Die Rheuma-Versorgung ist akut gefährdet
Birgit Frohn Dipl. biol.Die Versorgungssituation von Menschen mit entzündlich-rheumatischen Erkrankungen spitzt sich immer mehr zu. Dass der fachärztliche Nachwuchs fehlt, ist nur einer der Gründe dafür. Auch der demographische Wandel und besonders der bis dato zu gering bewertete Stellenwert der Rheumatologie spielen zentrale Rollen. Allen in allem gesehen ist dringendes Handeln erforderlich, um eine dramatische Unterversorgung der Rheuma-Patient:innen in Deutschland zu verhindern.
Derzeit leiden etwa 1,8 Millionen Erwachsene [1] und 20.000 Minderjährige [2] in Deutschland an entzündlich-rheumatischen Erkrankungen (ERE). Die häufigsten Formen sind bei Erwachsenen die rheumatoide Arthritis und Spondyloarthritiden, bei Kindern und Jugendlichen die juvenile idiopathische Arthritis. Die Gesamtzahl von Patient:innen mit muskuloskelettalen Erkrankungen, der wichtigsten Ursache von anhaltenden Schmerzuständen und Funktionseinschränkungen, addiert sich bundesweit auf insgesamt über 18 Millionen [3]. Alle diese Menschen benötigen zur Sicherung ihrer Lebensqualität und der Verdienstmöglichkeit – mehr als die Hälfte der Betroffenen ist im erwerbstätigen Alter – eine lebenslange Betreuung durch Rheumatolog:innen.
Verzögerter Behandlungsbeginn kann zu Folgeschäden führen
Dank moderner Medikamente und Therapien lassen sich die Krankheitsverläufe von ERE heute meist erfolgreich kontrollieren. Das kann es den Betroffenen ermöglichen, ein weitgehend normales Leben ohne Schmerzen zu führen. Auch schwerwiegende Folgeschäden können sich mit den heutigen Behandlungsoptionen vermeiden lassen. „Jedoch nur, wenn die Therapie frühzeitig beginnt“, gibt der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e. V. (DGRh), Prof. Dr. med. Ulf Wagner aus Leipzig zu bedenken. Was kaum geschieht: „Das medizinisch empfohlene Ziel, binnen sechs Wochen nach Beginn der Symptome eine rheumatologische Erstvorstellung zu ermöglichen, wird klar verfehlt“, so Prof. Wagner. Die Wartezeit auf einen Termin beträgt indessen bei Patient:innen mit berechtigtem Verdacht auf ERE häufig zwischen drei bis sechs Monaten. Mit einem derart verzögerten Therapiebeginn sinken die erwähnten guten Chancen auf eine erfolgreiche Kontrolle der entzündungsbedingten Gelenkschäden ganz erheblich [4]. Das kann lebenslange Einschränkungen der Betroffenen zur Folge haben.
Akuter Mangel an Rheumatolog:innen
Für die so wichtige frühzeitige, adäquate und lebenslange Versorgung von ERE-Patient:innen stehen schlichtweg zu wenige Fachärzt:innen zur Verfügung. Laut Prof. Wagner fehlen bereits heute etwa 700 Rheumatolog:innen [5]. Zudem, so der Leipziger Experte weiter, „ist ein Drittel der Fachärzte über sechzig Jahre alt und wird in den kommenden Jahren in den Ruhestand gehen. Darüber hinaus sind auch viele nur in Teilzeit tätig“. Wie sich schon jetzt abzeichnet, wird die Zahl der neuen Facharztabschlüsse nicht genügen, um diese Verluste auszugleichen. Was die aktuell stark angespannte Versorgungssituation weiter verschärfen wird, ist nach den Worten von Prof. Wagner der demographische Wandel: „Mit dem Hineinwachsen der geburtenstarken Jahrgänge ins höhere Lebensalter ist in den kommenden Jahren mit einer weiteren Zunahme entzündlich-rheumatischer Erkrankungen zu rechnen“.
Zur medizinisch adäquaten Versorgung der der rund 1,8 Millionen ERE-Patienten in Deutschland werden an die 1.350 Rheumatologen benötigt. Aktuell gibt es etwa 700. Um das künftig zu ändern, müssten jährlich 70 bis 80 neue rheumatologische Fachärzte in Klinik und Praxis dazukommen.
