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Typ-1-Diabetes

Typ-1-Diabetes: Angehörige erbringen „unsichtbare“ Versorgungsleistung

Das Diabetesmanagement finde primär im Alltag statt, Angehörige würden hier eine „unsichtbare“ Versorgungsleistung erbringen, sagte Prof. Dr. Julia Szendrödi, Präsidentin der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) und Ärztliche Direktorin der Klinik für Endokrinologie, Diabetologie, Stoffwechselkrankheiten und Klinische Chemie am Universitätsklinikum Heidelberg. Beispielhaft verwies sie auf die Versorgung von Kindern mit Typ-1-Diabetes. Die kontinuierliche Glukoseüberwachung erleichtert hier inzwischen das Familienleben. Dennoch müssen die Eltern oder Angehörigen bei Hypoglykämien oder drohenden Entgleisungen reagieren. Dies sei nicht nur eine medizinische, sondern auch eine sozialpolitische Herausforderung „Die Eltern reduzieren ihre Arbeitszeit oder verlassen temporär den Beruf“, sagte Szendrödi. „Und es sind meistens die Mütter, die die Versorgung sicherstellen.“

Pump-Systeme arbeiten noch nicht vollständig autonom

Susanne Fitza, Mutter eines achtjährigen Mädchens mit Typ-1-Diabetes, bestätigte die Worte von Szendrödi. Obwohl ihre Tochter eine Insulinpumpe mit Sensor trage, benötige sie eine Schulbegleitung. Die Pumpe funktioniere nämlich noch nicht vollautomatisch. Bei Mahlzeitenberechnungen und dem Notfallmanagement sei menschliches Eingreifen erforderlich. Für ihre Tochter wurde eine Schulbegleitung bewilligt, doch oft lehnen Krankenkassen diese ab. In Berlin würden beispielsweise viele Schulbegleiter gar nicht bewilligt, sondern oft nur Pflegedienste. Diese fahren die Schule nur kurz an, um die Insulingabe zu leisten, können aber keine kontinuierliche Überwachung des Blutzuckerspiegels gewährleisten. Szendrödi bestätigte, dass es derzeit in Deutschland keine flächendeckend verbindlichen Strukturen für die medizinische Betreuung von Diabetiker:innen an Schulen und Kitas gibt.

Dr. Tobias Wiesner, Vizepräsident der DDG und als angestellter Diabetologe in einem Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) in Leipzig tätig, wies darauf hin, dass es auch bei der ärztlichen Betreuung Lücken gibt: „Patienten müssen zu diabetologischen Schwerpunktpraxen oft weit fahren“, sagte er. „Manchmal sind es 120 bis 180 Kilometer insbesondere im kinderdiabetologischen Bereich.“ Etwa 90% der Typ-1-Diabetiker:innen und rund ein Viertel der Typ-2-Diabetiker:innen würden in einer diabetologischen Schwerpunktpraxis versorgt. Wiesner kritisierte außerdem Datenverluste, die er teilweise veralteten Disease-Management-Programmen (DMP) zuschreibt. Er plädiert für ein digitales Disease-Management-Programm (dDMP), das das analoge DMP ersetzt.

Prof. Ludwig: „Unsere Diskussionen sind privilegiert“

Prof. Dr. Barbara Ludwig, Kongresspräsidentin des Diabetes Kongresses 2026 und Leiterin der klinischen Inseltransplantation und Laborleitung an der Medizinischen Klinik III am Universitätsklinikum Dresden, richtete den Blick über Deutschland hinaus. Weltweit gäbe es viele Menschen, die noch nicht einmal mit Insulin versorgt werden. „Unsere Diskussionen sind häufig privilegiert“, sagte Ludwig. „Das müssen wir uns zugestehen.“

Ungeachtet dessen erlebe die Diabetologie derzeit eine fundamentale Veränderung, die als „Revolution“ bezeichnet werden könne. Ludwig erinnerte an die Einführung wirksamer Wirkstoffklassen, die die Diabetestherapie in den letzten Jahren grundlegend verändert haben, wie GLP-1-Rezeptoragonisten, SGLT2-Inhibitoren und Dual-Agonisten. Eine besondere Dynamik beobachtet sie jüngst im Bereich der Zelltherapien. Neue Studien würden zeigen, dass Stammzellen statt menschlicher Spenderorgane für Transplantationen genutzt werden können [1]. Perspektivisch wäre dann keine Immunsuppression mehr erforderlich. „Wir sehen hier Entwicklungen, die uns perspektivisch sogar die Möglichkeit einer funktionellen Heilung von Patienten mit Typ-1-Diabetes ermöglichen“, sagte Ludwig.

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Quelle:

Online-Pressekonferenz zum 60. Diabetes Kongress der Deutschen Diabetes Gesellschaft am 7. Mai 2026 in Berlin

Literatur:

(1)

Reichman TW. et al. (2025) Stem Cell-Derived, Fully Differentiated Islets for Type 1 Diabetes. N Engl J Med. 2025 Sep 4;393(9):858-868. DOI: 10.1056/NEJMoa2506549.