Donnerstag, 30. Juni 2022
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Diabetes mellitus Typ 1

Diabetes mellitus Typ I

von Palma Pelaj

Diabetes mellitus Typ 1
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2021 lag die Diabetesprävalenz in Deutschland bei 8,5 Mio. Menschen. Davon sind ca. 5–10% an Diabetes mellitus Typ 1 erkrankt und ca. 90% an Diabetes Typ 2. Finnland hat weltweit die höchste Prävalenz (= Anzahl der Menschen mit einer bestimmten Krankheit) von Diabetes mellitus Typ 1 (64.2/100.000 Einwohner:innen). Die höchste Inzidenz (= Anzahl der Menschen mit Neuerkrankung) wird in der Kindheit und Jugend beobachtet. Diabetes mellitus Typ 1 kann aber in jedem Alter auftreten. Umgangssprachlich wird die Diabetes-Erkrankung auch als „Zuckerkrankheit“ bezeichnet.
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Was ist Diabetes mellitus?

Der Begriff Diabetes mellitus beschreibt eine metabolische Störung von multipler Ätiologie (zugrundeliegende Ursache der Erkrankung), die durch eine chronische Hyperglykämie (dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel) mit Störungen des Kohlenhydrat-, Fett- und Proteinstoffwechsels charakterisiert wird, die aus Defekten der Insulinsekretion, Insulinwirkung oder beidem resultieren. Unterschieden wird zwischen 4 Diabetes-Formen: Diabetes mellitus Typ 1, Diabetes mellitus Typ 2, dem seltenen Typ-3-Diabetes und der sogenannten Schwangerschafts- oder Gestationsdiabetes.
 
 

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Was ist Diabetes Typ 1?

Bei Diabetes mellitus Typ 1 handelt es sich um eine Autoimmunerkrankung. Das heißt, dass körpereigene Zellen vom Immunsystem (durch T-Zellen) angegriffen werden. Der Körper greift sich also selbst an. Beim Diabetes Typ 1 werden die insulinproduzierenden Zellen der Bauchspeicheldrüse, die sogenannten Beta-Zellen,  zerstört. Das Hormon Insulin ist jedoch wichtig für die Aufnahme und Verteilung des Zuckers aus dem Blut. Wird nicht genügend Insulin produziert, kann der Körper den Zucker nicht aus dem Blut aufnehmen. Ein dauerhaft hoher Blutzuckerspiegel (chronische Hyperglykämie) ist die Folge und stellt unbehandelt ein hohes Risiko für die Entstehung von Folgeerkrankungen dar. Dieser Zustand tritt ein, wenn 80% der Betazellen zerstört werden. Diabetes mellitus Typ 1 bricht meist bereits im Kindes- oder Jugendalter aus, kann jedoch auch bei älteren Menschen auftreten.

Was ist der grundlegende Unterschied zwischen Diabetes Typ 1 und Diabetes Typ 2?

Bei beiden Diabetes-Typen liegen erhöhte Blutzuckerwerte vor. Der Unterschied liegt in der Ursache. Während bei Diabetes Typ-1 Insulin-produzierende Beta-Zellen zerstört werden, liegt beim Diabetes Typ 2 eine Insulinresistenz vor. Nimmt eine Person dauerhaft zu viel Zucker zu sich, kann sich eine Insulinresistenz entwickeln, das heißt, dass der Körper nicht mehr auf das Insulin reagiert. Die Folge ist wie beim Diabetes Typ 1 eine dauerhaft erhöhter Blutzuckerspiegel. Eine Insulinresistenz erhöht das Diabetes-Risiko sehr stark.

Was sind die Ursachen für die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 1?

