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12. Dezember 2019
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Musik und Schmerztherapie

Seit jeher wurde der entspannende, ablenkende und stimmungsaufhellende Effekt von Musik genutzt (Abb. 2) (32, 33). Athanasius Kircher (1602-1680), Jesuitenpater und Universalgelehrter, erörterte in seiner „Phonurgia nova“ von 1673 ausführlich die heilsame Wirkung der Musik. In der im Jahr 1684 unter dem Namen „Neue Hall- und Tonkunst“ ins Deutsche übertragenen Fassung heißt es: „Die Nerven und musculi in dem menschlichen Leibe werden wie die Saiten eines Instruments durch die Music beweget. … Die Lebensgeister, … so in dem Herzen sich aufhalten, werden nach der Bewegung des äußerlichen Tones beweget, … daher auch ein um Sorgen abgemattetes und gleichsam welkes Gemüt sich wiederum erholet und erfrischet wird“ (34). Diese Aussage deckt sich inhaltlich mit der in vielen klinischen Studien gewonnenen Erkenntnis, dass das Hören von bestimmter Musik sowohl bei akuten als auch bei chronischen Schmerzen eine bemerkenswerte Schmerzhemmung sowie eine Verbesserung der Schlaf- und der gesamten Lebensqualität bewirkt (32, 33, 35-37). Eine Studie der Gruppe von Bernatzky aus Salzburg (36) randomisierte 65 Patienten mit schmerzhaften Wirbelsäulensyndromen (low back pain) während eines stationären Rehabilitationsverfahrens entweder in eine Gruppe mit Musik und Entspannungsanleitung und einer standardisierten physikalischen Therapie oder in eine zweite Gruppe ohne additive Musikanwendung. Die Musiktherapie bestand aus einer speziellen, zur Anwendung bei Schmerzzuständen entwickelten Musik, welche mittels CD und Kopfhörer mindestens 1x täglich (30 Minuten) über 3 Wochen gehört wurde. Es zeigte sich, dass sich sowohl das globale Schmerzempfinden, ermittelt mit Hilfe der visuellen Analogskala, als auch der Druckschmerz an der Wirbelsäule unter der Musiktherapie signifikant verbesserte. Auch die subjektive Behinderung konnte nur in der Gruppe der Musikanwender deutlich gebessert werden. Als zusätzlich interessant erwies sich die Tatsache, dass die Musiktherapie einen positiven Einfluss auf die Schlafstörungen bei chronischem Kreuzschmerz zeigte (36).

Insgesamt gibt es zahlreiche klinische Anwendungen für eine Musiktherapie in der Schmerzbehandlung bei gut umschriebenen Indikationen, z.B. auch in der peri- und postoperativen Situation (38). Eine Cochrane-Analyse von Cepeda et al. (39) zur Schmerzlinderung durch Musik mit 51 Studien (n=3.663) zeigte, dass das Anhören von Musik die Schmerz¬intensität und die Opioid-Einnahme reduzieren kann. Die angenommenen Vorteile sind allerdings eher klein und ihre klinische Bedeutung etwas unsicher.

Potenzielle Vorteile der Musiktherapie sind dabei allerdings die vergleichsweise niedrigen Kosten, die einfache Anwendung und gute Verfügbarkeit, sowie die hohe Sicherheit des Verfahrens, denn spezifische Nebenwirkungen sind nicht zu erwarten (32, 39). Einschränkend bleibt dennoch festzuhalten, dass sich Patienten, denen ein Zugang zur Musik fehlt, ausgegrenzt fühlen können, außerdem müssen bei aktiver Musikgestaltung die oft begrenzten körperlichen Ressourcen berücksichtigt werden. Zudem kann Musik gerade in der Palliativmedizin den Patienten sehr unangenehm an seine veränderte Lebenssituation erinnern (40). Viele biologische Untersuchungen zeigen mittlerweile auch, dass Musik Wirkungen auf subkortikale Zentren des Gehirns ausübt und starken Einfluss auf die psychische und physiologische Situation des Organismus hat und dadurch angst- und schmerzlindernd wirkt (41). Aber im Gegensatz zur medikamentösen Therapie existieren in der Therapie mit Musik kaum verbindliche Richtlinien. Völlig unklar ist auch die Langzeitwirkung der Musik (32).
 

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