Da Alemtuzumab das Immunsystem für 5 (!) Jahre verändert, sind hier natürlich kontinuierliche Kontrollen essentiell.

Die  Überwachung der Therapie  ist  somit  immer  notwendig.  Wie  häufig  muss sich ein MS-Patient dem Neurologen vorstellen und welche Möglichkeiten des Nebenwirkungsmanagements gibt es?

Die  Kontrollen  richten  sich  je  nach Medikament und dem  individuellen  Risiko  eines Patienten  für eine bestimmte  Nebenwirkung. Für  jedes  Präparat  gibt  es  genaue Richtlinien,  welche  Parameter in welcher Frequenz  zu  überwachen  sind.  Das  sind nicht  immer  die  gleichen. Es gibt zum  Beispiel  Medikamente,  die  schlagen  auf  die Augen,  d.h.  der  Patient muss nicht  nur  regelmäßig  zum  Neurologen,  sondern  auch zum  Augenarzt. Andere brauchen regelmäßige  Leber-und  Nierenkontrollen  oder müssen regelmäßig zu Blutbild-Checks. Der Neurologe weiß, wie die Therapieüberwachung zu erfolgen hat, und wird auch bei der Erstgabe eines Präparates die erforderlichen Vorsichtsmaßnahmen ergreifen.

Bei welchen Symptomen sollten Patienten besonders hellhörig reagieren und sofort den behandelnden Neurologen aufsuchen?

Da die möglichen Nebenwirkungen so unterschiedlich sind, lässt sich diese Frage nicht pauschal beantworten. In der Regel sollten Patienten, sobald  Symptome auftreten, die ungewöhnlich sind und über die ihr Arzt sie nicht aufgeklärt hat, den behandelnden Neurologen aufsuchen. Grundsätzlich gilt: Im Zweifelsfalls lieber einmal häufiger zum Arzt  gehen als einmal zu wenig, damit es nicht zu folgenschweren Komplikationen kommt.


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„Multiple Sklerose – behandelbar, aber nicht heilbar“


Multiple Sklerose: Krankheit mit oft unsichtbaren Symptomen
 

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Neurologie e.V., DMSG-Bundesverband e.V.


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