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Medizin

30. April 2020 Schilddrüse: Entwicklung und Pathologie in allen Lebensabschnitten

Etwa ab der zwölften Schwangerschaftswoche beginnt die Schilddrüse mit der Hormonproduktion und begleitet uns danach ein Leben lang. Dabei beeinflusst das kleine Organ die geistige sowie motorische Entwicklung in jungen Jahren und reguliert auch später noch zahlreiche Körperfunktionen. Darunter fallen zum Beispiel das Herz-Kreislauf-System, der Energiestoffwechsel und das Wachstum von Knochen und Muskelgewebe. Eine Funktionsstörung der Schilddrüse kann entsprechend weitreichende Folgen haben. Da die Symptome oft unspezifisch sind, also zu mehreren Ursachen passen, dauert es mit unter bis die Ärzte eine erkrankte Schilddrüse feststellen. Wie die Untersuchung, die Interpretation der Ergebnisse und die anschließende Entscheidung zur weiteren Behandlung aussehen ist dabei direkt vom Alter und den unterschiedlichen Lebenslagen abhängig.
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Fachinformation
Insbesondere bei Kindern und in der Pubertät ist eine funktionierende Schilddrüse für die körperliche und geistige Entwicklung wichtig. Eine unbehandelte Erkrankung kann schwerwiegende Folgen haben. Das gilt bereits für den Fetus im Bauch der Mutter. Schwangere und Frauen mit Kinderwunsch sollten die Schilddrüse deshalb routinemäßig überprüfen lassen. Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit für Schilddrüsenerkrankungen sowohl bei Männern als auch bei Frauen an. Häufig sind knotige Veränderungen, diese bleiben jedoch oft unbemerkt. Kommt noch eine Unter- oder Überfunktion hinzu, wirkt sich diese besonders bei Senioren auf das Herz-Kreislauf System und den Knochenstoffwechsel aus. Viele ältere Menschen nehmen zudem mehr Schilddrüsenhormone ein, als sie müssten (1).

Schilddrüse beeinflusst geistige und motorische Entwicklung von Kindern

Die Schilddrüsenhormone regulieren zahlreiche Körperfunktionen wie den Energiestoffwechsel, die Aktivität von Muskeln, Herz oder Kreislauf, sowie die Skelett-Entwicklung. Eine normale Schilddrüsenfunktion ist daher unerlässlich für die geistige und motorische Entwicklung. Aufgrund dessen überprüfen Ärzte die kindliche Schilddrüse direkt im Anschluss an die Geburt beim Neugeborenen Screening. Dadurch lässt sich zum Beispiel die sogenannte angeborene primäre Hypothyreose ausschließen oder direkt behandeln, denn mit einer frühzeitigen Therapie können die kleinen Patienten ein normales Leben führen. Kommt es nach der Geburt zu hormonellen Störungen sind ebenfalls Schilddrüsenerkrankungen die häufigste Ursache. Erster Anhaltspunkt ist ein veränderter TSH-Wert. Welche Werte als „normal“ gelten ist jedoch stark vom Alter und vom Geschlecht abhängig (2). Auch Faktoren wie Übergewicht lassen den TSH-Wert ansteigen. In dieser Situation ist die Diagnose Schilddrüsenunterfunktion schnell gestellt. Tatsächlich normalisiert sich der Wert jedoch, wenn sich das Gewicht reduziert. Wenn Kinder allerdings ohne direkt erkennbaren Grund zunehmen, kann eine Unterfunktion der Schilddrüse vorliegen. Ursache dafür sind zum Beispiel ein Jodmangel aber auch die Hashimoto Thyreoiditis. Letztere wird im Allgemeinen mit Schilddrüsenhormon behandelt. Sobald die jungen Patienten richtig auf ihr Präparat eingestellt sind, baut der Körper die überflüssigen Pfunde wieder ab. Bewegung und gesunde Ernährung unterstützen den Prozess.

Pubertierender Jugendlicher oder doch eine Schilddrüsenerkrankung?
 

