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Medizin

Typ-2-Diabetiker: Schlaf, Bewegung, Motivation - Wie der Lebensstil den Blutzucker bestimmt

„Diabetesbehandlung: Zwischen Versorgung und Management“, so lautete das Motto der Herbsttagung 2012 der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG). In diesem Spannungsfeld bewegt sich auch die Frage, wie bei Patienten mit Typ-2-Diabetes nachhaltig eine Änderung des Lebensstils erreicht werden kann. In einem mit namhaften Experten besetzten Satellitensymposium unter dem Vorsitz von Prof. Dr. Werner Kern wurden die Schwerpunkte Schlaf und Bewegung diskutiert und die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Betrachtung des Patienten über die reine HbA1c -Einstellung hinaus betont.

Nur eine abgestimmte Behandlung aus Verbesserung des Lebensstils und individueller medikamentöser Therapie kann den Anforderungen an eine moderne Diabetestherapie gerecht werden und zu einer wirksamen Reduktion diabetischer Komplikationen wie kardiovaskulären Ereignissen und nächtlichen Hypoglykämien führen, so das Fazit der Experten.

Prof. Dr. Werner Kern vom Zentrum für Hormon- und Stoffwechselerkrankungen (Endokrinologikum) in Ulm zeigte zunächst den Rückgang der Schlafdauer vom Anfang des vergangenen Jahrhunderts bis heute auf. Die Schlafzeit pro Nacht sei demnach von neun Stunden auf mittlerweile sieben Stunden pro Nacht gesunken, so Kern. Auch sehr kurze Schlafzeiten von unter sechs Stunden pro Nacht sowie Ein- und Durchschlafstörungen seien heute weit verbreitet. Gleichzeitig nehme die Inzidenz von Adipositas und Diabetes zu. Gibt es hier einen Zusammenhang? Es ist bekannt, dass eine U-förmige Korrelation zwischen Schlafdauer und Adipositas besteht: Sowohl eine reduzierte (< 6 Stunden) als auch eine gesteigerte Schlafdauer (> 9 Stunden) gehen oft mit einem erhöhten Gewicht einher (1). Während sich Letzteres durch  eine allgemein reduzierte Aktivität leicht erklären lasse, griffen bei reduzierter Schlafdauer anderweitige metabolische Mechanismen, so Kern.  So stünde eine verminderte Schlafdauer sowohl mit der Prävalenz des metabolischen Syndroms als auch mit einem erhöhten Risiko für die Entwicklung eines Typ-2-Diabetes in Zusammenhang. Was passiert dabei auf pathophysiologischer Ebene? Kern verdeutlichte, dass ein verkürzter Schlaf zum einen das sympathoadrenerge System aktiviere und die sympathische Nervenaktivität erhöhe, zum anderen auch die Insulinsensitivität, die Glukosetoleranz sowie die Insulinantwort von Adipozyten reduziere. Schlafmangel und Schlafstörungen führten also zu einem metabolischen Ungleichgewicht und in der Folge bei Typ-2-Diabetikern nicht selten zu einem schlecht eingestellten Diabetes, so Kern. Bedeutsam sei außerdem die Häufigkeit nächtlicher Hypoglykämien, die auch die Schlafqualität beeinträchtige. Diesen „circulus vitiosus“ gelte es zu durchbrechen. Dazu sollten insbesondere Schlafstörungen gezielt bei Patienten angesprochen werden und Maßnahmen zur Verbesserung der Schlafhygiene erarbeitet werden, so die Empfehlung von Kern.

Die Bedeutung der körperlichen Fitness für die Therapie des Diabetes mellitus verdeutlichte PD Dr. Martin Füchtenbusch vom Diabeteszentrum am Marienplatz in München. So reduziere sich das relative Sterberisiko von Diabetespatienten über einen Zeitraum von 6,2 Jahren bei höherer körperlicher Fitness (> 8 vs. < 5 so genannte „Metabolic Equivalents“, MET) um mehr als die Hälfte. „Training führt zur muskulären Sekretion von Myokinen, die metabolisch günstige Effekte im Fettgewebe haben“, so Füchtenbusch. So induziere das Myokin PGC-1alfa eine metabolisch günstige Umwandlung von weißem in braunes Fettgewebe. Füchtenbusch betonte, dass für eine Reduktion des Mortalitätsrisikos vor allem die Gesamtdosis und die Regelmäßigkeit körperlicher Aktivität entscheidend seien, wobei der größte Benefit durch den Schritt von gar keiner Aktivität hin zu wenig bis mäßiger Aktivität erzielt werden könne.

