Doktor Hund: Der Wau-Effekt
Birgit Frohn Dipl. biol.Des Menschen bester Freund sorgt ganz maßgeblich für dessen Wohlbefinden, und das auf allen Ebenen. Für die hohe physische wie psychische Effizienz von Hunden gibt es inzwischen viele wissenschaftliche Belege: die feuchten Schnauzen entfalten umfassende heilende Wirkungen.
„Das Tier macht dem Herze wol…“. Dieses Zitat stammt von dem berühmten Minnesänger Walther von der Vogelweide und spricht dafür, dass man bereits im späten Mittelalter um die heilsame Nähe zwischen Mensch und Tier wusste. Dass dies allen voran für Hunde gilt, ist inzwischen hinreichend wissenschaftlich belegt.
Immer mehr Deutsche kommen auf den Hund
Keine Frage, die Stubentiger stehen hierzulande unangefochten auf dem ersten Platz der Haustiere: 2025 lebten 15,7 Millionen Katzen in 24% der deutschen Haushalte [1]. Hunde rangieren mit einer bundesweiten Anzahl von derzeit 10,0 Millionen auf dem Treppchen direkt darunter [1]. Wobei diese Vierbeiner im Fell bei der Aufholjagd sind. Denn jährlich steigt die Zahl jener, die sich einen Hund an ihre Seite holen: waren es 2015 7,9 sind es nunmehr wie erwähnt 10,0 Millionen [1]. Im EU-weiten Vergleich steht Deutschland übrigens an der Spitze: in keinem anderen EU-Land gibt es so viele Hundebesitzer:innen wie bei uns [1]. Dafür, dass die Fellnasen immer beliebter werden, gibt es viele gute Gründe. Und diese sind geographisch unabhängig.
Dreimal täglich eine Dosis Gassi
Die Forschung zu den positiven gesundheitlichen Effekten von Hunden misst vor allem der mit dem täglichen Gassi verbundenen körperlichen Aktivität eine hohe Relevanz zu. Das gilt insbesondere für kardiovaskuläre Risiken. Darüber hinaus – um noch ein paar weitere der vielen Vorteile zu nennen – stärken die Hunderunden die Immunabwehr, verbessern auf allen Ebenen die Funktionen des Bewegungsapparats und tragen zum Abbau überschüssiger Kilos bei. Angesichts dieses beachtlichen Portfolios ist mitunter auch vom sogenannten Gassi-Geh-Effekt die Rede.
Günstigere kardiale Prognose
Hundehalter:innen sind insgesamt körperlich deutlich aktiver und insofern fitter als Zeitgenossen ohne vierbeinigen Begleiter. Denn sie erreichen deutlich häufiger, nämlich um 34%, die allgemein angeratenen 150 Minuten Bewegung pro Woche [2]. Dabei handelt es sich um jene Zeitspanne, die offiziell zur Stärkung der kardiovaskulären Gesundheit empfohlen wird. Dieses Plus an Bewegungseinheiten wirkt sich auf die kardiale und allgemeine Mortalität aus. Sie wird laut einer Metaanalyse der American Heart Association vermindert [3], da Hundehaltung das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen reduziert [3]. Zu dem Schluss, dass sich die Vierbeiner vorteilhaft auf die Lebensdauer ihrer Frauchen und Herrchen auswirken, kam auch eine andere große Metaanalyse [4]. Sie basierte auf den Daten von mehr als 3,8 Millionen Patient:innen aus zehn prospektiven Studien und zeigte, dass das Halten eines Hundes das allgemeine Mortalitätsrisiko um 24% senkt [4]. Die Herz-Kreislauf-Mortalität war um 31% niedriger als bei Menschen ohne Hund [4]. Auch nach einem überstandenen kardiovaskulären Ereignis sorgen die Gefährten im Fell für eine bessere Prognose im Vergleich zu jener von Patienten ohne Hund [5]. Interessanterweise profitierten dieser Metaanalyse zufolge Singles ohne Partner:in oder Familie am meisten vom Wau-Effekt: bei Infarktpatient:innen war das Sterblichkeitsrisiko um 33 und bei Schlaganfallpatient:innen um 27% geringer [5].