In der Pubertät erleben Jugendliche erneut einen geistigen und körperlichen Entwicklungsschub. Auch hormonelle Veränderungen beschäftigen den jungen Körper. Unnötige Behandlungen stellen in dieser sensiblen Phase der Selbstwertentwicklung eine psychische Belastung dar. Sichere Diagnosen sind daher wichtig, bei Schilddrüsenerkrankungen jedoch mit Schwierigkeiten verbunden, da viele Symptome wie Müdigkeit, Gereiztheit oder Gewichtsschwankungen auch natürlicherweise mit der Pubertät einhergehen. Tatsächlich kommen manifeste Schilddrüsenerkrankungen, das heißt unbedingt behandlungsbedürftige Erkrankungen, eher selten vor. Eine Blutuntersuchung kann Licht ins Dunkel bringen. Aber auch bei Teenagern gelten altersabhängige und andere Normbereiche für den TSH-Wert als bei Erwachsenen. Dadurch kommt es teilweise zu einer verfrühten Gabe von Schilddrüsenmedikamenten – auch weil Ärzte um die ernsten Folgen einer unbehandelten Schilddrüsenerkrankung in jungen Jahren für die Entwicklung wissen. In vielen Fällen reguliert sich der TSH-Wert jedoch spontan selbst, weshalb viele Mediziner empfehlen zunächst abzuwarten und zu beobachten, bevor die Entscheidung zur Therapie mit Schilddrüsenmedikamenten fällt (3). Auch Übergewicht treibt den TSH-Wert nach oben. Dadurch fällt es leicht eine Schilddrüsenunterfunktion anzunehmen. Mit entsprechender Diät und regelmäßiger sportlicher Bewegung, normalisieren sich meist aber sowohl Gewicht als auch der TSH-Wert wieder.
 
Autoimmunthyreoiditis häufigste Ursache für eine Schilddrüsendysfunktion bei Erwachsenen
 
Beinahe jede dritte erwachsene Schilddrüse weist krankhafte Veränderungen auf. Ein Viertel davon entwickelt Knoten. Sie gehören zu den häufigen Erkrankungen in Deutschland (4). Nachweisen lassen sie sich über eine Tastuntersuchung oder einen Ultraschall der Schilddrüse. Zur weiteren Bestimmung, heiß, kalt, gutartig (benign) oder bösartig (malign), dienen Schilddrüsenszintigrafie und Feinnadelpunktion. Bösartig sind Knoten jedoch selten. Heiße Knoten könnnen eine Schilddrüsenüberfunktion hervorrufen, diese lässt sich, wie die Schilddrüsenunterfunktion, aber auch zu einer Autoimmunerkrankung wie Morbus Basedow oder Hashimoto Thyreoiditis zurückverfolgen. Da die Symptome wie Müdigkeit, Gewichtszu- und abnahme, Verstopfung, Schlaflosigkeit oder erhöhter Blutdruck mitunter auch auf andere Ursachen außerhalb der Schilddrüse hinweisen, haben viele Patienten vor der Diagnose eine Ärzte-Odyssee zurückgelegt. Über eine Blutuntersuchung lässt sich jedoch leicht feststellen, ob die Schilddrüse aus dem Takt geraten ist. Die anschließende Therapie erfolgt individuell und nach Absprache mit dem Patienten. Dabei ist die Behandlung vor allem darauf ausgelegt, ein unbeschwertes und symptomfreies Leben zu ermöglichen.
 
Senioren nehmen oft zu viel Schilddrüsenhormone ein
 
Mit zunehmendem Alter steigt die Wahrscheinlichkeit für eine krankhafte Veränderung der Schilddrüse sowohl bei Frauen als auch bei Männern (4). Ebenso kletter der TSH-Wert natürlicherweise nach oben (5). Bis vor einigen Jahren wurde dieser Umstand jedoch wenig beachtet, sodass Senioren oft vorschnell Medikamente erhielten oder in zu hoher Dosis einnahmen. Obwohl inzwischen ein Umdenken erfolgt, ist das Risiko einer Überdosierung mit Schilddrüsenhormonen noch für einige Senioren aktuell. Es gibt derzeit aber keine Belege dafür, dass erhöhte TSH-Werte unter 10 mU/l Nachteile mit sich bringen oder eine Behandlung nützlich ist. Stattdessen stört die Überdosierung den natürlichen Alterungsprozess, was zu Komplikationen führen kann (4). Unter anderem aus diesem Grund sprechen sich Ärzte auch gegen ein generelles Screening der Schilddrüse im höheren Alter aus (6). Regelmäßige Kontrollen sollten stattdessen vermehrt bei Patienten stattfinden, die eine Operation der Schilddrüse hinter sich haben, oder bei denen ein konkreter Verdacht auf eine manifeste Schilddrüsenfunktionsstörung besteht (7).
 
