Kardiovaskuläres Erkrankungsrisiko steigt bei Hitze
Lukas HoffmannWenn Ärzt:innen über die Gefahren von Hitze aufklären, profitieren Menschen mit kardiovaskulärer Problematik, weil sie ihr Verhalten anpassen können. Doch auch der Wohnort und der sozioökonomische Status entscheiden mit, wie verwundbar jemand bei Hitze ist.
Im Juni kletterten die Temperaturen in vielen Orten Deutschlands auf über 40 Grad Celsius. Eine solche extreme Hitze wirkt sich auf die kardiovaskuläre Gesundheit aus. Besonders betroffen sind Menschen über 65 Jahre, Schwangere und Personen, die im Freien arbeiten. Bereits ein Temperaturanstieg um 1°C kann die kardiovaskuläre Sterblichkeit bei älteren Menschen um 4% erhöhen [1]. Aber nicht alle Menschen sind gleichermaßen gefährdet. Eine 85-jährige Hamburgerin mit Herzschwäche kann einem gänzlich anderen Risiko ausgesetzt sein als eine gleichaltrige Berlinerin mit demselben Leiden.
Gehört die Hamburgerin zu einer wohlhabenden und die Berlinerin zu einer sozioökonomisch benachteiligten Bevölkerungsschicht, so ergibt sich hier bereits ein erster Differenzierungsfaktor. Denn Menschen aus einkommensschwachen Haushalten sind grundsätzlich anfälliger für hitzebedingte kardiovaskuläre Vorfälle. Dies zeigt eine Untersuchung aus den USA vom Team des Cardiovascular Research Institute in Cleveland, Ohio. Dabei sehen die Forscher:innen insbesondere bei einkommensschwachen Gruppen im Süden und Mittleren Westen der USA ein erhöhtes Risiko zu erkranken oder zu sterben. Bis 2050 könnte sich die kardiovaskuläre Krankheitslast in Kansas verfünffachen, in Tennessee sogar verneunfachen [2].
Chronische Vorerkrankungen erhöhen Risiko
Dr. Alexandra Schneider, stellvertretende Direktorin des Instituts für Epidemiologie am Helmholtz Zentrum München, sieht die höhere Vulnerabilität von Menschen mit niedrigem Einkommen auch im Zusammenhang mit gesundheitlichen Ungleichheiten. „Studien zeigen, dass bestimmte gesundheitliche Risikofaktoren und chronische Erkrankungen in sozial benachteiligten Bevölkerungsgruppen häufiger auftreten“, sagt sie. Dazu zählen unter anderem Übergewicht, Tabakkonsum oder Bewegungsmangel. Diese Faktoren werden nicht nur durch individuelles Verhalten, sondern auch durch die Wohnsituation, die Arbeitsbedingungen, die Stressbelastung sowie dem Zugang zu gesundheitsfördernden Angeboten beeinflusst.
Zusammen mit Kolleg:innen hat Schneider errechnet, wie sich die hitze- und kälteassoziierte Sterblichkeit in den 15 größten, deutschen Städten bei fortschreitender Klimaerwärmung entwickelt [3]. Sterben zukünftig möglicherweise sogar weniger Menschen, weil die kältebedingte Sterblichkeit durch die Erwärmung zurückgeht?
Die Antwort ist: Nein. Tatsächlich überwiegt der Hitzeeffekt. Bei einem globalen Temperaturanstieg von 1,5 Grad gegenüber vorindustrieller Zeit, der im Jahr 2024 das erste Mal erreicht wurde, sind die Effekte noch moderat. Steigt die globale Temperatur um 3 Grad an, würden deutschlandweit aber 10 Personen pro 100.000 mehr sterben. Allerdings ist die Situation in den verschiedenen Städten unterschiedlich. Liegen sie südlich oder kontinentaler, nimmt der Hitzestress zu. Maritim geprägte Städte im Norden hingegen erleben seltener Temperaturextreme.
