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Medizin

10. September 2020 Multiple Sklerose: Infektprophylaxe per Impfung

Bei Patienten mit Multipler Sklerose ist es wichtig, für einen effektiven Impfschutz gegen Infektionserkrankungen zu sorgen. Dabei sind bei Patienten unter einer Immuntherapie generell Totimpfstoffe einzusetzen, Lebendimpfungen sind in diesen Fällen kontraindiziert, berichtete Professor Dr. Uwe Zettl aus Rostock bei der digitalen „MScience. MShift kompakt“-Veranstaltung. Dass auch unter einer immunmodulatorischen Therapie adäquate Immunantworten durch Impfungen zu erreichen sind, belegen Studien zu Teriflunomid (1, 2).
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Fachinformation
Das Thema Impfungen gegen Infektionskrankheiten wird in der Bevölkerung laut Zettl oft kontrovers diskutiert und es gibt nicht wenige Impfgegner, die den Nutzen von Impfungen in Abrede stellen und sogar Gefahren postulieren. Seit Beginn der Corona-Pandemie hat sich allerdings in weiten Teilen der Bevölkerung die Einstellung zum Impfen geändert, wie der Neurologe darlegte. Während zuvor immer wieder Stimmen gegen das Impfen laut wurden, gibt es derzeit große Hoffnungen, durch die Entwicklung eines effektiven Impfstoffs gegen SARS-CoV-2 die Pandemie eindämmen und sich selbst gegen die Infektion schützen zu können. Damit wird Impfgegnern Wind aus den Segeln genommen, so Zettl.

Kritik an der Impfung in puncto MS widerlegt

Zuvor standen Impfungen unter anderem auch im Hinblick auf die Multiple Sklerose (MS) stark in der Kritik. So wurde immer wieder behauptet, Impfungen könnten der MS den Weg bahnen. Befunde, die dies angeblich belegen, haben sich laut Zettl als falsch erwiesen: „Es gibt keinen validen Hinweis aus Kohortenstudien, dass eine Multiple Sklerose durch Impfungen ausgelöst oder dass sie in ihrem Verlauf durch Impfungen getriggert wird“, betonte der Neuroimmunologe.
Auch Behauptungen, die Schubhäufigkeit nehme bei der MS nach Impfungen generell zu, wurden nach Zettl inzwischen widerlegt. Vielmehr wurde gezeigt, dass auch Patienten mit MS von Impfungen durch einen Infektionsschutz profitieren (3). „Trotzdem geht es im täglichen Gespräch mit den Patienten beim Thema Impfung oft weniger um wissenschaftliche Erkenntnisse als mehr um irrationale Ängste“, erläuterte der Mediziner.

Zwischen aktiver und passiver Immunisierung unterscheiden

Zu differenzieren ist nach seinen Ausführungen zwischen einer aktiven und einer passiven Immunisierung. So wird bei der aktiven Immunisierung direkt das Antigen verabreicht, worauf der Körper mit einer Immunantwort reagiert, die anschließend als „immunologisches Gedächtnis“ erhalten bleibt. Bei der passiven Immunisierung werden hingegen Antikörper gegen Antigene des jeweiligen Erregers verabreicht, was eine vorübergehende Immunität zur Folge hat, nicht jedoch die Ausbildung eines immunologischen Gedächtnisses.

Welche Impfung bei der MS?

Generell ist nach Zettl bei Patienten mit Multipler Sklerose eine möglichst umfassende Infektprophylaxe mittels Impfungen anzustreben. Dies gilt insbesondere für Standard- und Indikationsimpfungen, wie sie von der Ständigen Impfkommission (STIKO) empfohlen werden (4). Diese sollten im Idealfall verabreicht werden, bevor eine immunmodulatorische Therapie begonnen wird.
Unter einer Immuntherapie sollten grundsätzlich nur Totimpfstoffe zum Einsatz kommen. Impfungen mit Lebendvakzinen sind dagegen zu vermeiden, da ein erhöhtes Infektionsrisiko für die geimpfte Infektionserkrankung besteht. Werden Patienten unter einer Immunsuppression geimpft, so ist laut Zettl mit einer reduzierten Immunantwort zu rechnen und gegebenenfalls nach der Vakzinierung eine Titerbestimmung zu diskutieren. Sind Totimpfstoffe unvermeidbar, sollte die Verabreichung am besten in einer Behandlungspause erfolgen. Keinesfalls sollte weder mit Totimpfstoffen noch mit Lebendvakzinen während eines akuten Schubs bei der MS geimpft werden.

Adäquate Immunantwort unter Teriflunomid

Dass unter der Behandlung mit Teriflunomid eine erfolgreiche Impfung möglich ist, wurde in Studien dokumentiert. Ein Beispiel hierfür ist die Studie TERIVA, eine multizentrische, multinationale Studie mit 120 Patienten, die eine saisonale Grippeschutzimpfung erhielten und mindestens sechs Monate vorher mit Teriflunomid oder Interferon beta-1 behandelt worden waren (1). Mehr als 90% der Patienten erreichten nach der Impfung Antikörper-Titer von mindestens 40 für den H1N1- und B-Erreger. Etwas geringer war der Titer für H3N2 unter Teriflunomid. Doch die Immunantwort lag in allen Bereichen im Rahmen der Vorgaben der Europäischen Leitlinien für die Grippeschutzimpfung im Alter von 16-60 Jahren.
In einer weiteren Studie wurde getestet, inwieweit Patienten unter Teriflunomid auch eine Immunantwort auf Neoantigene wie auf Recall-Antigene ausbilden. Die Patienten wurden primär mit einem Tollwutvakzin geimpft und erreichten den Grenzwert für eine Seroprotektion von mindestens 0,5 IU/ml. Es zeigte sich ferner, dass auch bei der Immunantwort auf Recall-Antigene die Vorgaben der Europäischen Leitlinien erfüllt wurden. In den Studien blieben unter Teriflunomid die mittleren Lymphozyten- und Neutrophilenzahlen im Allgemeinen im Normbereich. Die Immunantworten auf die Impfungen lagen im Rahmen der Vorgaben der Europäischen Leitlinien und es resultierte kein erhöhtes Infektionsrisiko im Vergleich zu Placebo.

Quelle: Sanofi

Literatur:

(1) Bar-Or A et al., Neurology 2013; 81 (6): 552-558
(2) Bar-Or A et al.,  Neurol Neuroimmunol Neuroinflamm 2015; 2 (2): e70
(3) Zrzavy T et al., Front Immunol 2019; 10: 1883
(4) Empfehlungen der Ständigen Impfkommission (STIKO) https://www.rki.de/DE/Content/Kommissionen/STIKO/Empfehlungen/Impfempfehlungen_node.html (letzter Zugriff 24.06.2020).


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