Donnerstag, 29. Juli 2021
Navigation öffnen
Anzeige:
Breezhaler
Breezhaler
Medizin
22. Juli 2021

„Nerven bewahren“ bei diabetischer Neuropathie: erfolgreich diagnostizieren und therapieren

Die diabetische Neuropathie ist eine der häufigsten und schwerwiegendsten Folgeerkrankungen des Diabetes. Sowohl die Diagnose als auch die Therapie der Erkrankung stellen eine Herausforderung in der Praxis dar. Es gilt, der fortschreitenden Nervenschädigung frühzeitig entgegenzuwirken, Symptome zu lindern und Komplikationen wie das diabetische Fußsyndrom zu vermeiden.
Etwa jeder dritte Mensch mit Diabetes ist von einer distalen sensomotorischen Polyneuropathie (DSPN) betroffen (1). Bei etwa der Hälfte der Betroffenen äußert sich die Nervenschädigung durch Missempfindungen in den Füßen wie Kribbeln, Taubheitsgefühl oder Brennen bis hin zu quälenden Schmerzen. Bei bis zu 50% der Betroffenen verläuft die DSPN aber asymptomatisch und entzieht sich dadurch leicht der Diagnose (2). „In beiden Fällen ist die Früherkennung der DSPN äußerst wichtig“, appellierte Prof. Dr. Dan Ziegler, Stv. Direktor am Institut für Klinische Diabetologie am Deutschen Diabetes-Zentrum an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf bei einer Online-Veranstaltung anlässlich des Diabetes-Kongresses. „Die Neuropathie ist mit einer erheblich erhöhten Morbidität und Mortalität assoziiert“, erinnerte Ziegler. Die Deutsche Diabetes Gesellschaft empfiehlt daher in ihren Praxisleitlinien, ein einfaches neurologisches Screening bei jeder Person mit Diabetes mindestens einmal jährlich vorzunehmen (3). „Dabei ist ein standardisiertes Vorgehen erforderlich, um die gewonnenen Daten richtig einzuordnen und die DSPN klinisch korrekt zu diagnostizieren“, sagte Ziegler.

Frühzeitige multimodale Therapie

Auch Prof. Dr. med. Kristian Rett vom Endokrinologikum München unterstrich die Notwendigkeit einer frühzeitigen Therapie, bei der dem Behandler in Abhängigkeit von individuellen Faktoren des Patienten drei Säulen zur Verfügung stehen:
 
  1. Individualisierte (stadiengerechte/multimodale) Diabetestherapie
  2. Pathogenetisch orientierte Therapie mit Benfotiamin und/oder Alpha-Liponsäure
  3. Symptomatische Therapie
Der Diabetologe wies darauf hin, dass im Rahmen der stadiengerechten individuellen Diabetestherapie neben der Hyperglykämie eine ganze Reihe Glukose-unabhängiger Risikofaktoren diagnostisch, prognostisch und therapeutisch relevant sind und daher zu berücksichtigen seien.  

Bei der pathogenetisch orientierten Therapie spielt das Enzym Transketolase eine zentrale Rolle. Das Enzym, das für seine Aktivität Thiamin (Vitamin B1) benötigt, führt Glukose-Metabolite einem unschädlichen Abbauprozess zu. Ein Mangel an Thiamin (Vitamin B1), wie er in Studien bei Diabetes-Patienten nachgewiesen wurde (4-6), reduziert die Aktivität der Transketolase, wodurch die Metabolite vermehrt zu nerven- und gefäßschädigenden Substanzen abgebaut werden (6). Durch Gabe der fettlöslichen, hoch bioverfügbaren Vitamin-B1-Vorstufe Benfotiamin kann ein Mangel ausgeglichen und die Bildung schädlicher Glukose-Abbauprodukte reduziert werden (7). In klinischen Studien führte eine Behandlung mit Benfotiamin bei Patienten mit Diabetes und DSPN zur Verbesserung neuropathischer Symptome (8). Auch das Antioxidans Alpha-Liponsäure kann in die Pathogenese der Nervenschädigung eingreifen und neuropathische Symptome lindern (9).

Sobald die Lebensqualität der Patienten mit einer schmerzhaften Form der DSPN beeinträchtigt ist, ist zusätzlich eine symptomatische Therapie der neuropathischen Schmerzen angezeigt.
 
