Impfstatus? Viel Verbesserungsbedarf
Birgit Frohn Dipl. biol.Die Lage der Nation beim Impfen könnte deutlich besser sein: allen Aufklärungsbemühungen zum Trotz sind die Impfquoten in Deutschland weiterhin niedrig. Was die Gründe dafür sind und wie sich der Impfstatus verbessern lässt, untersuchte der Impfgipfel des Tagesspiegels.
Impfen in Deutschland – ein Thema für sich, auch für große Medien. Der Tagesspiegel widmet sich ihm alljährlich. Dazu wurde erneut eine Expertenrunde aus Medizin, Wirtschaft und Politik eingeladen. Bei deren Sicht auf die Impfmüdigkeit der Bundesbürger:innen wurden zahlreiche verschiedene Facetten deutlich. Hier der Überblick dazu.
Impfen muss einfacher werden
Das ist nach Ansicht des niedersächsischen Ministers für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Gleichstellung Dr. Andreas Philippi, die wichtigste Voraussetzung gegen die Impfmüdigkeit: „Impfen muss einfacher umsetzbar sein und unkompliziert funktionieren“. Dazu gehört nach seinen Worten eine bessere Erreichbarkeit von Möglichkeiten zu einer Impfung. Die Angebote hierfür sollten außer in Arztpraxen auch in Apotheken und Unternehmen bestehen. „Das kann die Inanspruchnahme der Impfungen erheblich erhöhen“. Grundlegend dafür sind nach Ansicht von Dr. Philippi weniger Bürokratie und zudem bessere Aufklärung. Denn angesichts der vielen Falschinformationen im Internet werden verlässliche und verständliche Informationen zur Prävention, auch durch Impfungen, immer wichtiger. Darüber hinaus plädiert der niedersächsische Minister für eine Stärkung der Gesundheitskompetenz von Kindheit an. „Sie sollte als eigenes Fach bereits in den Grundschulen eingeführt werden“. Neben besseren Informationen zu gesunder Ernährung, ausreichend körperlicher Aktivität und Erster Hilfe könnten damit bereits den Schulkindern wichtige Grundlagen zur Notwendigkeit von Impfungen vermittelt werden.
„Erfolgreiche Impfpolitik braucht keine spektakulären Einzelmaßnahmen. Sondern verlässliche Strukturen, gute Aufklärung, pragmatische Zusammenarbeit der Beteiligten und einen konsequenten Blick auf den gesundheitlichen Nutzen.“
Impfhindernisse in der Praxis abbauen
Auch der niedergelassene Facharzt für Kinder- und Jugendmedizin, Dr. Thomas Fischbach aus Solingen spricht sich dafür aus, den Zugang zu Impfungen einfacher zu gestalten. Dazu gehört es nach seiner Ansicht auch, dass sich die Dauer der Umsetzung einer STIKO-Empfehlung von derzeit 1,5 Jahren dringend verkürzen muss. Darüber hinaus müssen Impfungen laut Dr. Fischbach im Hinblick auf deren Honorierungen für die Ärzteschaft interessanter werden: „Denn im Hinblick auf das GKV-Spargesetz stellt sich schon die Frage, ob Prävention künftig extrabudgetär abzurechnen sein wird.“ Was zu einem weiteren Problem überleitet: Neugeborene haben oftmals selbst nach drei Monaten noch keinen Versicherungsschutz. „Wir Pädiater impfen damit auf eigenes Risiko.“ Säuglinge sollten deshalb von Geburt an versichert werden.
Impfchancen besser nutzen
So lautet die Forderung von Dr. Julian Witte, Geschäftsführer der Vandage GmbH in Bielefeld. „In den Unternehmen und Kliniken wird wegen mangelnder Abrechnungsmöglichkeiten viel zu wenig geimpft.“ Das gilt nach seinen Worten auch für Pflegeeinrichtungen. Um die schlechte Impfquote zu erhöhen, plädiert Dr. Witte zudem für mehr Aufklärung: „Das Wissen in der Bevölkerung über das Impfen muss gestärkt werden. Dazu sollten auch vermehrt digitale Möglichkeiten wie etwa Apps der Krankenkassen zum Einsatz kommen.“ Weiterhin spricht sich der Gesundheitsökonom für einen elektronischen Impfpass zur Ablösung des bisherigen auf Papier aus.
„Impfen hat ein riesiges Kostenverminderungspotential. Es wird in Deutschland jedoch zu wenig genutzt. Dieser präventive Bereich sollte gestärkt werden, anstatt so viel in Hightech-Medizin zu investieren.“
Großer Pessimismus bei der Gesundheitsversorgung
Die Bundesbürger:innen blicken mit wachsender Sorge auf die künftige gesundheitliche Versorgung: acht von zehn geben in Umfragen an, dass sich diese verschlechtern wird. Das ist laut Judith Klose, Vice President Media & Marketing beim Berliner Meinungsforschungsunternehmen Civey, der bisher höchste Stand an Negativität beim Blick in die Zukunft: „Ein systemischer Grundpessimismus.“ Die Menschen im Land äußern in Befragungen überparteilich den Wunsch nach finanzieller Stabilität und besserer ärztlicher Versorgung, so Klose weiter. Nur 23% vertrauen allerdings darauf, dass der Regierung dies gelingt. „Eine dramatisch niedrige Zahl.“ Besonders in ländlichen Regionen ist das Vertrauen im Vergleich zu den Städten stark geschwunden. Darüber hinaus lässt sich ein deutliches West-Ost-Gefälle verzeichnen. „Im Osten ist Vertrauen nicht mehr vorhanden“. Das zeigt sich auch im Impfverhalten: in östlichen Bundesländern sind die Impfquoten niedriger. Besonders von AfD-Wählern werden Impfungen vermehrt abgelehnt.
Impfungen dürfen keine Kostenfrage sein
Vor dem Hintergrund „dramatisch zu niedriger Impfquoten“ warnt Han Steutel, Präsident des Verbands Forschender Arzneimittelhersteller e.V., eindringlich vor Sparmaßnahmen seitens der Regierung. „Die Ausgaben für Impfungen sollten nicht stabilisiert werden. Sonst erreichen wir nie die Impfziele“. Darüber hinaus würde dies die Produktionskapazitäten nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa stark verschlechtern. Gerade die Impfstoffhersteller benötigen nach seinen Worten zukünftig mehr Aufmerksamkeit und Produktionssicherheit. „In der Corona-Pandemie hat die Regierung sehr vernünftig reagiert und die Unternehmen konnten Produktionslinien zur Impfstoffherstellung freischaufeln.“ Ebenso wie Dr. Julian Witte befürwortet Steutel die baldige Einführung eines digitalen-E-Impfpasses. „Das Wichtigste ist dabei die Erinnerungsfunktion. Denn das kann die Impfquoten erhöhen.“
MdB Prof. Dr. Hendrik Streeck aus der CDU/CSU Bundestagsfraktion ist jedoch anderer Ansicht als Han Steutel: „Wir können uns die Kostenentwicklungen, auch bei Impfstoffen, nicht mehr leisten.“ Präventionsleistungen wie Impfungen können nach Streecks Worten auch nicht nur alleinige Sache des Gesundheitssystems oder der gesetzlichen Krankenversicherung sein. „Daran muss sich das Wirtschaftsministerium ebenfalls beteiligen. Das gilt insbesondere auch für die Standortattraktivität.“
Quelle:Impfgipfel 2026 am 7.10.26. Veranstalter: Tagesspiegel.