Schilddrüse bei Kinderwunsch, Schwangerschaft und Stillzeit
 

Frauen sind häufiger von Schilddrüsenerkrankungen betroffen als Männer. Wenn sich ein Kinderwunsch nicht erfüllt, ist es daher sinnvoll auch an die Schilddrüse zu denken, denn eine Unterfunktion könnte die Ursache sein. Mit entsprechender Behandlung steht einer Schwangerschaft jedoch nichts im Wege. Während der Schwangerschaft steigt die Produktion des Schilddrüsenhormons Thyroxin dann natürlicherweise an, da auch der Fetus mitversorgt wird, bis dieser eine eigene Schilddrüse entwickelt. Eine in dieser Zeit unbehandelte Unterfunktion beeinflusst das ungeborene Kind und führt meist zu einer verzögerten Entwicklung oder Fehl- und Frühgeburten. Es ist daher ratsam die Schilddrüse regelmäßig beim Arzt überprüfen zu lassen. Das gilt auch nach der Entbindung. Innerhalb der ersten 12 Monate entwickeln manche Frauen eine sogenannte Postpartum Thyreoiditis. Während bei einigen diese autoimmunbedingte Funktionsstörung mit entsprechender Behandlung wieder abklingt gibt es auch Patientinnen die permanent auf Schilddrüsenmedikamente angewiesen sind. Verwechselt werden die Symptome leicht mit denen einer Depression, welche im Allgemeinen als Babyblues bezeichnet werden. Neben dem erhöhten Bedarf an Schilddrüsenhormon in der Schwangerschaft und Stillzeit, ist auch der Jodbedarf erhöht. Denn Jod ist ein wichtiger Bestandteil bei der Schilddrüsenhormonproduktion. Die gängige Empfehlung für Frauen mit Kinderwunsch, Schwangere und während der Stillzeit ist daher eine zusätzliche Einnahme von Jod (8).
 
Bloß die Wechseljahre oder doch eine Schilddrüsenerkrankung?

Zwischen dem 40. und 50. Lebensjahr beginnen für gewöhnlich die Wechseljahre bei Frauen (9). In dieser Zeit stellen die Eierstöcke ihre Hormonproduktion um, was zu hormonellen Schwankungen führt. Nach der letzten Regelblutung kann es noch einige Jahre dauern, bis der Hormonhaushalt neu eingestellt ist. Währenddessen treten oft Beschwerden wie Hitzewallungen, Schlafstörungen, Gereiztheit, Nervosität oder Muskelschmerzen auf. Auch Gewichtszunahme und depressive Verstimmungen sind möglich. Gleichzeitig steigt das Risiko einer Schilddrüsenfunktionsstörung. Die Symptome einer Unter- oder Überfunktion können jedoch leicht mit denen der Wechseljahresbeschwerden verwechselt werden. Es ist daher ratsam der Ursache mit einer Blutuntersuchung beim Arzt auf den Grund zu gehen. Die weiterführende Therapie hängt dann von der individuellen Diagnose ab. Ist die Schilddrüse gesund können die Wechseljahresbeschwerden gezielt behandelt werden.

Quelle: Sanofi

Literatur:

(1) https://www.springermedizin.de/hypothyreose/nebenwirkungen/schadet-thyroxingabe-subklinisch-hypothyreoten-senioren-/17850902?searchResult=1.schadet%20thyroxingabe%20subklinisch%20hypothyreoten&searchBackButton=true (zuletzt abgerufen am 09.04.20)
(2) https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GBEDownloadsBz/KiGGS_Laborparameter.pdf?__blob=publicationFile (Seite 54-57; zuletzt abgerufen am 09.04.20)
(3) Krude H. et al. Pädiatrie. 2015; 5: 30-34.
(4) Reiners C. et al. Thyroid. 2014; 14: 926-932.
(5) Vadiveloo et al. J Clin Metab Endocrinol. 2013.
(6) https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Regelmaessige-Schilddruesen-Kontrolle-im-Alter-meist-unnoetig-225906.html (zuletzt abgerufen am 08.04.20).
(7) Kostev et al. Exp Clin Endocrinol Diabetes. 2018.
(8) https://www.thieme.de/de/gynaekologie-und-geburtshilfe/schilddruesenfunktionsstoerungen-schwangerschaft-65908.htm (zuletzt abgerufen am 09.04.20).
(9) World Health Organization (WHO). Research on the menopause in the 1990s: WHO Technical Report Series. Genf: World Health Organization; 1996.


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