Die Entstehung von Diabetes mellitus Typ 1 hängt sowohl von genetischen als auch von Umweltfaktoren ab. Diabetes mellitus Typ 1 ist in der Regel durch das Vorhandensein von Anti-GAD-, Inselzell- oder Insulin-Antikörpern gekennzeichnet, die Autoimmunprozesse identifizieren und zur Zerstörung der Beta-Zellen führen. Das genaue Zusammenspiel aus erblicher Disposition und Umweltfaktoren, die zur Entstehung der Krankheit führen, sind bislang jedoch noch nicht bekannt. Bei einer genetischen Veranlagung und einem ungesunden Lebensstil besteht jedoch ein erhöhtes Risiko für die Entstehung von Typ-1-Diabetes.
 
 

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Welche Symptome treten bei Diabetes mellitus Typ 1 auf?

Sobald 80% der Insulin-produzierenden Beta-Zellen zerstört sind, tritt ein absoluter Insulinmangel auf. Ab diesem Zeitpunkt dauert es Tage bis Wochen bis die ersten Symtome auftreten. Wenn der Körper über einen Zeitraum mehr Insulin benötigt, können auch früher Beschwerden auftreten. Das ist beispielsweise bei Dauerstress, einem größeren operativen Eingriff, Fieber oder bei der Einnahme bestimmter Medikamente (z. B. Kortison) der Fall.

Typische Symptome bei Typ-1-Diabetes sind:
 
  • Müdigkeit und Abgeschlagenheit
  • starker Durst
  • häufiges Wasserlassen (Polyurie)
  • ungewollter Gewichtsverlust
  • juckende, trockene Haut
  • Azetongeruch in der Atemluft
  • Bauchschmerzen
  • Erbrechen
  • Übelkeit
  • Seh- und Konzentrationsstörungen
  • Vitamin-D-Mangel
in schweren Fällen:
 
  • Bewusstseinstörungen, Bewusstlosigkeit
  • diabetische Ketoazidose (in der Folge: lebensgefährliches diabetisches Koma)

Wie wird Diabetes Typ 1 diagnostiziert?

Für die Diagnose von Diabetes mellitus Typ 1 wird in der Arztpraxis zunächst Blut abgenommen. Besteht ein Blutzuckerwert von ≤ 200mg/dl (11,1 mmol/l) – unabhängig davon, ob der Patient oder die Patientin vorher gegessen hat – deutet das auf das Vorliegen eines Diabetes hin. In diesem Fall wird im nächsten Schritt eine Messung vor der ersten Nahrungsaufnahme durchgeführt und im Labor untersucht. Wichtig ist hierbei der sogenannte HbA1c-Wert (Blutzucker-Langzeitwert), der Aufschluss über den durchschnittlichen Blutzuckerwert der vergangenen 2-3 Monate gibt.

Folgende Werte sind für die Diagnose ausschlaggebend:
 
  • Nüchternblutzuckerwert von ≤ 125 mg/dl (7,0 mmol/l)
  • HbA1c-Wert von ≤ 6,5% (48 mmol/l)
     
     

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weitere Testverfahren zu Diagnose von Diabetes Typ 1 sind:

oraler Glukosetoleranztest (oGTT) bei Diabetes

Beim oGTT wird eine venöse Blutannahme im nüchternen Zustand durchgeführt. Im Anschluss trinkt der Patient oder die Patientin innerhalb von 5 Minuten eine vorgefertigte Zuckerlösung mit 75g Glukose. Nach 1-2 Stunden wird erneut Blut abgenommen. Liegt ein Nüchternwert von ≤ 126 mg/dl oder ein 2-Stundenwert von ≤ 200 mg/dl vor, besteht eine gestörte Glukosetoleranz – es handelt sich um einen Diabetes.

Urintest bei Diabetes

Im fortgeschrittenen Stadium lässt sich ein Diabetes mellitus Typ 1 auch durch einen Urintest nachweisen. Liegt eine vermehrte Zuckerausscheidung vor, macht sich dieser durch eine Farbreaktion auf einem einfachen Teststreifen bemerkbar.

