Heiß diskutiert, aber noch kaum versorgungsrelevant: CAR-T-Zelltherapie bei Rheuma
Lukas HoffmannWelche Rolle können Zelltherapien, wie die CAR-T-Zelltherapie, bei der Versorgung von Menschen mit schweren, chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankungen spielen? Darüber tauschten sich Rheumatolog:innen auf dem diesjährigen Fachkongress in Leipzig aus.
CAR-T-Zelltherapie: Gamechanger in der Rheumatologie?
Rund 1,8 Millionen Menschen in Deutschland leiden an einer entzündlich-rheumatischen Erkrankung. Für die meisten dieser Patient:innen sind die Ergebnisse rund um die CAR-T-Zelltherapie noch nicht relevant. Denn für Menschen mit rheumatoider Arthritis, gibt es inzwischen eine Reihe von Medikamenten. Insbesondere Biologika haben sich in den letzten Jahrzehnten etabliert.
Bei manchen Personen, die an sehr schweren, chronisch-entzündlichen Autoimmunerkrankungen wie systemischem Lupus erythematodes (SLE), systemischer Sklerose (SSc) oder Idiopathischen entzündlichen Myopathien (IIM) leiden, schlagen Biologika wie Adalimumab, Etanercept oder Infliximab aber nicht an. Hier setzt die CAR-T-Zelltherapie an, die wegen ihrer beeindruckenden Remissionsraten in den letzten Jahren intensiv diskutiert wird. Auch auf dem diesjährigen Deutschen Rheumatologie Kongress [1],der vom 9. bis 12. September in Leipzig stattfand, war sie ein Hauptthema. Den Enthusiasmus über die neuartige Therapie teilten aber nicht alle.
So wirkt die CAR-T-Zelltherapie
Wenn herkömmliche Medikamente Menschen mit Autoimmunerkrankungen nicht mehr helfen, können fehlerhaft agierende B-Zellen der Grund hierfür sein. Denn anstatt Bakterien und Viren zu bekämpfen, so wie es gesunde B-Zellen tun, bilden diese fehlgeleiteten B-Zellen krankmachende Antikörper, die fortwährend neue Entzündungen entfachen. Bei der CAR-T-Zelltherapie werden den Patient:innen über ein dialyseähnliches Verfahren (Apherese) T-Zellen entnommen und in einem Labor so verändert, dass sie sich gegen die krankmachenden B-Zellen richten. Einige Wochen später werden die gentechnisch veränderten T-Zellen den Patient:innen zurückgegeben.
„Sie wandern in die entzündeten Gewebe ein und vernichten die krankmachenden Immunzellen“, erklärte Prof. Dr. Ina Kötter, Leiterin der Sektion Rheumatologie und entzündliche Systemerkrankungen am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, auf einer Presseveranstaltung des Rheuma-Kongresses. Die neu justierten T-Zellen würden ihre Arbeit offenbar sehr nachhaltig verrichten. „Patienten, die vorher auf nichts angesprochen haben, nicht ohne Kortison mit entsprechenden Nebenwirkungen ausgekommen sind, sind dann plötzlich therapiefrei, und das über lange Zeit“, sagte Kötter.
Starke Zunahme der Forschung zu CAR-T-Zelltherapie
Diese positive Entwicklung im Bereich der CAR-T-Zelltherapie bei Autoimmunpatient:innen hat einen regelrechten Run in der Forschung ausgelöst. In allein 80 Studien wird untersucht, wie die CAR-T-Zelltherapie bei Lupus-Patient:innen wirkt. In 41 Studien werden Patient:innen mit systemischer Sklerose (Scleroderma) untersucht. In 34 Studien geht es um Patient:innen mit Myositis. In all diesen Studien richtet sich die Therapie allein gegen das Protein CD19, daneben gibt es weitere Studien, in denen die Eliminierung kranker B-Zell-Reifungsantigene oder die Vernichtung des Eiweißes CD20 untersucht wird [2].
Besonders gute Ergebnisse erzielte die Therapie beim systemischen Lupus erythematodes, berichtete PD Dr. med. Marc Schmalzing, Leiter des Schwerpunkts Rheumatologie/klinische Immunologie am Universitätsklinikum Würzburg. „Der Rückgang der Proteine war so gut, dass es mancher Nephrologe gar nicht glauben wollte“, sagte er in seinem Fachvortrag. Nicht die T-Zellen, sondern die kurze Chemotherapie mit den Wirkstoffen Fludarabin und Cyclophosphamid hätten zu der starken Reduktion des Proteins geführt, so die Vermutung der Kollegen. Denn so wie die T-Zellen werden auch diese beiden Mittel zur Behandlung von Autoimmunerkrankungen eingesetzt. Aber auch noch 18 Monate nach der Chemotherapie seien die Patient:innen beschwerdefrei gewesen. Eine derart lange Ruhephase ohne Medikamente lasse sich durch die Chemotherapie allein nicht erklären, erklärte Schmalzing.
