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01. März 2019
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Hypothesen

Ausgehend von dieser Datenbasis können mindestens 3 Hypothesen evaluiert und beantwortet werden:
  1. Die Länge der Stollen hat keine Auswirkung auf die Verletzung. Zwar kann es einen Zusammenhang zwischen Stollenlänge und einer „unhappy triad“ (Ruptur des vorderen Kreuzbandes und des Innenmeniskus sowie Riss des medialen Seitenbandes, Definition nach O’Donoghue (6)) geben, dafür ist die Datenbasis aber nicht groß genug.
  2. Es besteht ein statistisch valider Zusammenhang zwischen Dauer des Spiels und Eintritt der Verletzung.
  3. Es besteht ein statistisch valider Zusammenhang zwischen der körperlichen Fitness des Spielers und dem Eintritt der Verletzung.

Diskussion

Jede der angesprochenen Thesen und Ergebnisse soll im Folgenden kurz erläutert und begründet werden.

1. Stollenlänge und Verletzung

Die in der allgemeinen Wahrnehmung und Fachforen häufig anzutreffende Behauptung, Stollenschuhe führten eher zu Verletzungen als Noppenschuhe, lässt sich anhand dieser Untersuchung nicht erhärten. Anscheinend ist die Form der Stollen nur ein Faktor
unter vielen. Gestützt wird dieses Ergebnis auch durch eine weitere Studie, die anhand mechanischer Berechnungen und Untersuchungen zum gleichen Ergebnis gelangt ist (7). Die Ursache, warum längere Stollen zu einer schwereren Verletzung führen können, könnte in der höheren Traktion liegen, die dazu führt, dass die kinetische Energie viel stärker über die unteren Extremitäten abgebaut wird, insbesondere über das Knie, als dies bei Schuhwerk ohne, bzw. mit nur kurzen Stollen der Fall wäre. Dies zeigt auch eine neuere Studie (8).

2. Fitnesszustand zum Zeitpunkt der Verletzung

Es ist davon auszugehen, dass die muskuläre Ermüdung und die nachlassende Konzentration, bzw. Koordinationsfähigkeit, wesentliche Faktoren für die Entstehung der ligamentären Verletzung sind. Die Ermüdung führt zu einer Reduktion der aktiven Stabilisierung und zu einem Verlust der dynamischen Gelenkkontrolle. Hinzu kommt die sogenannte zentrale, motivationsunabhängige Ermüdung. Diese wird bei hoher Beanspruchung durch die Muskulatur ausgelöst und bewirkt auf nervalem Wege eine zentrale Blockade mit verzögerter Reflexantwort (9).

3. Fremdeinwirkung und Wettkampfform

Die Studie hat ergeben, dass sich ein statistischer Zusammenhang zwischen der
Verletzung eines physisch und mental fitten Spielers und verschiedenen anderen Konstellationen ergeben kann. Es sind nicht die Untergrundeigenschaften, die als verwertbares Kriterium dienen können. Bei diesen ist – wider Erwarten – keine statistische Tendenz erkennbar.

Erklären lässt sich dieser Befund aller Wahrscheinlichkeit nach damit, dass ein körperlich ausgeruhter Spieler mit einem größeren Einsatz und einer höheren Dynamik in die Zweikämpfe bei einem Pflichtspiel geht. Bei Freundschaftsspielen/Trainingseinheiten kommt es vermehrt zu Verletzungen in der zweiten Hälfte der Partie. Ein Erklärungsansatz dafür ist die These, dass ihm in der zweiten Hälfte die mentale Frische fehlt und es zusätzlich zu einer muskulären Ermüdung kommt.

Schlussfolgerungen

Als Fazit sind insbesondere 3 Punkte hervorzuheben:

Erstens hat der Sportschuh nur geringe Auswirkungen auf die Häufigkeit und Schwere der Verletzung, er ist nicht der taugliche Ansatzpunkt, das Verletzungsrisiko zu reduzieren.

Es ist daher zweitens bei der körperlichen Fitness der Spieler anzusetzen. Je frischer und austrainierter, nicht nur bezogen auf die allgemeine Kondition, sondern auch in Bezug auf die Umgebungsmuskulatur des Knies, die Sportler sind, desto eher kann eine Verletzung vermieden werden.

Und zum Dritten ist anhand des Regelwerks zu prüfen, ob der Schiedsrichter durch verstärktes Eingreifen gerade in der Anfangsphase des Spiels die „Aggressivität“ besser kanalisieren kann, und ob sich durch zusätzliche (Trink-)Pausen innerhalb einer Halbzeit das Verletzungsrisiko minimiert.



Es bestehen keine Interessenskonflikte.


 
Dr. med. Tobias Heising
Dr. med. Tobias Heising
Assistenzarzt
Notfallmedizin
Marienhospital Klinik für Innere Medizin Kardiologie, Nephrologie
 
Bischofsstr. 1
49074 Osnabrück
 
E-Mail: heising@medimeisterschaften.com


 
Prof. Dr. Horst Rieger
Prof. Dr. Horst Rieger
Chefarzt der Abteilung Unfallchirurgie, Orthopädie, Handchirurgie und Sportmedizin
Clemenshospital Münster
 
Düesbergweg 124
48153 Münster
 
Tel: 0251 / 976-2391
Fax: 0251 / 976-2392
E-Mail: chirurgie3.clemenshospital@alexianer.de


 

Literatur:

1. Bollen, S.: Epidemiology of kneeinjuries: diagnosis and triage. The British Journal of Sports Medicine 2000; 34: 227-228.
2. Brophy, R.; Voos, J.; Shannon, F. et al.: Changes in the Length of Virtual Anterior Cruciate Ligament Fibers During Stability Testing. The American Journal of Sports Medicine 2008; 36: 2196-2203.
3. Petersen, W.; Zantop, T.: Anatomy of the anterior cruciate ligament with regard to its two bundles. Clinical Orthopaedics and Related Research 2007; 454: 35-47.
4. Rupp, S.; Kohn, D.: Vorderes Kreuzband im Mittelpunkt des Interesses.Der Orthopäde 2002; 31: 701.
5. Henne-Bruns, D.; Kremer, B.; Dürig, M.: Chirurgie. 4. Auflage. Stuttgart: Thieme; 2012.
6. O’Donoghue, D. H.: Surgical treatment of fresh injuries to the major ligaments of the knee. The Journal of Bone and Joint Surgery 1950; 32: 721-738.
7. Grund, T.: Biomechanische Analyse des Einflusses des Fußballschuh-Stollendesigns auf die Belastungen im vorderen Kreuzband (Dissertation). Koblenz, Baden-Württemberg: Universität Koblenz-Landau; 2010.
8. Thomson, A.; Whiteley, R.; Bleakley, C.: Higher shoe-surface interaction is associated with doubling of lower extremity injury risk in football codes: a systematic review and meta-analysis. British Journal of Sports Medicine 2015; 49: 1245-1252.
9. Boutellier, U.; Ulmer, H.-V.: Sport-und Arbeitsphysiologie. In: Schmidt, R. F. (Hrsg.); Lang, F. (Hrsg.); Heckmann, M. (Hrsg.): Physiologie des Menschen: mit Pathophysiologie. 30. Aufl. Berlin, Stuttgart: Springer; 2007: 929-952.

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