Runter vom Sofa
Hunde halten auch jenseits der regelmäßigen Spaziergänge auf Trab. Denn sie sorgen den ganzen Tag über für kurze Phasen der Bewegung. Da sind etwa die Näpfe mehrmals täglich mit Futter und Wasser zu füllen. Selbstverständlich ist ferner, immer wieder nach den Fellnasen zu sehen, wenn sie nicht im gleichen Raum sind. Mit Spielen, Fellpflege und Streicheln verpasst man sich weitere Bewegungseinheiten. Diese mögen sich für sich allein unbedeutend anmuten, doch sie summieren sich im Laufe des Tages. Was dazu führt, dass Hundehaltung mit weniger langem Sitzen einhergeht und durch die Sitzpausen den Tagesablauf auch zuhause deutlich aktiver gestaltet [6].
Dogging: fit auf sechs Beinen
Dogging steht für Joggen mit einem Hund. Was viele Hundehalter:innen ohnehin seit Langem praktizieren, hat damit einen Namen bekommen. Dogging verbessert die körperliche Fitness von Zwei- wie Vierbeinern enorm und stärkt auch deren emotionales Befinden. Entscheidend für diesen beidseitigen Benefit, und deshalb hier erwähnt ist allerdings, dass der vierbeinige Sportsfreund gut erzogen ist. Er sollte unbedingt das Beifußgehen beherrschen, sich am Tempo orientieren und nicht an der Leine ziehen oder springen. Andernfalls kann Dogging durchaus zu einem Sturz – von Mensch und Hund – und zu Verletzungen führen. Ein gut sitzendes Brustgeschirr ist ebenfalls wichtig.
Tierisch gut drauf
Dass sich Bello & Kolleg:innen auch in psychischer Hinsicht durch wertvolle heilkräftige Wirkungen auszeichnen, erleben zahllose Menschen weltweit täglich – übrigens sowohl mit als auch ohne einen eigenen Hund. Die Forschung untermauert diese Erfahrungen, indem sie dafür zunehmend Indizien liefert.
Stresssenker und Angstlöser
Bereits die reine Anwesenheit und zudem das Streicheln von Hunden reduzieren Stress. Denn dadurch werden komplexe Reaktionen im Hormonsystem und bei der Ausschüttung von Nervenbotenstoffen ausgelöst. Die Blutspiegel der Stresshormone Adrenalin und Cortisol werden gedrosselt. Zeitgleich erhöht sich die Ausschüttung von Serotonin und Dopamin sowie Oxytocin, bekannt als Kuschelhormon. Mit diesen Effekten werden Blutdruck und Herzfrequenz harmonisiert sowie die Aktivität des sympathischen Nervensystems gesenkt. Dies resultiert in einer Stärkung der Stressresistenz, im Abbau von Angstempfindung und in einer allgemeinen Aufhellung der Stimmung. Nicht von ungefähr plädieren Stressforschende für Bürohunde.
Brückenbauer
Hunde bauen in Windeseile Brücken zwischen allen Beteiligten auf. Denn sie integrieren, ohne Fragen und Bewertungen. Damit wird die zwischenmenschliche Kommunikation auf verblüffende Weise rasch offener und damit einfacher. Diese Eisbrecher-Eigenschaft kennt jeder, der tagtäglich Gassi-Runden mit seinem vierbeinigen Freund dreht. Indem Hundehalter:innen häufiger mit anderen Menschen ins Gespräch kommen, sind sie besser sozial vernetzt und integriert [7]. Das trägt ebenso ganz erheblich zu emotionaler Stabilität und entsprechend zu seelischem Wohlbefinden bei [8].
Praxiskollegen mit Fellnasen
Zunehmend mehr niedergelassene Mediziner:innen kommen auf den Hund – soll heißen, sie integrieren die Vierbeiner in ihr Team. Denn solche tierischen Mitarbeitenden bringen viele Vorzüge mit sich. Sie verbreiten allein durch ihre Anwesenheit gute Laune und positive Energie, was umgehend für mehr Wohlbefinden sorgt. Zudem wirken Praxishunde sehr entspannend und beruhigend, was wiederrum Ängste und Schmerzen lindert. Neben Pädiater:innen und Logopäd:innen setzen vor allem Zahnärzte:innen auf Praxishunde. Klar, die Angst vor dem Besuch in ihrer Praxis ist schließlich weit verbreitet. Da kann ein Praxishund schwanzwedelnd erfolgreich dazu beitragen, die Behandlung zu erleichtern und von Befürchtungen abzulenken. Besonders kleine Zahnarztpatient:innen begrüßen das Angebot: die Fellnasen begleiten sie auf den Behandlungsstuhl und stehen auch für Streicheleinheiten zur Verfügung. Wie für alle Therapiehunde gelten auch für Praxishunde strenge Regeln für ihren Einsatz – eine unersetzliche Basis dafür, dass ihre Hilfe in Anspruch genommen werden darf.
