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Medizin

Multiple Sklerose: Therapiemöglichkeiten und Weiterentwicklungen

Die Diagnose der Erkrankung Multiple Sklerose (MS) bedeutet für die Betroffenen nicht nur eine Auseinandersetzung mit medizinischen Erfordernissen zur wirksamen Bekämpfung der Krankheit, sondern sie wirkt sich auch auf das psychosoziale Selbstverständnis der Patienten und ihrer Umwelt aus. Gerade diese Komponente dürfe in der Therapie von MS nicht außer Acht gelassen werden, betonte Prof. Rieckmann, Bamberg, der den "1. MS Special(ists)"-Workshop in Köln moderierte und mit den anwesenden Experten aktuelle Therapiemöglichkeiten und spannende Weiterentwicklungen neuer MS-Medikamente diskutierte.

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Grundlage für eine optimale Lebensqualität der MS-Patienten ist neben einer adäquaten Medikation ein gutes Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patient, um eine bestmögliche individuelle Therapie zu entwickeln. "Auf den Patienten schauen", empfiehlt daher Dr. Michael Lang, Ulm, aus über 20-jähriger Erfahrung mit MS-Patienten in der neurologischen Praxis. Nur so könne eine optimale Adhärenz entstehen, von der Arzt und Patient profitieren. "Tabletten, die man nicht nimmt, wirken nicht", umschreibt er die Situation mangelnder Therapietreue, die aber nicht dem Patienten allein angelastet wird. In vielen Praxen ist der behandelnde Mediziner schlichtweg überfordert mit den vielfältigen Anforderungen einer so komplexen Krankheit. Der Therapietreue entgegen steht auch das heute praktizierte, nicht auf den Patienten als Individuum abgestellte Pauschalvergütungssystem, betont Lang eindringlich.

Optimale Betreuung bieten daher, seiner Aussage nach, MS-Zentren mit speziell geschulten Krankenschwestern. Der heute durch vielfältige Medien aufgeklärte MS-Patient, kann so seine Lebenssituation mit Hilfe von MS-Nurses verbessern und seine Lebensqualität optimieren. Dazu gehört eine individualisierte Medikation, um die Krankheitsschübe zu minimieren und ein Fortschreiten der Erkrankung zu bremsen.

Dies konnte in der CARE-MS II-Studie nach Therapie mit dem monoklonalen Antikörper Alemtuzumab (Lemtrada®) gezeigt werden. Weiterentwicklungen neuer MS-Medikamente, die zukünftig gerade für die individuelle Therapie bei MS-Patienten geeignet sind, stellte Prof. Dr. Dr. Sven Meuth, Münster, dem Forum vor. Ein Beispiel für neue vielversprechende Therapeutika ist seiner Meinung nach z.B. ein Nachfolgesubstrat von Alemtuzumab, das sich derzeit in einer Phase-I-Studie befindet. Der Wirkstoff GZ402668, ein neuer Anti-CD52-Antikörper, vermag andere Epitope zu binden als Alemtuzumab, und so seine Wirkung, besonders eine reduzierte Zytokinfreisetzung, zu entfalten. Ein weiterer Kandidat mit potentiell positiver Wirkung auf den Verlauf der schubförmig remittierenden Multiplen Sklerose ist der monoklonale Antikörper Daclizumab, der hochspezifisch die CD25-Untereinheit des Interleukin-2-Rezeptors auf T-Zellen sowie auch auf NK-Zellen inhibiert und so eine Immunreaktion abschwächen kann. Eine Zulassung der neuen Medikamente für die Therapie der Multiplen Sklerose würde laut Meuth in Kürze erwartet. Anschaulich beschrieb Meuth das neue Wirkprinzip als "neuen Schraubenschlüssel im Werkzeugkasten" der MS-Therapieoptionen.

Eine weitere interessante Therapieoption erscheint mit dem neuen Wirkstoff Vatelizumab am Horizont, berichtete Meuth. Vatelizumab ist ein humanisierter monoklonaler Antikörper. Obwohl der genaue Mechanismus noch unbekannt ist, soll Vatelizumab VLA-2, ein Kollagen-bindendes Integrin auf aktivierten Lymphozyten hemmen, und so die entzündlichen Schübe bei MS unterdrücken helfen. Mit Beispielen aus der Praxis veranschaulichte Dr. Thorsten Rosenkranz, Hamburg, die Umsetzung einer individualisierten Therapie mit den neuen Medikamenten. In einer Kasuistik zeigte er das Beispiel einer 19-jährigen MS-Patientin, die seit einigen Jahren neurologische Auffälligkeiten zeigte (Kribbeln in den Beinen, Sensibilitätsstörungen, später dann massivere sensible Störungen, die zur Diagnose MS führten). Nach anfänglicher Steroid-Therapie und weiterer Progression der Erkrankung wurde auf Wunsch der "aufgeklärten" Patientin mit dem monoklonalen Antikörper Alemtuzumab behandelt. Die Patientin, eine aktive Reiterin, ist seither klinisch stabil und nimmt aktiv am Leben teil ohne wesentliche Beeinträchtigungen.

Ein weiterer Fall beschreibt einen 32-jährigen, bisher gesunden Mann, der sich 2014 mit Sehstörungen (Doppelbilder) und Taubheitsgefühlen im linken Arm vorstellt. Im MRT des Gehirns zeigen sich dann Kontrastmittel-aufnehmende Herde die u.a. zur Diagnose MS führen. Der Patient, der als Diskjockey arbeitete, äußerte selbst Zweifel an seiner Therapietreue bei einem unregelmäßigen Tagesablauf. Eine einfach zu handhabende Medikation stand daher im Vordergrund, berichtete Rosenkranz. So konnte mit einer einmal täglich einzunehmenden Tablette Teriflunomid (Aubagio®) ein Behandlungserfolg erzielt und weitere MS-Schübe verhindert werden. Dem Patienten "etwas anzubieten womit er im Alltag zurechtkommt", sei die Grundlage einer guten Therapie, folgerte Rosenkranz.

Einen ganz eigenen Ansatz zum Thema Multiple Sklerose hatte Prof. Dr. Holger Ziegler, Bielefeld, bei seinem Blick über den Tellerrand. Die Sichtweise des Sozialwissenschaftlers zielte auf das individuelle psychosoziale Selbstverständnis der MS-Patienten und den Blick von Außen, was er mit einem Zitat eines Betroffenen umreißt: "Ich bin nicht MS, ich habe MS". Dies zeigt deutlich, wie weit die Identifikation mit der Krankheit gehen sollte. Ziegler sieht daher die Krankheit auch unter dem Aspekt der "praktischen Lebensführung". Da sei nicht nur der Neurologe gefragt, sondern auch eine soziopsychologische Begleitung des Patienten während seiner Erkrankung, um eine weitest gehende Normalität im Alltagsleben zu erhalten und eine Ausgrenzung aus der Gesellschaft zu verhindern, so Ziegler abschließend.                                                   

ghk

Quelle: Fachpresse Workshop der MS Special(ists), 20. August 2015, Köln. Veranstalter: Sanofi-Aventis Deutschland GmbH, Genzyme GmbH


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