Operieren uns bald Maschinen?
Birgit Frohn Dipl. biol.Künstliche Intelligenz (KI) erobert nach und nach die Medizin. Auch in die Chirurgie und Operationssäle hält sie Einzug – vom OP-Roboter über Bildanalyse bis hin zur personalisierten Therapieplanung und Qualitätskontrolle. Bereits jetzt eröffnen KI-Systeme viele neue Optionen in der chirurgischen Versorgung. Die Behandler:innen können sie indessen nicht ersetzen.
In der Chirurgie gab es in den letzten Jahren einige epochale Fortschritte, so etwa minimal-invasive Eingriffe und die Minimierung des chirurgischen Traumas. Die nächste Revolution stellt die KI dar. Sie wird laut Prof. Dr. Jörg-Peter Ritz, Chefarzt für Allgemein- und Viszeralchirurgie und Ärztlicher Direktor der Helios Kliniken Schwerin, „auch die Chirurgie revolutionär verändern, beeinflussen und vor allem unterstützen“.
Praktisches Werkzeug und Unterstützungssystem
Nach den Worten von Prof. Ritz ist KI keine Zukunftsvision mehr, sondern sie entwickelt sich zunehmend zu einem praktischen Werkzeug. Dessen Nutzen entfaltet sich entlang des gesamten chirurgischen Behandlungspfads – von der Diagnostik über die Operationsplanung bis hin zu intraoperativer Assistenz, Training und Qualitätskontrolle. „Als Unterstützungssystem erweitert KI die Möglichkeiten des Behandlungsteams, bietet Erleichterung bei Routineaufgaben und infolge Entlastung im Alltag“.
Verbesserte Dokumentation
Eines der Beispiele für die Vorteile ist die Dokumentation, eine sehr zeitaufwändige Aufgabe. „Mittels sprachbasierter KI kann deren Qualität erhöht und der manuelle Aufwand reduziert werden“. Unter anderem, indem die KI die Anamnesen und Patientengespräche automatisch strukturiert, relevante Informationen daraus extrahiert und dann in die Patientenakte (ePA) überträgt. „Diese Ambient Listening genannten Systeme sorgen für umgehende sowie effektive Unterstützung im Alltag und finden entsprechend rasche Verbreitung in Kliniken“. Zudem, so der Chirurg aus Schwerin weiter, entlasten KI-gestützte Verfahren die klinischen und praktischen Routinen in der Administration durch automatisierte Strukturierung von Dokumenten aus Freitext und Extraktion von Abrechnungsinformationen aus OP- und Arztberichten. „Ferner können die Systeme über prognostische Modelle auch Belegung, OP-Slots und Materialflüsse vorausschauend planen“.
Optimierte Ressourcennutzung
Das leitet über zum Aspekt der besseren Nutzung von Ressourcen – vieldiskutiert, nicht zuletzt im Zuge der Klinikreform. Auch hier können KI-Systeme einen wertvollen Beitrag leisten. So werden sie inzwischen eingesetzt, um die Verfügbarkeiten an Personal, Operations- und Intensivkapazitäten sowie technischen Geräten zu prüfen. Auf diese Weise können die Systeme optimale Einsatzzeiten vorschlagen, Engpässe frühzeitig erkennen und eine hohe Auslastung der Operationssäle ermöglichen. „Damit werden die gesamten Abläufe effizienter koordiniert und die Ressourcen optimal genutzt, was zur besseren Auslastung und Planungssicherheit im Klinikalltag beiträgt“. Kostenersparnisse gibt es dazu gleich inklusive mit.
Support beim chirurgischen Training
Auch bei der Fortbildung kann die KI unterstützen. Mittels Verwendung von Bilddaten und OP-Simulatoren können Operateur:innen ihre Fähigkeiten und Kenntnisse in einer risikofreien Umgebung ausbauen: „Anhand eines selbstgesteuerten Lehrplans verfeinern diese ihre Techniken und testen ihre Fertigkeiten in Simulationsübungen aus verschiedenen chirurgischen Disziplinen“, so Prof. Ritz. Das Ziel dessen ist es, durch die KI-gestützten Prozesse objektive Analysen und gezielte Übungen für den individuellen Chirurgen vorzuschlagen, damit dieser seine in der Bildanalyse erkannten Schwachpunkte ausgleichen und verbessern kann. Auf diese Weise werden die Patientensicherheit und das Outcome der Eingriffe ebenfalls effizient durch die KI gefördert.
Kein Ersatz für Operateur:innen
Allen diesen genannten Vorzügen, dem hohen Potenzial und der zunehmenden Anwendung von KI-Prozessen zum Trotz: KI wird nicht operieren und an Stelle von Chirurg:innen treten. Denn: „Sie ersetzt nicht die chirurgische Verantwortung“, so Prof. Ritz. Ein direkter Zugriff auf das chirurgische Vorgehen, der die manuellen Handlungen des Operateurs ersetzt, ist gegenwärtig noch nicht verfügbar und auch nicht für den klinischen Einsatz vorgesehen. „Zumal hierbei, analog zu der Debatte um selbstfahrende Autos, ethische und juristische Aspekte eine ganz grundlegende Rolle spielen und zunächst geklärt werden müssen“.
Quelle:Chirurg:innen werden auf absehbare Zeit nicht durch Maschinen oder KI ersetzt werden. Doch diese werden sie dabei unterstützen, das Risiko von operativen Eingriffen zu senken, den Aufenthalt des Patienten zu optimieren und auf diese Weise die Sicherheit der Patientenversorgung zu verbessern
Online-Pressekonferenz anlässlich des 143. Deutschen Chirurgie Kongresses (DCK 2026) am 14.04.2026
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