Aussagekraft der Studienergebnisse ist beschränkt
PD Dr. Melanie Hagen, Leiterin der Studienambulanz der Rheumatologie am Uniklinikum Erlangen, mahnte dazu, die Ergebnisse mit Bodenhaftung zu diskutieren. Ihre Kritik: Die bislang publizierte Evidenz beruhe bislang auf sehr kleinen Fallzahlen. So hat die Erlanger Phase-I-Studie CASTLE [3] nur 24 Teilnehmer:innen, die Berliner Studie COMPARE [4] gar nur sechs Patient:innen. Zu erwähnen sei hier, dass die Skepsis von Prof. Hagen durch das Format bedingt war, da sie in einem Streitgespräch mit Prof. Schmalzing gegen die CAR-T-Zelltherapie und für den Therapieansatz mit T-Zell-Engagern (TCE) argumentieren sollte.
Bei letzterem ist das Wirkprinzip ähnlich der CAR-T-Zelltherapie, der Weg dorthin aber ein anderer. Anstatt Zellen zu entnehmen, sie im Labor umzubauen und Wochen später zurückzugeben, wird hier ein fertiges Medikament infundiert. Es ist also sofort verfügbar, lässt sich bei Nebenwirkungen absetzen und muss, weil es im Körper wieder abgebaut wird, wiederholt gegeben werden. „Die Studienlandschaft zu TCE ist in den letzten Jahren explodiert“, sagte Melanie Hagen und verwies auf verschiedene, kürzlich veröffentlichte Arbeiten zu Mosunetuzumab [5] und Blinatumomab [6], die allerdings auch nur 15 bzw. fünf Teilnehmer:innen umfassen.
Großer Kostenblock und abgebrochene Studien
Die Kosten für die Therapie sind hoch. Ina Kötter schätzt, dass die einmalige Gabe von CAR-T-Zellen einmalig circa 400.000 Euro kostet. Bei den T-Cell-Engagern sind es 150.000 Euro pro Zyklus, wobei manchmal eine wiederholte Gabe notwendig wird. Ein weiterer Dämpfer für die Forschung sind zwei wegen Sicherheitsbedenken gestoppte Studien. Novartis setzte alle acht laufenden Studien zu seiner CAR-T-Therapie Rap-cel bei Autoimmunerkrankungen aus, nachdem drei Patient:innen an den Folgen einer schweren überschießenden Immunreaktion (IEC-HS) gestorben waren. Bristol Myers Squibb stoppte die Aufnahme neuer Teilnehmer:innen in seine Studien zu Zola-cel wegen vorübergehender, rückbildungsfähiger Entzündungsreaktionen, bereits behandelte Patient:innen werden weiter betreut [7].
Nach der Debatte zwischen Hagen und Schmalzing meldete sich eine Zuhörerin zu Wort: Im Gegensatz zur Hämato-Onkologie, in der es oft um das Überleben in wenigen Monaten gehe, hätten chronisch Kranke in der Rheumatologie eine lange Lebenserwartung. Sie wies auf die Nebenwirkungen und die gestoppten Studien in der CAR-T-Zellforschung hin. „Ich denke, wir müssen unseren Enthusiasmus dämpfen und die Therapie als Nischentherapie in der Rheumatologie betrachten“, sagte sie.
Das wollte Marc Schmalzing aber nicht so stehen lassen. Die Herausforderung bestehe darin, die Sicherheit zu erhöhen und aus der Nische herauszukommen. „Unser Anspruch sollte sein, dieses unglaubliche Potenzial für mehr Patienten zu erschließen und es für mehr Rheumatologinnen handhabbar zu machen“, sagte er. Ina Kötter schätzt, dass noch mindestens fünf bis sechs Jahre vergehen werden, bis die beiden Verfahren routinemäßig eingesetzt werden.
Literatur:
- (1)
Deutscher Rheumatologiekongress, 09.-12. September 2026 in Leipzig.
- (2)
Chen Q. et al. CAR-T cell therapy for autoimmune diseases: current clinical trial landscape and the next wave of development, Front. Immunol., 29 May 2026, DOI: 10.3389/fimmu.2026.1853170.
- (3)
CAR-T Cells in Systemic B Cell Mediated Autoimmune Disease (CASTLE), abrufbar unter: https://clinicaltrials.gov/study/NCT06347718, letzter Zugriff: 21.09.2026.
- (4)
Albach F et al. (2026) CD19 CAR T cell therapy for treatment-refractory seropositive rheumatoid arthritis: a phase 1 trial, Nature Medicine, DOI: 10.1038/s41591-026-04603-3.
- (5)
Martins E. et a. Phase Ib, multicentre, open-label, dose-escalation study to evaluate the safety, tolerability, pharmacokinetics and pharmacodynamics of subcutaneously administered mosunetuzumab in participants with systemic lupus erythematosus, Lupus Science & Medicine. 2026;13:e002019, DOI: 10.1136/lupus-2026-002019.
- (6)
Düsing C. et al. Bispecific T cell engagers for treatment-refractory autoimmune connective tissue diseases, Nat Med 32, 1530–1542 (2026), DOI: 10.1038/s41591-026-04238-4.
- (7)
PharmExec.com: „Novartis, Bristol Myers Pause Autoimmune CAR-T Trials Over Safety Concerns: Report“, abrufbar unter: https://www.pharmexec.com/view/novartis-bristol-myers-pause-autoimmune-cart-trials-safety-concerns, letzter Zugriff: 21.09.2026.