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12. Dezember 2019
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Fachinformation


Musik in der Palliativmedizin

Musik spricht den Menschen auf vielen verschiedenen Ebenen an, der beruhigende und schmerzlindernde Effekt ist bekannt (32, 38, 39) und auch zahlreiche andere positive Effekte von Musik, wie z.B. Linderung der Angst und der Unruhe lassen sich gerade in der Palliativmedizin sinnvoll nutzen (32, 40, 42, 43). Die Musiktherapie erstreckt sich in Abhängigkeit vom Charakter der verwendeten Musik in 2 verschiedene Richtungen (32): Entweder kann eine Aktivierung des Patienten angestrebt werden, wobei es sich um eine rein körperliche Aktivierung oder um eine emotionale Neuorientierung handeln kann, oder es wird Entspannung zum Ziel gesetzt, wobei es um die Lösung von körperlichen Verspannungen bzw. um die Beseitigung von psychischen Spannungen, wie z.B. Angst, gehen kann. Um eine aktivierende Wirkung zu haben, muss die Musik in den meisten Fällen eine mittlere bis große Lautstärke und ein schnelles Tempo, eventuell mit häufigen Lautstärkeveränderungen und Tempowechseln, aufweisen. Zusätzlich sollten ein weiter Tonumfang und ein mind. mittlerer harmonikaler Komplexitätsgrad gegeben sein. Eine beruhigende Wirkung wird dagegen normalerweise bei geringer Lautstärke und langsamem Tempo, mit wenigen Lautstärkeveränderungen und Tempowechseln, erreicht. Dabei soll der Tonumfang eng sein und eine geringe harmonikale Komplexität vorliegen (32). Es gibt allerdings auch zahlreiche Fälle, in denen die Musik von diesen Regeln abweicht.

Die möglichen Kombinationen der musikalischen Charakteristika Tempo, Rhythmik, Dynamik, Klangfarbe, Melodik und Harmonik sind so vielfältig, dass es nicht möglich ist, einfache schematische Zuordnungen von musikalischen Parametern und musikalischem Ausdruck vorzunehmen (44). Auch ist es schwierig, Empfehlungen zur Verwendung bestimmter Instrumente zu geben (45).Grundsätzlich werden mind. 2 wesentliche Indikationsbereiche unterschieden: 1. Die körperlich-sinnliche Wirkung: Klänge wirken direkt auf die Physis. Dabei können sie durch Resonanzphänomene Sensationen auslösen oder abwehren. Diese Wirkung ist v.a. im Umgang mit Symptomen und zur Schmerzlinderung durch Entspannung von Bedeutung. Und 2. die seelische Wirkung: Sie besteht darin, dass bei der Hörerfahrung oder auch beim Spielen Emotionen, Assoziationen, Phantasien, Bilder etc. wachgerufen werden. Diese Wirkung dient dem Zugang zum inneren Erleben (32, 46). Daraus ergeben sich laut Darstellung von Delhey folgende Indikationen für eine Musiktherapie in der Palliativmedizin (46):
  • Schmerz- und Angstzustände,
  • extreme körperliche Spannungen,
  • Schlaflosigkeit,
  • Atembeschwerden,
  • Rückzug, Depression,
  • Schwierigkeiten in Hinblick auf die Krankheitsverarbeitung.

Wie integriert man nun Musik in den praktischen Alltag einer Palliativstation? Die Antwort ist mehrdimensional und soll an Hand eines Beispiels aus der eigenen klinischen Erfahrung aus dem Südharz-Klinikum Nordhausen erläutert werden. In Eckpunkten lautet sie jedoch: Organisatorisch von der Spitze der Einrichtung über tragende Mitarbeiter bis hin zum gesamten Team; in der Umsetzung zunächst aus dem Ehrenamtsbereich, dann über die Einbindung von Honorarkräften bis hin zur Anwendung in der Routine (Top-down- und Bottom-up-Modellierung).
Ein Fundraising-Projekt der Schwimmer des SV Nordhausen 90 stand am Anfang unserer gemeinsamen Arbeit. Durch die Teilnahme an einem 24-Stunden-Schwimmen sammelten die Jugendlichen genügend Geld für ein E-Piano, das sie 2014 der Palliativstation überreichen konnten. Mit diesem Instrument organisieren die Sportler und ihre Trainerin seitdem jährlich 4-6 Konzerte (Abb. 6), die in den Räumlichkeiten der Palliativstation stattfinden. Die Konzerte werden auf Station und im Klinikum angekündigt, dauern 30-45 Minuten, sind kostenlos und frei zugänglich. Je nach Wunsch der Patienten sind verschiedene Szenarien denkbar: Die Zimmertür kann geöffnet, die Musik dort individuell gehört werden. Andere Patienten lassen sich im Bett zum Instrument schieben und nutzen die Möglichkeit des direkten Austauschs mit den Künstlern. Mobile Patienten nehmen auf den Plätzen rund um das Klavier Platz und verfolgen direkt bzw. geben Musikwünsche an die jungen Musiker unmittelbar weiter.