Was bringt ein Programm zur Lebensstiländerung bei Patienten mit Typ-2-Diabetes? Der Vergleich einer Gruppe, die einem strukturierten Lifestyle-Interventionsprogramm (SLI) unterzogen wurde, mit einer Gruppe, die eine konventionelle Diabetesschulung (DS) erhielt, zeigte in der SLI-Gruppe einen signifikanten Vorteil unter anderem hinsichtlich der Gewichtsabnahme und der körperlichen Fitness (2). Die Umsetzbarkeit von Bewegungsprogrammen hat jedoch seine Grenzen: Nur etwa 14% der Patienten, die „normal“ geschult werden, erreichten eine Gewichtsreduktion von mindestens 5% (3). Körperliche Fitness gehe zudem oftmals eng mit den Ernährungsgewohnheiten einher, führte Füchtenbusch weiter aus. Er machte in diesem Zusammenhang aber auch deutlich, dass die Zusammensetzung der Nahrung (Stichworte „low carb“, „low fat“, „high protein“) keinen wesentlichen Einfluss auf das Gewicht habe, sondern für eine erfolgreiche Gewichtsabnahme vor allem die Kalorienreduktion maßgeblich sei.

Was es bedeutet, einen Patienten mit Diabetes mellitus Typ 2 „ganzheitlich“ zu betrachten, zeigte Dr. Rainer Betzholz vom Diabeteszentrum Neuss anhand eines typischen Patientenbeispiels: 45-jähriger Patient, Typ-2-Diabetes, BMI 40 kg/m2, HbA1c 8,2% bei Erstvorstellung. Wichtig seien nicht allein die Reduktion von Blutzucker und HbA1c. Zur Reduktion von Risikofaktoren gehörten auch das Vermeiden von Hypoglykämien und das Verhindern einer Gewichtszunahme. Übergeordnetes Ziel sei es, kardiovaskuläre Ereignisse möglichst zu verhindern und die Lebensqualität des Patienten zu erhalten, so Betzholz. Therapeutische Maßnahmen sollten diese Punkte einbeziehen und den Lebensstil jedes individuellen Patienten berücksichtigen. Auch seien Therapieziele in Abhängigkeit von der Erkrankungsdauer und von bestehenden Folgeerkrankungen zu definieren und die Therapieauswahl an den Bedürfnissen des Patienten auszurichten – einschließlich Änderungen des Lebensstils, die laut DDG-Leitlinien an erster Stelle der therapeutischen Maßnahmen stehen (4). Im Hinblick darauf, das Risiko für Hypoglykämien und eine Gewichtszunahme so gering wie möglich zu halten („je dicker desto sterblicher“), seien neben der bewährten Substanz Metformin bei Typ-2-Diabetikern mit unbefriedigend eingestelltem Blutzucker insbesondere Inkretinmimetika oder DPP-4-Hemmer wie beispielsweise Sitagliptin (z.B. Xelevia® bzw. als Fixkombination mit Metformin z.B. Velmetia® (5)) eine therapeutische Option. „Die Bedeutung der Hypoglykämie bei Menschen mit Typ-2-Diabetes wird in der Regel deutlich unterschätzt“, betonte Betzholz.

Literaturhinweise:
(1) Bjorvatn B, Sagen IM, Oyane N et al. The association between sleep duration, body mass index and metabolic measures in the Hordaland Health Study. J Sleep Res 2007; 16: 66-76
(2) Wing RR. Long-term effects of a lifestyle intervention on weight and cardiovascular risk factors in individuals with type 2 diabetes mellitus: four-year results of the Look AHEAD trial. Arch Intern Med 2010; 170: 1566-1575
(3) Wadden TA, West DS, Neiberg RH et al. One-year weight losses in the Look AHEAD study: factors associated with success. Obesity (Silver Spring) 2009; 17: 713-722
(4) Matthaei S, Bierwirth R, Fritsche A et al. Medikamentöse antihyperglykämische Therapie des Diabetes mellitus Typ 2. Diabetologie und Stoffwechsel 2009; 4: 32-64
(5) Fachinformation Xelevia, Stand September 2012; Fachinformation Velmetia, Stand August 2012

Quelle: „Typ-2-Diabetes 2012: Lebensstil im Blick – die Therapie „im Genick“?“ Satellitensymposium der BERLIN-CHEMIE AG im Rahmen der Herbsttagung der Deutschen Diabetes-Gesellschaft (DDG) am 16. November 2012 in Berlin


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