Service und Fortbildung
Um die frühzeitige Diagnose und Therapie der DSPN in der Praxis zu unterstützen, bietet die Nationale Aufklärungsinitiative zur diabetischen Neuropathie (NAI) auf ihrer Webseite fundierte Informationen und Service-Material für die Praxis an. Dazu zählen
 
  • Video-Tutorials und eine Schritt-für-Schritt-Anleitung zur leitliniengerechten Untersuchung auf DSPN,
  • ein klinischer Untersuchungsbogen mit allen relevanten Scores und Grenzwerten zum Downloaden,
  • und eine aktuelle zertifizierte online-CME-Fortbildung.
Bringen Sie sich auf den aktuellen Stand, wie Sie Neuropathien bei Patienten mit Diabetes erfolgreich diagnostizieren und therapieren >>
https://www.nai-diabetische-neuropathie.de/fachbereich.html

Online-Expertengespräch „Aktuelles zur diabetischen Neuropathie“ am 12. Mai 2021 anlässlich des Diabetes-Kongresses 2021; Veranstalter: Nationale Aufklärungsinitiative zur diabetischen Neuropathie www.nai-diabetische-neuropathie.de

Quelle: Wörwag

Literatur:

(1) Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2021
(2) Pop-Busui R et al. Diabetic Neuropathy: A Position Statement by the American Diabetes Association. Diabetes Care 2017;40(1):136-154
(3) Ziegler D, Keller J, Maier C, Pannek J. DDG Praxisempfehlungen. Diabetische Neuropathie. Diabetologie 2020; 15 (Suppl 1): S181–S195
(4) Thornalley PJ et al. High prevalence of low plasma thiamine concentration in diabetes linked to a marker of vascular disease. Diabetologia 2007; 50: 2164-2170
(5) Page GL, Laight D, Cummings MH. Thiamine deficiency in diabetes mellitus and the impact of thiamine replacement on glucose metabolism and vascular disease. Int J Clin Pract. 2011;65(6):684-90.
(6) Anwar A, Ahmed Azmi M, Siddiqui J, et al. Thiamine Level in Type I and Type II Diabetes Mellitus Patients: A Comparative Study Focusing on Hematological and Biochemical Evaluations. Cureus. 2020;12(5): e8027.
(7) Hammes HP, Du X, Edelstein D, Taguchi T, Matsumura T, Ju Q, Lin J, Bierhaus A, Nawroth P, Hannak D, Neumaier M, Bergfeld R, Giardino I, Brownlee M. Benfotiamine blocks three major pathways of hyperglycemic damage and prevents experimental diabetic retinopathy. Nat Med. 2003;9(3):294-9
(8) Stracke H, Gaus W, Achenbach U, Federlin K, Bretzel RG. Benfotiamine in diabetic polyneuropathy (BENDIP): results of a randomised, double blind, placebo-controlled clinical study. Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2008;116(10):600-5.
(9) Ziegler et al: Oral treatment with alpha-lipoic acid improves symptomatic diabetic polyneuropathy: the SYDNEY 2 trial. Diabetes Care 29, 11(2006) 2365- 70.


Das könnte Sie auch interessieren

Urologen geben Entwarnung: Sorgen vor Zeugungsunfähigkeit sind unbegründet

Urologen geben Entwarnung: Sorgen vor Zeugungsunfähigkeit sind unbegründet
@ deagreez / Fotolia.com

Eine neue Studie zur männlichen Fruchtbarkeit, veröffentlicht in der Fachzeitschrift "Human Reproductive Update", sorgt derzeit für Aufsehen. Die Untersuchungen von Mediziner Hagai Levine und seinem Team der Hebräischen Universität Jerusalem zeigen, dass die Spermienanzahl von Männern aus westlichen Ländern immer weiter abnimmt. Laut den Wissenschaftlern ist die Spermienanzahl pro Milliliter Sperma um etwa 52 Prozent gesunken. Bei der Gesamtzahl der Spermien pro Samenerguss gaben die Forscher sogar einen Rückgang von nahezu 60 Prozent an....

Balance halten – Rücken stärken!

Balance halten – Rücken stärken!
© Aktion Gesunder Rücken e. V.

Am 15. März 2017 findet der 16. Tag der Rückengesundheit statt. Unter dem Motto „Balance halten – Rücken stärken!“ werden bundesweit zahlreiche Veranstaltungen, Aktionen und Workshops angeboten. Organisiert wird der Aktionstag traditionell von der Aktion Gesunder Rücken (AGR) e. V. und dem Bundesverband deutscher Rückenschulen (BdR) e. V. Eine ausgewogene Balance – sowohl körperlich als auch psychisch - ist von zentraler Bedeutung für die Rückengesundheit. Damit stellt der diesjährige Aktionstag ein wichtiges Thema...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"„Nerven bewahren“ bei diabetischer Neuropathie: erfolgreich diagnostizieren und therapieren"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • CHMP empfiehlt SARS-CoV-2-Impfstoff von Moderna für Jugendliche von 12-17 Jahren (Quelle: PEI, 23.7.2021)
  • CHMP empfiehlt SARS-CoV-2-Impfstoff von Moderna für Jugendliche von 12-17 Jahren (Quelle: PEI, 23.7.2021)