Testverfahren zur Früherkennung von Diabets mellitus

Antikörpertest bei Diabetes Typ1

Bei dem Verdacht auf Diabtes mellitus Typ 1 vor dem Auftreten der ersten  Anzeichen, kann ein Antikörpertest bereits sehr früh Insel-Autoantikörper im Blut nachweisen. Dieser Test wird auch eingesetzt, um festzustellen, ob es sich um Typ-1-Diabetes oder Typ-2-Diabetes handelt.

Wie wird Diabetes Typ 1 behandelt?

Da bei Diabetes mellitus Typ 1 (DT1) ein absoluter Insulinmangel vorliegt, muss dieser durch die externe Zufuhr von Insulin ausgeglichen werden. Wichtig ist, dass Diabetiker und Diabetikerinnen einen sehr genauen Überblick über die Erkrankung, ihren eigenen Körper und ihre Gewohnheiten haben. Die Höhe der benötigten Insulinzufuhrt hängt nämlich nicht nur von der Höhe des Blutzuckerwertes sondern auch von den Ess- und Trinkgewohnheiten, der körperlichen Aktivität, der Tageszeit, von hormonellen Veränderungen und entzündlichen Erkrankungen ab. Die Therapie ist also sehr patientenindividuell und erfordert zur erfolgreichen Behandlung ein hohes Maß an Selbstmanagement zu erfolgreichen Behandlung. Aus diesem Grund gewinnen sogenannte Disease-Management-Programme zunehmend an Bedeutung. DT1 ist zwar nicht heilbar, durch die richtige Behandlung können aber Beschwerden gelindert und Folgeerkrankungen vermieden werden.

Welche verschiedenen Insulintypen gibt es?

Es wird zwischen 4 Insulintypen unterschieden:
 
  • Kurzwirksame Insuline: relativ schneller Wirkbeginn (5–30 Minuten nach Injektion), Wirkdauer zwischen 2 und 8 Stunden
  • Intermediär wirksame Insuline: leicht verzögerter Wirkbeginn (ca. 2 Stunden nach Injektion), Wirkdauer zwischen 12 und 14 Stunden
  • Langwirksame Insuline: langsamer Wirkbeginn, Wirkdauer meist bis zu 24 Stunden
  • Mischinsuline: feste Kombination aus verschiedenen Insulintypen
     
     

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Welche verschiedenen Formen der Insulinbehandlung gibt es?

Die konventionelle Insulintherapie

Diese Behandlungsform ist für Diabetiker und Diabetikerinnen geeignet, die einen relativ gleichförmigen Tagesablauf haben. 2-mal täglich (vor dem Frühstück und vor dem Abendessen) werden intermediäre oder langwirksame Insuline gespritzt. Es ist auch möglich diese Insuline mit einem kurzwirksamen Insulin zu kombinieren, falls dazu Bedarf besteht. Um die Wirkung des Insulins auszugleichen, muss regelmäßig und in festgelegter Menge Nahrung aufgenommen werden. Bewegt sich der oder die Betroffene viel, muss das durch eine zusätzliche Zwischenmahlzeit ausgeglichen werden.

Da der Lebensstil an die Wirkung des Insulins angepasst werden muss, geht diese Therapieform mit einer relativ starren Lebensführung einher. Im Vergleich zu intensivierten Insulinbehandlung beugt diese Therapieform außerdem schlecht Folgeerkrankungen vor. Aus diesen Gründen wird die konventionelle Insulinbehandlung nur eingesetzt, wenn eine intensivierte Insulintherapie nicht möglich ist.

Die intensivierte Insulintherapie

Im Gegensatz zur konventionellen Insulinbehandlung wird die Insulinmenge an die Essensmenge und die körperlichen Bewegung angepasst. Daher muss eine regelmäßige Blutzuckermessung erfolgen, um im Anschluss die erforderliche Menge Insulin mehrmals täglich zu spritzen oder mithilfe einer Insulinpumpe zuzuführen. Nach dem Basis-Bolus-Prinzip wird lang- und kurzwirksames Insulin zugeführt. 1- bis 2-mal täglich wird ein langerwirksames Insulin, das sogenannte Basal- oder Basisinsulin, gespritzt, um den Grundbedarf zu decken. Das kurzwirksame Insulin, das sogenannte Bolusinsulin, wird dann zusätzlich vor jeder Mahlzeit zugeführt. Neben der Möglichkeit einer deutlich flexibleren Lebensgestaltung besteht bei dieser Behandlungsform der Vorteil, dass insbesondere Folgeerkrankungen der Augen, des Nervensystems und der Niere vorgebeugt wird.

