Migräne-Versorgung unter Sparzwang
Birgit Frohn Dipl. biol.Das seit Ende Juli 2026 geltende GKV-Spargesetz zur Beitragsstabilisierung bedroht auch die Verordnung individueller und personalisierter Therapien gegen Migräne: was effektiv hilft, kann damit gestrichen werden.
Von Migräne sind hierzulande inzwischen knapp 15% Frauen und 6% Männer betroffen [1]. Bei vielen von ihnen ist die Erkrankung so schwer ausgeprägt, dass sie in ihrem privaten und beruflichen Alltag stark eingeschränkt sind. Erschwerend hinzu addiert sich die Vielgestaltigkeit von Migräne.
Migräne ist nicht gleich Migräne
Ausprägung, Verlauf und vor allem Therapieansprechen sind von Patient zu Patient individuell sehr verschieden. Was erklärt, was PD Dr. Lars Neeb, Chefarzt der Klinik für Neurologie am Universitätsklinikum Brandenburg an der Havel zu bedenken gibt: „Nicht alle sprechen gleichermaßen auf dieselben Wirkstoffe an“. Angesichts dessen ist nach seinen Worten eine frühzeitige, individualisierte Auswahl aus einem breiten Spektrum an Behandlungsoptionen entscheidend für den Therapieerfolg. „So lassen sich unnötige Behandlungsversuche mit nicht optimal passenden Präparaten vermeiden, eine Chronifizierung der Migräne mit hohen Folgekosten verhindern und die Arbeitsfähigkeit der Betroffenen erhalten.“
Erfolgreiche CGRP-basierte Medikamente im Fokus
Die Wirkstoffe dieser Arzneimittelgruppe setzen an dem für Migräne spezifischen Calcitonin-Gene-Related-Peptide-Signalweg an. Diese Therapieoption hat sich mittlerweile bewährt. In Deutschland stehen derzeit verschiedene monoklonale CGRP(-Rezeptor)-Antikörper-Medikamente zur Verfügung – sowohl zur oralen wie zur subkutanen oder intravenösen Anwendung. Diese CGRP-basierten Medikamente haben die Behandlung schwerer Migräne bei Erwachsenen in den letzten Jahren entscheidend verbessert und eine stärker personalisierte Therapie ermöglicht [2]. Bereits in den jeweiligen Zulassungsstudien wurde deren hohe Effizienz belegt. Bei rund der Hälfte der mit CGRP-Antikörpern Behandelten kam es zu einer mindestens 50-prozentigen Reduktion der monatlichen Migräne-Tage. Große Real-World-Studien zu Erenumab, Galcanezumab und Fremanezumab bestätigten diese Ergebnisse mit 50%-Responderraten von 56 bis 77%. Eine Übersichtsarbeit mit 61 Studien und mehr als 18.000 Patient:innen ergab zudem, dass nach zwölf Wochen je nach Studienkollektiv 20,2 bis 73,8% der Behandelten sogar eine Reduktion der monatlichen Migräne-Tage um mindestens 75% erreichen können [3].
CGRP-basierte Therapien sind ein wesentlicher Fortschritt in der Migräne-Behandlung. Sie sind herkömmlichen Arzneimitteln in Wirksamkeit und Verträglichkeit deutlich überlegen
Billig vor leitliniengerecht und individuell wirksam
Das Ende Juli 2026 in Kraft getretene GKV-Spargesetz zur Beitragssatzstabilisierung soll nun die Therapiefreiheit bei der Verordnung dieser wirksamen und gut verträglichen CGRP-basierten Präparate stark einschränken. Denn es fasst alle Substanzen, die in den CGRP-Signalweg eingreifen – monoklonale Antikörper und Gepante – in einer Gruppe zusammen und sieht vor, das wirtschaftlich günstigste Präparat als Leitsubstanz zu definieren. Nach Einschätzung der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG) könnte das die Verordnung beeinflussen und einen Wechsel auf andere Wirkstoffe erschweren, falls Betroffene individuell nicht ansprechen. Die DMKG appelliert deshalb an Kostenträger und Gesundheitspolitik sowie an Ärzt:innen, die patientenindividuelle Auswahl aus einem breiten Spektrum CGRP-basierter Therapien und die Möglichkeit eines begründeten Therapiewechsels innerhalb der CGRP-Wirkstoffklasse zu erhalten. Angesichts notwendiger Sparmaßnahmen empfiehlt die Fachgesellschaft gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN), die Verordnung auf Betroffene mit relevanten Einschränkungen von Alltag und Arbeitsfähigkeit zu beschränken und diese ausschließlich Neurolog:innen sowie Ärzt:innen mit Zusatzbezeichnung Spezielle Schmerztherapie vorzubehalten [4]. „Die Zukunft der Migräne-Therapie liegt nicht in der Frage, welches Medikament für alle Patient:innen gleichermaßen geeignet ist, sondern welches individuell wirkt – und vor allem rechtzeitig genug eingesetzt wird“, so Prof. Goßrau.
Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG) warnte zum Deutschen Kopfschmerztag am 5. September eindringlich vor starren Vorgaben der gesetzlichen Krankenversicherung und fordert eine leitliniengerechte und individualisierte fachärztliche Migräne-Versorgung [4].
Quelle:Pressekonferenz der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft e.V. (DMKG) am 1. September 2026.
Literatur:
- (1)
Porst M. et al. Migräne und Spannungskopfschmerz in Deutschland. Journal of Health Monitoring 2020; 5 (S6): 2 – 24. (RKI, BURDEN-2020-Studie).
- (2)
Diener H. C. et al. Therapie der Migräneattacke und Prophylaxe der Migräne, S1-Leitlinie 2022, DGN und DMKG, Leitlinien für Diagnostik und Therapie in der Neurologie, abrufbar unter: https://www.dgn.org/leitlinie/therapie-der-migraneattacke-und-prophylaxe-der-migran, letzter Zugriff: 15.09.2026.
- (3)
Versijpt J et al. Calcitonin gene-related peptide-targeted therapy in migraine: current role and future perspectives. Lancet 2025; 405 (10483): 1014 – 1026.
- (4)
Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft (DMKG) und Deutsche Gesellschaft für Neurologie (DGN). Stellungnahme zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz und CGRP-basierten Migränetherapien. Juni 2026.