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Als bevorzugte Quelle auswählenTemperaturassoziierte Übersterblichkeit bei 3 °C Erwärmung
Die Grafik zeigt, dass bei einer Erwärmung um 3° Celsius die Kältesterblichkeit in den vier deutschen Millionenstädten Berlin, Hamburg, Köln und München zurückgeht, während die Hitzesterblichkeit steigt. Allerdings fällt der Hitzeeffekt in Berlin, Köln und München deutlicher aus als der Kälteeffekt. Nur in Hamburg ist es umgekehrt. Hier überwiegt der Rückgang der Kältetoten den Anstieg der Hitzetoten knapp. Bei einem Temperaturanstieg um drei Grad würde in Hamburg folglich eine Person pro 100.000 Einwohner weniger sterben. Allein aufgrund ihres Wohnorts hätte die oben angeführte 85-jährige Hamburgerin also ein geringeres Sterberisiko als die Berlinerin. Beachtet werden muss bei diesen Werten allerdings, dass sie statistisch unsicher sind. Das Konfidenzintervall für Hamburg reicht beispielsweise von -21,7 bis +32,2.
Hitzeaktionspläne der Kommunen
In die obige Hochrechnung ist nicht eingerechnet, wie konsequent in den nächsten Jahren auf kommunaler und städtischer Ebene Hitzeaktionspläne umgesetzt werden. Eine im Dezember 2025 veröffentlichte Studie zur Effektivität von Hitzeaktionsplänen in 102 Städten aus 14 europäischen Ländern kommt zu dem Schluss, dass sich die hitzebedingte Sterblichkeit durch solche Pläne um rund 25 Prozent reduzieren lässt [4]. Allerdings fällt die Ausarbeitung der Maßnahmen in den verschiedenen Städten unterschiedlich aus. Sowohl die Landesregierung in Berlin als auch die in Hamburg wurden hierfür von der Opposition kritisiert.
So bezeichnete Sandro Kappe, Sprecher für Umwelt und Klima in der Hamburger CDU-Fraktion, den im vergangenen Jahr verabschiedeten Hitzeaktionsplan des Hamburger Senats als „rot-grünes Stückwerk“ [5]. Benedikt Lux, Sprecher der Grünen für Umwelt und Naturschutz im Berliner Abgeordnetenhaus, nannte den Berliner Hitzeplan eine „Sammlung von netten, teils hilfreichen Tipps“ [6]. Schneider hat nicht die Erfahrung gemacht, dass Länder und Kommunen einer besseren Hitzeprävention gleichgültig gegenüberstehen. Im Gegenteil: „Das Interesse besteht, aber es ist insgesamt schwierig, weil häufig das Geld fehlt“, sagt sie.
Für die Klimatisierung von Gebäuden wie Pflegeheimen oder Kliniken, in denen kranke oder alte Menschen versorgt werden, sollte aber Geld ausgegeben werden, findet sie. „Es werden bei uns neue Krankenhäuser gebaut, die nicht einmal auf der Intensivstation eine Klimaanlage haben“, sagt sie. „Das hat mich ehrlich gesagt schockiert.“
Enge Betreuung in kardiologischer Praxis senkt Hitzerisiko
Auch eine Aufklärung über die pathophysiologischen Prozesse, die durch die Hitze im Körper in Gang gesetzt werden, kann die Vulnerabilität senken. Ist die Berlinerin beispielsweise Patientin einer kardiologischen Praxis, in der gewissenhaft über die Folgen von Hitze aufgeklärt wird, weiß sie, dass sie die Dosierung ihrer Diuretika ab einer bestimmten Tagestemperatur um ein bestimmtes Maß reduzieren muss. Außerdem hat sie mit ihrer Kardiologin besprochen, wie viel sie an Hitzetagen trinken darf, um ihr Herz nicht zusätzlich zu belasten und wiegt sich morgens und abends, um Flüssigkeitsverschiebungen zu erkennen.
