Montag, 2. August 2021
Navigation öffnen
Medizin
29. Mai 2017

Studie an Schäferhunden: Mit Stammzellen zu neuen Bandscheiben

Bandscheibenvorfälle gehören zu den häufigsten Gründen für einen Arztbesuch in der Schweiz. Nicht nur Menschen, auch Hunde sind oft betroffen. Eine Operation kuriert die schmerzhaften Folgen eines Vorfalls, die Bandscheibe bleibt jedoch degeneriert. Stammzellen könnten dies künftig ändern, wie Forschende der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich mit einer Studie an Schäferhunden zeigen.
Anzeige:
Medical Cloud
Medical Cloud
 
Degeneriert das faserknorpelige Gewebe der Bandscheiben  im Laufe der Zeit, kann es geschehen, dass eine Bandscheibe "vorfällt" – und das Rückenmark oder Nerven einklemmt. Die Folgen sind starke Schmerzen oder sogar Lähmungen. Nicht nur Menschen, auch Hunde leiden häufig an der Erkrankung. Da Bandscheiben sich nicht selber regenerieren können, wird – bei Mensch und Tier – das vorgefallene Bandscheibenmaterial in einer Operation entfernt. Der Druck auf Nerven und Knochenmark verschwindet, die Degeneration der Bandscheibe bleibt allerdings bestehen.

Große Hoffnung liegt deshalb in der Stammzelltherapie, wie sie Frank Steffen, Neurologe an der Klinik für Kleintierchirurgie der Vetsuisse-Fakultät der Universität Zürich, verfolgt. Stammzellen sind multipotente Zellen, die sich in verschiedene Zelltypen differenzieren können. Injiziert in eine kaputte Bandscheibe bilden die Stammzellen vielleicht neuen Bandscheibenknorpel, hofft Steffen. Seine Studie an drei erkrankten Schäferhunden zeigt, dass eine Behandlung mit körpereigenen Stammzellen gut vertragen wird – ein wichtiger erster Schritt.

Erkenntnisse direkt am kranken Tier gewinnen

Forschung zur Bandscheibenregeneration wird häufig in Tierversuchen durchgeführt. An der Klinik für Kleintierchirurgie in Zürich geht man einen anderen Weg: "Da wir jedes Jahr zahlreiche Hunde behandeln, die spontan einen Bandscheibenvorfall erleiden, können wir direkt am effektiv erkrankten Tier wichtige Erkenntnisse gewinnen", erklärt Frank Steffen. "Aufgrund von Ähnlichkeiten in Pathologie und Verlauf der Erkrankung lassen sich vermutlich auch Schlüsse für die Behandlung betroffener Menschen daraus ziehen." Das Projekt zur Entwicklung der Stammzelltherapie bei Hunden wird darum in Zusammenarbeit mit der Schweizer Paraplegiker-Forschung (SPF) in Nottwil durchgeführt.

Die Studie an erkrankten Schäferhunden war wie folgt aufgebaut: Neurologe Frank Steffen und sein Team entnahmen mit Einwilligung der Hundehalter Stammzellen aus dem Mark des Beckenknochens der betroffenen Tiere. Nach Reinigung und Aufbereitung des Zellmaterials im Labor wurden die Stammzellen während der Bandscheibenoperation, die bei den erkrankten Tieren notwendig war, in die degenerierte Bandscheibe injiziert. "Unser Ziel ist es, dass die Stammzellen dort zelluläre und molekuläre Reparaturvorgänge auslösen und im Idealfall neue Bandscheibenzellen bilden, um so zur Regeneration des Gewebes beizutragen", so Neurologe Steffen.
 
Therapie eines Bandscheibenvorfalls beim Hund mittels Stammzellentherapie © Vetsuisse-Fakultät, UZH
Therapie eines Bandscheibenvorfalls beim Hund mittels Stammzellentherapie © Vetsuisse-Fakultät, UZH


Nach der Verträglichkeit die Wirksamkeit prüfen

Die Resultate sind erfreulich: Die drei Hunde haben die Injektionen mit ihren eigenen Stammzellen gut vertragen, die Forschenden stellten keine negativen Effekte fest. Allerdings ließen sich mittels späteren Röntgenaufnahmen und Magnetresonanztomographie keine eindeutigen Hinweise finden, dass sich die geschädigten Bandscheiben im Vergleich zur Kontrollgruppe bereits regenerierten.

Noch nicht, wie sich Steffen zuversichtlich zeigt: "Die Verträglichkeit der Therapie nachzuweisen war der erste wichtige Schritt." Jetzt arbeitet er an der Wirksamkeit der Stammzelleninjektion, etwa mit der gezielten Zugabe von Wachstumsfaktoren. "Sollten wir mit unser Methode dereinst Erfolg haben, wäre das ein wegweisender Schritt – auch für die Humanmedizin", so der Neurologe.