Dringender Handlungsbedarf
Angesichts der desolaten Situation appelliert die Fachgesellschaft DGRh eindringlich an Politik und Kostenträger, jetzt zu handeln, um auch in Zukunft Millionen Patient:innen flächendeckend stabil versorgen zu können. In diesem Zusammenhang hat sie bereits im August 2024 ein Memorandum verfasst [6]. Um die fachärztliche Betreuung nachhaltig zu sichern, wird darin die Schaffung von mindestens hundert zusätzlichen Weiterbildungsstellen bis 2029 gefordert. Zentral wichtig ist weiterhin eine strukturelle Stärkung der Rheumatologie in der universitären Lehre. Denn bislang verfügen nur zehn der 38 staatlichen Universitäten über eigenständige Lehrstühle für diese Disziplin. Um mehr Studierende zu erreichen, müssten alle 36 medizinischen Fakultäten in Deutschland rheumatologische Lehre anbieten. Mindestens jede zweite Fakultät sollte darüber hinaus über einen eigenständigen rheumatologischen Lehrstuhl verfügen. Zudem müssen sektorenübergreifende Versorgungsmodelle wie Frühsprechstunden, die Delegation an Fachassistenzpersonal, strukturierte Patientenschulungen und digitale Konzepte unterstützt und finanziert werden. Vor dem Hintergrund des Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetzes (KHVVG) fordert die DGRh zudem gemeinsam mit dem Verband Rheumatologischer Akutkliniken (VRA), die besonderen Bedürfnisse der Rheumatologie in der Krankenhausplanung zu berücksichtigen und statt einer pauschalen Fallzahlkonzentration eine differenzierte Planung für eine flächendeckende qualitätsgesicherte Versorgung sicherzustellen.(
Auch der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) sieht Handlungsbedarf: Bisher ist ein Versorgungsanteil von acht Prozent der Fachinternisten für Rheumatologie reserviert, eine Anhebung auf zehn Prozent bis Ende 2026 wird geprüft.
Wir haben hochwirksame Medikamente und sektorenübergreifende Ansätze entwickelt. Doch sie können nur wirken, wenn genügend Rheumatologen zur Verfügung stehen und die Versorgung – ob stationär, ambulant oder sektorenübergreifend – angemessen finanziert wird.
rhmtlgy: engagiert für die Zukunft der Rheumatologie
Diese Kampagne mit dem schwer auszusprechenden Namen macht sich bundesweit für eine bessere Versorgung von Menschen mit rheumatisch-entzündlichen Erkrankungen stark. Vom Bündnis für Rheumatologie als rheuma2025 gestartet, führt die Rheumaakademie die Kampagne seit Januar 2025 strategisch und operativ fort. Ihr neuer Name rhmtlgy soll klarmachen, dass über 2025 hinaus gedacht wird. Mit klaren Zielen: rheumatologische Akutkliniken erhalten, zusätzliche Weiterbildungsstellen orientiert am tatsächlichen Bedarf schaffen, Niederlassung erleichtern und mehr rheumatologische Lehre im medizinischen Studium verankern.
Rheinland-Pfalz führt vor, wie es gehen könnte
Wie eine Versorgung von Menschen mit rheumatischen Erkrankungen gut gelingen kann, zeigt der kürzlich vorgestellte Aktionsplan „Stärkung der rheumatologischen Versorgung in Rheinland-Pfalz“ [7]. Er fördert Aus- und Weiterbildung in der Rheumatologie, unter anderem durch ein neues Wahlfach im Medizinstudium und zusätzliche Weiterbildungsstellen in Kliniken. Zudem werden nichtärztliche Fachkräfte zu rheumatologischen Assistent:innen qualifiziert. Innovative Projekte wie TELE-RHEUMA plus ermöglichen ferner eine intensive telemedizinische Zusammenarbeit zwischen Allgemein- und Fachärzt:innen, um Diagnosen früher zu stellen und Therapien zu verbessern. Mit mobilen Informationsangeboten wie dem „Rheumabus“ werden darüber hinaus die breite Aufklärung der Bevölkerung sowie auch die Versorgung verbessert. Die DGRh und Prof. Wagner wünschen sich, „dass bundesweit die rheumatologische Versorgung als zentrale gesundheitspolitische Aufgabe erkannt und deren Verbesserung so entschlossen vorangetrieben wird wie in Rheinland-Pfalz“.
Quelle:Deutsche Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie e. V. (DGRh)
Literatur:
- (1)
Albrecht K et al. (2023) Systematisches Review zur Schätzung der Prävalenz entzündlich-rheumatischer Erkrankungen in Deutschland. Zeitschrift für Rheumatologie, DOI: 10.1007/s00393-022-01305-2
- (2)
Deutsche Gesellschaft für Kinder und Jugendmedizin e.V. Kinder- und Jugendrheumatologie, abrufbar unter: https://www.dgkj.de/eltern/spezialisten-portraits/kinder-und-jugendrheumatologie
- (3)
Zink A et al. (2016) How frequent are musculoskeletal diseases in Germany? Zeitschrift für Rheumatologie, DOI: 10.1007/s00393-016-0094-2
- (4)
Lorenz HM et al. (2019) Improvement of prognosis by timely treatment: initial presentation within 6 weeks. Zeitschrift für Rheumatologie, DOI: 10.1007/s00393-019-0607-x
- (5)
Albrecht K et al. (2025) Quo vadis rheumatologische Versorgung in Deutschland? Neue Fachärztezahlen zum 31.12.2024. Zeitschrift für Rheumatologie, DOI: 10.1007/s00393-025-01720-1
- (6)
Memorandum der Deutschen Gesellschaft für Rheumatologie und Klinische Immunologie, Zeitschrift für Rheumatologie, DOI: 10.1007/s00393-024-01539-2
- (7)
Pressemeldung Ministerium für Wissenschaft und Gesundheit Rheinland-Pfalz, 2. Oktober 2025, abrufbar unter: https://mwg.rlp.de/service/pressemitteilungen/detail/gesundheitsminister-clemen-hoch-wir-verbessern-die-versorgung-fuer-rheuma-patienten-im-land