Für die Mitarbeiter der Palliativstation bedeuten die Konzerte zunächst zusätzliche Arbeit: Es müssen die Patienten eingeladen, Stühle herangeholt und aufgestellt werden – und letztlich wird der routinierte Alltag durchbrochen. Insbesondere während der Konzerte muss mit Rücksicht auf die Musik dennoch die Versorgung der Patienten aufrechterhalten werden. Hierzu bedarf es der Aufforderung und Unterstützung durch die Klinikleitung und des kommunikativen Miteinanders zwischen Musikern, Ehrenamtlichen und den Mitarbeitern der Abteilung.

Nach etwa 3 Jahren hatten sich die Konzerte soweit etabliert, der Ablauf standardisiert und es gab eine Stabilisierung mit etwa 25 Zuhörern pro Konzert, zufriedenen Mitarbeitern und einem Stamm von 12 Musikern aus dem Kreis der Schwimmer, die dieses Angebot aufrechterhalten. Kern dieses Angebots ist damit die rezeptive Aufnahme von Musik auch für Schwerstkranke. Sie ist manchmal Ansatzpunkt für weitere Gespräche und Biografiearbeit, hat aber auch als reiner Musikgenuss seine Berechtigung und Akzeptanz. 2017 erweiterten wir unser musiktherapeutisches Angebot um individuelles aktives Musizieren, das Patienten gemeinsam mit einer Musiklehrerin in kleiner Gruppe oder im Patientenzimmer am Krankenbett durchführen. Einmal pro Monat kommt die Musikerin mit ihrer Gitarre auf unsere Station, stellt ihre Lieder vor und musiziert mit den Kranken. Thematisch wechselnd stellt die Künstlerin vorgelesene Passagen, Gitarrenmusik und Rhythmusinstrumente zusammen und lädt zum Mitmachen ein. Dieses musiktherapeutische Angebot wird während der ärztlichen Visite mit dem Patienten vorbereitend besprochen und dann wie andere Behandlungen auf der Station (Physiotherapie, Ergotherapie, Sporttherapie) in den Behandlungsalltag integriert. Die Zeit pro Patient liegt in etwa bei 15 Minuten, in Kleingruppen kann bis zu 30 Minuten gearbeitet werden. Nach anfänglichen Korrekturen im angebotenen Programm (weniger Vokal-, sondern mehr Instrumentalmusik) ist die Akzeptanz bei unseren Patienten ausgesprochen hoch; die Zeit der Musiktherapie benötigt jedoch einen erhöhten Aufwand an Seelsorge bzw. psychologischer Begleitung, die vom Team der Palliativstation erbracht werden muss. Insbesondere durch aktives Musizieren werden Patienten innerlich stark berührt und müssen entsprechend begleitet werden. Die Kosten für die Musiktherapeutin werden aus dem laufenden Fundraising der Schwimmer getragen, das durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit inzwischen über ein Sponsorennetz verfügt. Ein drittes Standbein der Musik ist unsere Klinikseelsorgerin mit ihrer Gitarre, die wöchentlich auf der Station zum Mitsingen einlädt und auch an das Patientenbett geht. Ihre Ausbildung als Gemeindepädagogin ermöglicht uns dieses niederschwellige Angebot. Es wird von nahezu jedem Patienten angenommen – unabhängig von konfessioneller Bindung. Die Festanstellung der Seelsorgerin garantiert eine einfache Einbindung in den Alltag der Klinik. Zusammengefasst haben wir nach 5 Jahren ein differenziertes Angebot aus Gesang und Musik zum Mitmachen (aktives Musizieren), das sowohl gezielt therapeutisch als auch im Sinne von Ergotherapie genutzt werden kann. Die ehrenamtlichen Konzerte auf der Station bringen Musik zu den Kranken, durchbrechen die soziale Isolation der Betroffenen und stellen für das Team inzwischen einen Teil von Spiritual Care in der Palliativbetreuung dar. Diese individuellen praktischen Erfahrungen lassen sich gut in zahlreichen Publikationen in der Literatur wiederfinden und spiegeln den hohen Nutzen von Musik in der Palliativsituation wider (32, 42, 43). Über die genannten Punkte hinaus fördert Musik in der Palliativmedizin auch die Kommunikation zwischen dem Patienten und seiner Familie sowie den Mitarbeitern und ist damit ein wesentlicher Beitrag zur Verbesserung der Lebensqualität (32, 40, 47, 48).
 
Abb. 6: Alle 4-6 Wochen organisieren Jugendliche ein Konzert in den Räumlichkeiten der Palliativabteilung in Nordhausen, welches gut angenommen wird.
 

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