Eine Senkung der Mortalität durch eine kardiovaskuläre Beratung ist zwar noch nicht nachgewiesen. Sie wird von Fachgesellschaften, wie etwa der European Society of Cardiology (ESC) aber empfohlen [7]. Immerhin: Eine Schweizer Studie zeigt, dass die unreflektierte Einnahme von blutdrucksenkenden Medikamenten bei Hitze zu einem erhöhten Mortalitätsrisiko führen kann [8]. Die Autor:innen der Studie, die am Swiss Tropical and Public Health Institute der Universität Basel beschäftigt sind, untersuchten kardiovaskuläre Todesfälle und Notfall-Krankenhauseinweisungen in der Schweiz zwischen 1998 und 2016. Sie fanden dabei ein auffälliges Muster: An heißen Tagen stieg die kardiovaskuläre Sterblichkeit an, während die Notfalleinweisungen zugleich sanken. Die Autor:innen erklären diese „Lücke“ zwischen steigender Sterblichkeit und sinkenden Einweisungen mit dem kombinierten Effekt von Hitze und blutdrucksenkenden Medikamenten. Patient:innen sterben demnach eher zu Hause, etwa weil sie die Dosierung ihrer Medikamente nicht angepasst haben, und kommen deshalb gar nicht mehr in die Notaufnahme.
Umso wichtiger ist es, Patient:innen frühzeitig aufzuklären, am besten im Frühjahr bevor die Hitzesaison startet, findet Schneider. „Interessant ist, dass Kardiologen über Kälte gut Bescheid wissen, weil schon seit Jahrzehnten bekannt ist, dass Kälte und kardiovaskuläre Erkrankungen zusammenhängen“, sagt sie. „Aber bei Hitze ist dieses Wissen zum Teil noch nicht vorhanden.“
Literatur:
- (1)
Bunker A et al. (2016) Effects of Air Temperature on Climate-Sensitive Mortality and Morbidity Outcomes in the Elderly; a Systematic Review and Meta-analysis of Epidemiological Evidence, eBioMedicine, DOI: 10.1016/j.ebiom.2016.02.034
- (2)
Parameswaran G et al. (2026) Projected US Cardiovascular Disease Burden From Heat Exposure for Future Greenhouse Gas Scenarios, JAMA Cardiology, DOI: 10.1001/jamacardio.2026.1240
- (3)
Breitner-Busch S, et al. (2025) An estimation of future heat- and cold-associated mortality in the largest15 cities in Germany. Dtsch Arztebl Int 2025; 122: 699–700. DOI: 10.3238/arztebl.m2025.0180
- (4)
Urban A et al. (2025) The effectiveness of heat prevention plans in reducing heat-related mortality across Europe, Environmental Research, DOI: 10.1088/1748-9326/ae2775
- (5)
Hitzeaktionsplan des Hamburger Senats, abrufbar unter: https://cduhh.de/kappe-hitzeaktionsplan-rot-gruenes-stueckwerk-fuer-hamburg/, zuletzt abgerufen am 05.08.2026.
- (6)
TAZ-Artikel: Hitzekonzepte in Berlin und Barcelona- Heißes Pflaster, abrufbar unter: https://taz.de/Hitzekonzepte-in-Berlin-und-Barcelona/!6197093/, zuletzt abgerufen am 05.08.2026.
- (7)
European Society of Cardiology: Climate change and cardiovascular disease – the impact of heat and heat-health action plans, abrufbar unter: https://www.escardio.org/communities/councils/cardiology-practice/scientific-documents-and-publications/ejournal/volume-22/climate-change-and-cardiovascular-disease-the-impact-of-heat-and-heat-health-a/, zuletzt abgerufen am 05.08.2026.
- (8)
Schulte F et al. (2021) Heat-related cardiovascular morbidity and mortality in Switzerland: a clinical perspective, Swiss Medical Weekly, DOI: 10.4414/SMW.2021.w30013