Quelle: Universität Zürich

Literatur:

Frank Steffen, Lucas Smolders, Anne Roentgen et al.
Bone Marrow-Derived Mesenchymal Stem Cells as Autologous Therapy in Dogs with Naturally Occurring Intervertebral Disc Disease: Feasibility, Safety and Preliminary Results.
Tissue Engineering Part C: Methods. 4 May 2017, ahead of print.; doi:10.1089/ten.TEC.2017.0033
http://online.liebertpub.com/doi/abs/10.1089/ten.TEC.2017.0033?url_ver=Z39.88-2003&rfr_id=ori%3Arid%3Acrossref.org&rfr_dat=cr_pub%3Dpubmed&
 


Anzeige:
Tresiba
 

Das könnte Sie auch interessieren

Forsa-Umfrage: Jede dritte Frau hat Sorgen vor Klinikaufenthalt

Forsa-Umfrage: Jede dritte Frau hat Sorgen vor Klinikaufenthalt
© VILevi / Fotolia.com

Vergessenes OP-Besteck im Körper, Komplikationen durch fehlerhafte Medizinprodukte oder Infektionen mit Keimen – immer wieder kommt es in deutschen Krankenhäusern zu solchen Zwischenfällen. Laut Medizinischem Dienst der Krankenkassen (MDK) lag die offizielle Zahl der bestätigten Behandlungsfehler im vergangenen Jahr bundesweit bei knapp 3.500. Das verunsichert Patienten verständlicherweise vor wichtigen medizinischen Eingriffen. Frauen sorgen sich häufiger als Männer vor einem Klinikaufenthalt, so das aktuelle Ergebnis einer Forsa-Umfrage im Auftrag...

Zweite Corona-Welle: Ein Schlaganfall ist auch in Krisenzeiten ein medizinischer Notfall

Zweite Corona-Welle: Ein Schlaganfall ist auch in Krisenzeiten ein medizinischer Notfall
© peterschreiber.media - stock.adobe.com

Während des ersten Corona-Lockdowns im Frühjahr 2020 haben Patienten mit Schlaganfallsymptomen viel seltener ärztliche Hilfe in Anspruch genommen als in normalen Zeiten, das belegen aktuelle Zahlen. Da jedoch auch ein leichter Schlaganfall sofort behandelt werden muss, ist dies im Hinblick auf Langzeitschäden riskant und gefährlich. Die Deutsche Schlaganfall-Gesellschaft (DSG) betont deshalb, wie wichtig es ist, sich auch während der aktuellen Lockdown-Phase bei Anzeichen eines Schlaganfalls – auch wenn es sich nur um leichte Symptome handelt –...

Falsches Sitzen im Homeoffice und zu wenig Bewegung: Klinikum Nürnberg gibt Tipps für einen gesunden Rücken!

Falsches Sitzen im Homeoffice und zu wenig Bewegung: Klinikum Nürnberg gibt Tipps für einen gesunden Rücken!
©Proxima Studio - stock.adobe.com

Statistiken zufolge ging im vergangenen Jahr jeder 12. Fehltag in Deutschland* auf das Konto von Rückenschmerzen. Spätestens seitdem rund ein Viertel der Berufstätigen mit dem Laptop im Esszimmer sitzt und „Homeoffice macht“, nimmt die Zahl der Menschen mit Beschwerden im Kreuz zu. Anlässlich des Tags der Rückengesundheit erklärt Dr. med. Sabine Rikart, Oberärztin der Abteilung für Physikalische Therapie im Klinikum Nürnberg, wie schon Kleinigkeiten Rückenschmerzen vermeiden oder zumindest lindern können.

Risikogruppe schützen: Digitale Weltdiabetestag-Patientenveranstaltung 2020

Risikogruppe schützen: Digitale Weltdiabetestag-Patientenveranstaltung 2020
Dmitry Lobanov / Fotolia.com

Seit 2009 richtet die gemeinnützige Organisation diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe unter der Schirmherrschaft des Bundesgesundheitsministeriums die Zentrale Patientenveranstaltung zum Weltdiabetestag am 14. November aus. Im letzten Jahr war das mit dem Kirchheim-Verlag neu erarbeitete Konzept des „Weltdiabetes-Erlebnistag“ nach dem Motto: „Raus aus dem Konferenzsaal, rein in die Stadt“ mit über 7000 Teilnehmenden im Berliner Sony Center besonders erfolgreich. Aufgrund der Corona-Krise haben sich die Veranstalter vorausblickend schon jetzt...

Sie können folgenden Inhalt einem Kollegen empfehlen:

"Studie an Schäferhunden: Mit Stammzellen zu neuen Bandscheiben"

Bitte tragen Sie auch die Absenderdaten vollständig ein, damit Sie der Empfänger erkennen kann.

Die mit (*) gekennzeichneten Angaben müssen eingetragen werden!

Die Verwendung Ihrer Daten für den Newsletter können Sie jederzeit mit Wirkung für die Zukunft gegenüber der Medical Tribune Verlagsgesellschaft mbH - Geschäftsbereich rs media widersprechen ohne dass Kosten entstehen. Nutzen Sie hierfür etwaige Abmeldelinks im Newsletter oder schreiben Sie eine E-Mail an: info[at]rsmedia-verlag.de.


EILMELDUNGEN zu SARS-CoV-2 und COVID-19
  • CHMP empfiehlt SARS-CoV-2-Impfstoff von Moderna für Jugendliche von 12-17 Jahren (Quelle: PEI, 23.7.2021)
  • CHMP empfiehlt SARS-CoV-2-Impfstoff von Moderna für Jugendliche von 12-17 Jahren (Quelle: PEI, 23.7.2021)