Medikamentöse Therapie mit Dapagliflozin

Der Wirkstoff Dapafgliflozin ist seit 2019 zur Behandlung von DT1 zugelassen und darf bei Diabetiker:innen mit einem BMI ab 27kg/m2 ergänzend zur Insulintherapie eingesetzt werden, wenn der Blutzuckerspiegel nicht ausreichend gesenkt wird. Der Vorteil dieser Behandlung besteht darin, dass der Blutzuckerspiegel besser kontrolliert werden kann. Jedoch treten häufig Nebenwirkungen wie Magen-Darm-Erkrankungen und Genitalinfektionen auf. Während für die Behandlung des Diabetes Typ 2 mehrere orale Antidiabetika zur Verfügung stehen, handelt es sich bei Dapagliflozin um die einzige orale Therapie bei Diabetes Typ 1.

Weitere Informationen zur Behandlung des DT1 entnehmen Sie der S3-Leitlinie der Deutschen Diabetes Gesellschaft.

Ernährung bei Diabetes mellitus Typ 1

Betroffene dürfen prinzipiell jedes Nahrungsmittel zu sich nehmen. Natürlich sollten jedoch Lebensmittel mit hohem Zuckergehalt weitestgehend vermieden werden. Eine gesunde Ernährung bei T1D sollte jedoch vor allem aus folgenden Lebensmitteln bestehen:
 
  • Obst
  • Gemüse
  • Vollkornprodukte
  • pflanzliche Öle
     
     

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Welche Folgeerkrankungen können bei Diabetes Typ 1 auftreten?

Wird die Behandlung über einen längeren Zeitraum nicht richtig durchgeführt, drohen folgende gesundheitliche Schäden:
 
  • schlechte Wundheilung
  • Sehstörungen
  • Herz-Kreislauf-Erkrankungen
  • diabetischer Fuß (diabetisches Fußsyndrom)
  • Netzhautschäden der Augen, im schlimmsten Fall Erblindung (diabetische Retinopathie)
  • Erkrankungen der Niere (diabetische Nephropathie)
  • Nervenschädigungen (diabetische Neuropathie)
  • bei kurzfristig zu hohen Werten: diabetische Ketoazidose (Übersäuerung des Blutes) – Folge: diabetisches Koma (Patientinnen und Patienten in Lebensgefahr)
Häufig leiden Patientinnen und Patienten mit Diabetes Typ 1 auch an anderen Autoimmunerkrankungen. Die am häufigsten auftretenden Autoimmunerkrankungen in diesem Zusammenhang sind:
 
  • Schilddrüsenerkrankungen (Schilddrüsenunterfunktion (Hypothyreose) und Schilddrüsenüberfunktion (Hyperthyreose))
  • Morbus Addison (Erkrankung der Nebennierenrinde)
  • Zöliakie (glutensensitive Enteropathie, Glutenunverträglichkeit)
  • Atrophische Gastritis (autoimmune chronische Typ-A-Gastritis; chronische Magenschleimhautentzündung)

Redaktion journalmed.de

Literatur:

1. World Health Organisation Department of Noncommunicable Disease Surveillance: Definition, Diagnosis and Classification of Diabetes Mellitus and its Complications. In: WHO/NCD/NCS/99.2. 1999, Stand 31.10.2016.
2. Songini M, Mannu C, Targhetta C et al. Type 1 diabetes in Sardinia: facts and hypotheses in the context of worldwide epidemiological data. Acta Diabetol. 2016 Sep 17. (Epub ahead of print).

 

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