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01. Oktober 2017
Seite 1/4
Cannabis auf Rezept: Fluch oder Segen?

Durch das am 10.03.2017 in Kraft getretene Gesetz „Cannabis als Medizin“ zur Änderung betäubungsmittelrechtlicher und anderer Vorschriften haben sich die Möglichkeiten zur Verschreibung von Cannabisarzneimitteln für Ärzte erweitert. „Schwerkranke Patientinnen und Patienten können künftig nach ärztlicher Verordnung Cannabis in Arzneimittelqualität durch die Gesetzliche Krankenversicherung erstattet bekommen. Das ist ein guter und wichtiger Schritt, um Schmerzen und Leid zu lindern“, meint Lutz Stroppe, Staatssekretär im Bundesgesundheitsministerium (1). Neben den bisherigen Therapie- und Verschreibungsmöglichkeiten für die Fertigarzneimittel Sativex® und Canemes® sowie das Rezepturarzneimittel Dronabinol können Ärzte künftig – unter Einhaltung der arznei- und betäubungsmittelrechtlichen Vorgaben – auch Medizinal-Cannabisblüten oder Cannabisextrakt in pharmazeutischer Qualität auf einem Betäubungsmittelrezept verschreiben (1).
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Schwerkranke Patienten können u.a. zur Behandlung von Schmerzen, Spastik, neurologischen Symptomen oder multiplen Beschwerden in der Palliativsituation Cannabinoide bzw. getrocknete Cannabisblüten und Cannabisextrakte als Medizin in kontrollierter Qualität erhalten. Dr. Johannes Horlemann, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) sieht vor allem eine wichtige Erweiterung therapeutischer Optionen: „Bestimmte Cannabinoide helfen
etwa bei Multipler Sklerose, lindern deutlich die Folgesymptome einer Chemotherapie bei Krebspatienten und stillen Schmerzen – bei chronischen Schmerzpatienten ebenso wie bei Menschen in der Lebensendphase“ (2).  
 
Canemes®(Nabilon) kann für die Behandlung Chemotherapie-bedingter Übelkeit und Erbrechen bei  Krebspatienten, die auf andere antiemetische Behandlungen nicht adäquat ansprechen, eingesetzt werden. Sativex® (Nabiximols) steht zur Symptomverbesserung bei erwachsenen Patienten mit mittelschwerer bis schwerer Spastik aufgrund von Multipler Sklerose (MS), die nicht angemessen auf eine andere anti-spastische Arzneimitteltherapie angesprochen haben, zur Verfügung (2). 
 
Welche Vor- und Nachteile verschiedene Cannabis-Arzneimittel haben, können im untenstehenden Interview, das JOURNAL OKOLOGIE mit der Apothekerin Margit Schlenk, NM VITAL Apotheke, Neumarkt, geführt hat, nachgelesen werden. In einem zweiten Interview mit Professor Dr. Michael A. Popp, Vorstandsvorsitzender und Inhaber von Bionorica SE, Neumarkt, erfahren Sie, welche Chancen sich durch die Zulassung eines Dronabinol-Fertigarzneimittels in der Schmerzmedizin bieten würden.   
 
Laut des BfArM hatten bisher etwa 1.000 Patienten eine Ausnahmeerlaubnis zum Erwerb von Cannabis zu medizinischen Zwecken (1). Lesen Sie in einem Statement von QuintilesIMS, wie sich die Anzahl der Verordnungen in den ersten Monaten nach Inkrafttreten der Gesetzesänderung entwickelt hat.
 
Der Import von Cannabis zu medizinischen Zwecken erfolgt derzeit aus Kanada und den Niederlanden. Die Cannabisagentur, die als neues Fachgebiet in der Abteilung „Besondere Therapierichtungen“ im BfArM eingerichtet wird, hat zum Ziel, die Versorgung schwerkranker Patienten künftig mit in Deutschland angebautem Cannabis in pharmazeutischer Qualität sicherzustellen (s. Statement des BfArM, DAC/NRF-Meldung). Es wird damit gerechnet, dass im Jahr 2019 in Deutschland angebautes Cannabis zur Verfügung stehen wird.
 
Da bislang nur begrenzte Informationen zu Wirksamkeit und Sicherheit bei der Anwendung von Cannabisblüten und nicht zugelassenen Cannabisextrakten, deren Verwendung durch die Gesetzesänderung nun möglich wird, vorliegen, führt die Bundesopiumstelle eine Begleiterhebung durch. Dazu melden Ärzte dem BfArM anonymisierte Daten zur Therapie mit Cannabisarzneimitteln über einen Zeitraum von 5 Jahren. Durch die Auswertung der Daten erhofft man sich neue Erkenntnisse, ob die Anwendung von Cannabisarzneimitteln in nicht zugelassenen Indikationen mehr Chancen als Risiken beinhaltet. Die gesammelten Daten könnten als Grundlage für die weitere klinische Forschung mit Cannabisarzneimitteln dienen mit dem Ziel, langfristig die Zulassung von Fertigarzneimitteln auf Cannabisbasis zu erreichen (1).
 
Auch vom diesjährigen Deutschen Schmerzkongresses in Mannheim (11.-14.10.2017), sind neue Erkenntnisse zu erwarten, für welche Patientengruppen Cannabis-basierte Arzneimittel sinnvoll sind und was beim Umgang mit Cannabisprodukten in der Schmerzmedizin zu beachten ist, denn Cannabis ist kein Allheilmittel in der Schmerztherapie, warnen Schmerzexperten. „Es besteht keine ausreichende Evidenz, dass cannabisbasierte Arzneimittel in der Therapie bei Tumorschmerzen, rheumatischen und gastrointestinalen Schmerzen oder bei Appetitlosigkeit bei Krebs und AIDS wirksam sind“, meint Professor Dr. Winfried Häuser, Kongresspräsident und Ärztlicher Leiter des Schwerpunktes Psychosomatik der Klinik Innere Medizin I des Klinikums Saarbrücken, nach Auswertung von 11 Studien zu diesem Thema (3). PD Dr. Stefanie Förderreuther, Präsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, betont: „Es müssen zunächst für jedes Krankheitsbild methodisch gut gemachte, randomisierte plazebokontrollierte Studien vorliegen, die den gewünschten Effekt einer Schmerzlinderung belegen und die Art, Schwere und Häufigkeit von Nebenwirkungen wie zum Beispiel Verwirrtheit oder Psychosen erfassen.“ Beide fordern, dass Cannabinoide nicht als isoliertes Therapieverfahren, sondern in Kombination mit physiotherapeutischen und schmerzpsychotherapeutischen Verfahren genutzt werden.


 
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