Anti-Aging auf vier Hundepfoten
In den letzten Zeilen wurde klar: Hunde sind für jede Altersgruppe ideal. Doch ältere Menschen profitieren noch mehr von ihren vierbeinigen Kameraden. Denn diese sind wahre Kommunikationstalente. Im Umgang mit ihren tierischen Gefährten öffnen sich Menschen ihrer Umwelt mehr und kommen auf diese Weise leichter mit anderen ins Gespräch. Außer als Kontaktbörsen fungieren Hunde als zuverlässiger sozialer Partner. Das ist umso wichtiger, wenn man viel alleine ist, weil das soziale Umfeld im Alter oft nach und nach kleiner wird. Zudem stellte sich heraus, dass Senior:innen mit Hunden nicht nur mehr Kontakte pflegen, sondern auch körperlich und geistig um einiges aktiver sind als Gleichaltrige ohne die Vierbeiner [9]. Weiterhin stellte sich heraus, dass ältere Hundehalter:innen erheblich mehr Kontakte pflegen und einen größeren Bezug zur Realität haben [9]. Hundelose Altersgenoss:innen leben dagegen weitaus mehr in der Vergangenheit und in ihren Erinnerungen. Apropos: Das Gedächtnis und das Erinnerungsvermögen sind bei Hundebesitzer:innen ebenfalls besser.
Gemeinsam nicht mehr einsam
Im Alter wird der Freundes- und Bekanntenkreis nach und nach kleiner. Auch die Familienangehörigen finden vielleicht nicht mehr so viel Zeit für einen. So kann es passieren, dass man viel alleine ist. Umso schöner ist es dann, wenn einem ein Hund das Gefühl gibt, gebraucht und geliebt sowie natürlich regelmäßig aufmerksam versorgt zu werden. Man gibt sich gegenseitig seine Streicheleinheiten, im doppelten Wortsinn.
Literatur:
- (1)
ZZF: Wie viele Hunde, Katzen, Kleinsäuger und Vögel leben in Deutschland?, abrufbar unter: https://www.zzf.de/marktdaten/heimtiere-in-deutschland, abgerufen am 17.09.26.
- (2)
Reeves M. J. et al. The Impact of Dog Walking on Leisure-Time Physical Activity: Results From a Population-Based Survey of Michigan Adults. Journal of Physical Activity and Health 2011; 8: 436 – 444.
- (3)
Levine G. N. et al. Pet Ownership and Cardiovascular Risk. A Scientific Statement from the American Heart Association. Circulation, 2013; 127. doi: 10.1161/CIR.0b013e31829201e1.
- (4)
C. K. Kramer et al. Dog Ownership and Survival: A Systematic Review and Meta-Analysis. Circ Cardiovasc Qual Outcomes 2019; doi: 10.1161/CIRCOUTCOMES.119.005554.
- (5)
Mubanga M. et al. Dog ownership and the risk of cardiovascular disease and death - a nationwide cohort study. Sci Rep 2017; 7(1): 15821. doi: 10.1038/s41598-017-16118-6.
- (6)
Koohsari, M.J. et al. Dog ownership and adults’ objectively-assessed sedentary behaviour and physical activity. Sci Rep 2020; 10: 17487. doi.10.1038/s41598-020-74365-6.
- (7)
Allen C. J. The Human-Dog Bond as a Mediator in the Relationship Between Loneliness and Emotional Well-Being. Human-animal interaction bulletin 2022(6) DOI: 10.1079/hai.2022.0006
- (8)
Taniguchi, Y., Kobayashi, M. Association of new dog ownership with physical activity and social contact: the retrospective study. Sci Rep 2026; 16, 2096. https://doi.org/10.1038/s41598-025-31969-0.
- (9)
Zablan K. et al. Dog ownership, physical activity, loneliness and mental health: a comparison of older adult and younger adult companion animal owners. BMC Psychol. 2024; 12(1): 618. doi: 10.1186/s40359-024-02104-x.